Um das Angebot dieser Webseite optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet diese Webseite Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Okay

HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

OVG für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Ur­teil vom 07.03.2012, 3d A 317/11.O

   
Schlagworte: Streik: Lehrer, Streik: Beamte, Beamter: Streikrecht
   
Gericht: Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen
Aktenzeichen: 3d A 317/11.O
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 07.03.2012
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Verwaltungsgericht Düsseldorf, Urteil vom 15.12.2010, 31 K 3904/10.O
   


OBER­VER­WAL­TUN­GS­GERICHT

FÜR DAS LAND NORD­RHEIN-WEST­FA­LEN

IM NA­MEN DES VOL­KES


UR­TEIL

Verkündet am: 7. März 2012 Bi­len
als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le


3d A 317/11.O
31 K 3904/10.O Düssel­dorf


In dem Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren



&


we­gen ei­ner Dis­zi­pli­nar­verfügung (Geld­buße we­gen Teil­nah­me an ei­nem Warn­streik)
hat der Dis­zi­pli­nar­se­nat
auf die münd­li­che Ver­hand­lung

vom 7. März 2012


- 2 -


durch
den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. S c h a c h e l,
den Rich­ter am Ober­ver­wal­tungs­ge­richt H o f f m a n n ,
die Rich­te­rin am Ober­ver­wal­tungs­ge­richt F l o c k e n h a u s ,
die Be­am­ten­bei­sit­ze­rin S a r i g e l i n o g l u, Kon­rek­to­rin,
den Be­am­ten­bei­sit­zer K a u f m a n n, Leh­rer,

auf die Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des ge­gen das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Düssel­dorf vom 15. De­zem­ber 2010

für Recht er­kannt:

Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil wird geändert. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

Die Kläge­rin trägt die Kos­ten des Ver­fah­rens bei-der In­stan­zen.

Das Ur­teil ist we­gen der Kos­ten vorläufig voll­streck­bar. Die Kläge­rin darf die Voll­stre­ckung durch Si­cher­heits­leis­tung in Höhe von 110 % des bei­zu­trei­ben­den Be­tra­ges ab­wen­den, wenn nicht das be­klag­te Land vor der Voll­stre­ckung Si­cher­heit in glei­cher Höhe leis­tet.


Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand:

Die am 7. Ju­ni 19 in C. ge­bo­re­ne Kläge­rin steht als Leh­re­rin (Be­sol­dungs­grup­pe A 12) im Dienst des be­klag­ten Lan­des und wen­det sich mit der vor­lie­gen­den Kla­ge ge­gen ei­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung ih­res Dienst­herrn, mit der ihr we­gen der Teil­nah­me an drei Streiks ei­ne Geld­buße i.H.v. 1.500,00 Eu­ro auf­er­legt wur­de.
 


- 3 -

Die Kläge­rin be­such­te ab dem Jahr 1975 das F. -N. -B. -Gym­na­si­um in C. und er­warb am 8. Ju­ni 1984 die all­ge­mei­ne Hoch­schul­rei­fe. Nach dem Ab­itur stu­dier­te sie von 1984 bis 1986 zunächst an der Uni­ver­sität C. Theo­lo­gie, La­tein und Pädago­gik, da­nach von 1986 bis 1990 So­zi­alpädago­gik an der Fach­hoch­schu­le L. und schloss die­ses Stu­di­um am 29. März 1990 als Di­plom-So­zi­alpädago­gin ab. In der Fol­ge­zeit leis­te­te sie ein An­er­ken­nungs­jahr beim Ju­gend­amt der Stadt U. ab. Nach ei­nem wei­te­ren Stu­di­um an den Uni­ver­sitäten L. und C. so­wie an der Sport­hoch­schu­le L. von 1991 bis 1996 be­stand sie am 18. No­vem­ber 1996 die Ers­te Staats­prüfung für die Lehrämter für die Se­kun­dar­stu­fen I und II mit den Prüfungsfächern Er­zie­hungs­wis­sen­schaft, Deutsch und Sport. Ab dem 1. Fe­bru­ar 1997 hat sie den Vor­be­rei­tungs­dienst mit Schwer­punkt im Gym­na­si­um ab­ge­leis­tet und be­stand am 13. Ja­nu­ar 1999 die Zwei­te Staats­prüfung für die Lehrämter für die Se­kun­dar­stu­fen I und II.

In der Fol­ge­zeit ist die Kläge­rin mehr­fach be­fris­tet als Leh­re­rin im An­ge­stell­ten­verhält­nis ein­ge­stellt wor­den und un­ter­rich­te­te an der Ge­samt­schu­le C. – C1. H. . Mit Wir­kung vom 20. Au­gust 2001 wur­de die Kläge­rin auf ei­ge­nen An­trag un­ter Be­ru­fung in das Be­am­ten­verhält­nis auf Pro­be zur Leh­re­rin zur An­stel­lung er­nannt. Am 10. Ok­to­ber 2002 wur­de sie un­ter Ver­lei­hung der Ei­gen­schaft ei­ner Be­am­tin auf Le­bens­zeit zur Leh­re­rin er­nannt. Vom 20. Au­gust 2001 bis zum 31. Ju­li 2005 wur­de sie an der Re­al­schu­le O. in T. B1. , vom 1. Au­gust 2005 bis zum 31. Ju­li 2006 an der P. -M. -Re­al­schu­le in L. -Q. und seit dem 1. Au­gust 2006 an der Re­al­schu­le Men­den in T. - B1. ein­ge­setzt.

Die Kläge­rin ist seit dem 7. Ju­ni 1996 ver­hei­ra­tet. Sie ist Mut­ter von zwei Töchtern (O1. W. , geb. am 12. März 1994, und B. E. , geb. am 21. Sep­tem­ber 1998).

Sie ist - mit Aus­nah­me der hier in Re­de ste­hen­den Vorwürfe - we­der straf- noch dis­zi­pli­nar­recht­lich vor­be­las­tet. Ih­re dienst­li­che Be­ur­tei­lung vom 24. Mai 2002 schloss sie mit dem Ge­samt­ur­teil „Frau E1. hat sich in der Pro­be­zeit bewährt“ ab. Anläss­lich ih­rer Be­wer­bung für den Aus­land­schul­dienst wur­de sie am 13. Fe­bru­ar 2003 be­ur­teilt. Ih­re Leis­tun­gen wur­den wie folgt be­wer­tet: „Frau E2.

- 4 -

Leis­tun­gen ent­spre­chen den An­for­de­run­gen in be­son­de­rem Maße“. Aus An­lass ih­rer Be­wer­bung um die Stel­le ei­ner Kon­rek­to­rin wur­de sie am 13. Ju­ni 2008 be­ur­teilt. Das Ge­samt­ur­teil lau­te­te: „Die Leis­tun­gen über­tref­fen die An­for­de­run­gen“.

Die Kläge­rin ist Mit­glied in der Par­tei Die Lin­ke und hat bei der letz­ten Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len für die­se im Wahl­kreis S. -T. -L. I (Lis­ten­platz 17) kan­di­diert. In den nord­rhein-westfäli­schen Land­tag ist die Kläge­rin nicht gewählt wor­den. Fer­ner ist sie Mit­glied in der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) und darüber hin­aus stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft S. -T. -L. so­wie Mit­glied der Lan­des­ta­rif­kom­mis­si­on der GEW.

Am 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 und 10. Fe­bru­ar 2009 fan­den in Nord­rhein-West­fa­len auf ent­spre­chen­den Auf­ruf der GEW Warn­streiks und Kund­ge­bun­gen an­ge­stell­ter Lehr­kräfte an öffent­li­chen Schu­len statt. Da­mit soll­te der For­de­rung nach ei­ner Ta­rif­erhöhung um acht Pro­zent Nach­druck ver­lie­hen wer­den. Die Ge­werk­schaft streb­te außer­dem ei­ne an­sch­ließen­de Über­nah­me des Ta­rif­ab­schlus­ses für die Be­am­ten im Schul­dienst des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len an. Die Streik­maßnah­men wa­ren auch Ge­gen­stand der Be­richt­er­stat­tung in den Me­di­en.

Die Kläge­rin nahm oh­ne Ge­neh­mi­gung ih­res Dienst­herrn an die­sen Warn­streiks teil. Die­ser Teil­nah­me an den Warn­streiks ging je­weils ein Gespräch der Kläge­rin mit der Kon­rek­to­rin am 23. Ja­nu­ar 2009 so­wie mit der Schul­lei­te­rin am 26. Ja­nu­ar 2009 vor­aus, in de­nen sie dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, dass ihr als Be­am­tin ein Streik­recht nicht zu­ste­he. Mit Schrei­ben vom 9. Fe­bru­ar 2009 wies die Schul­lei­te­rin die Kläge­rin noch­mals dar­auf hin, dass sie nach dem Be­am­ten­recht kein Recht auf Streik­teil­nah­me ha­be. Ihr Fern­blei­ben vom Un­ter­richt am 28. Ja­nu­ar 2009 und 5. Fe­bru­ar 2009 müsse als pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten der vor­ge­setz­ten Dienst­behörde - der Be­zirks­re­gie­rung L. - ge­mel­det wer­den. Aus die­sen Gründen könne auch der Bit­te um ei­ne Un­ter­richts­frei­stel­lung für den 10. Fe­bru­ar 2009 nicht nach­ge­kom­men wer­den, da es sich er­neut um die Teil­nah­me an ei­ner Streik­ak­ti­on han­de­le.

- 5 -

Durch die Streik­teil­nah­me der Kläge­rin wa­ren an den drei Ta­gen ins­ge­samt 12 Un­ter­richts­stun­den be­trof­fen, von de­nen acht St­un­den er­satz­los aus­fie­len. Am 28. Ja­nu­ar 2009 fie­len die ers­te und zwei­te Un­ter­richts­stun­de (Sport in der Klas­se 7c) so­wie die fünf­te und sechs­te Un­ter­richts­stun­de (Sport in der Klas­se 5d) er­satz­los aus. In der drit­ten Schul­stun­de nah­men die Schüle­rin­nen und Schüler der Klas­se 8c statt am Deutsch­un­ter­richt bei der Kläge­rin am Un­ter­richt an­de­rer Lern­grup­pen teil. In der vier­ten St­un­de er­hielt die­se Klas­se Ver­tre­tungs­un­ter­richt durch ei­ne Fach­lehr­kraft für Deutsch. Am 5. Fe­bru­ar 2009 wur­de die Kläge­rin im Deutsch­un­ter­richt der Klas­se 10c in der drit­ten St­un­de durch ei­ne Fach­lehr­kraft für Deutsch ver­tre­ten. In der vier­ten St­un­de nah­men die Schüle­rin­nen und Schüler die­ser Klas­se am Un­ter­richt an­de­rer Lern­grup­pen teil. Der Deutsch­un­ter­richt in der fünf­ten Schul­stun­de in der Klas­se 7c ent­fiel er­satz­los. Am 10. Fe­bru­ar 2009 fiel auf­grund der Streik­teil­nah­me der Kläge­rin der Deutsch­un­ter­richt in der Klas­se 10c in der fünf­ten und sechs­ten Schul­stun­de er­satz­los aus, das glei­che galt für den Förder­un­ter­richt in Deutsch für den Jahr­gang 5 in der sieb­ten Schul­stun­de.

Im An­schluss an die je­wei­li­ge Streik­teil­nah­me über­nahm die Kläge­rin Ver­tre­tungs­un­ter­richt, der nicht über Mehr­ar­beit ab­ge­gol­ten wur­de. Ins­ge­samt han­del­te es sich da­bei um 17 Schul­stun­den, und zwar um zwei Un­ter­richts­stun­den am 2. Fe­bru­ar 2009 so­wie je ei­ne St­un­de am 9., 18. und 25. Fe­bru­ar 2009, 4., 5., 9., 11., 23. und 25. März 2009, 24. April 2009, 6., 8., 15., 18. und 25. Mai 2009. Der Ver­tre­tungs­un­ter­richt fand nicht in den Klas­sen statt, in de­nen der Un­ter­richt in­fol­ge der Streik­teil­nah­me der Kläge­rin aus­ge­fal­len war.

Die Be­zirks­re­gie­rung L. lei­te­te we­gen der Streik­teil­nah­me der Kläge­rin am 10. Au­gust 2009 ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ge­gen sie ein. Mit Schrei­ben vom glei­chen Tag wur­de die Kläge­rin hierüber un­ter­rich­tet. Zu­gleich wur­de ihr die Möglich­keit ein­geräumt, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 28. Sep­tem­ber 2009 führ­te die Kläge­rin aus, dass sie mit der Teil­nah­me an den Ver­an­stal­tun­gen vom 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 so­wie 10. Fe­bru­ar 2009 kei­nes­wegs die Nich­terfüllung dienst­li­cher Pflich­ten oder die Her­beiführung ei­ner Be­ein­träch­ti­gung des Schul­ab­laufs be­ab­sich­tigt ha­be. Es sei ihr al­lein dar­um ge­gan­gen, ih­re Mei­nung zu we­sent­li­chen bil­dungs­po­li­ti­schen Fra­gen zu äußern und

- 6 -

auf nach ih­rer Auf­fas­sung drin­gend ver­bes­se­rungs­bedürf­ti­ge schu­li­sche Um-stände auf­merk­sam zu ma­chen. Dass es da­bei zu Un­ter­richts­aus­fall ge­kom­men sei, be­daue­re sie sehr. Dies sei je­doch - auch nicht mit­tel­bar - ih­re Ziel­set­zung ge­we­sen. Sie ha­be sich da­her sei­ner­zeit um­ge­hend bei der Schul­lei­tung dar­um bemüht, den Un­ter­richts­aus­fall nach­zu­ho­len. Für die be­trof­fe­nen Klas­sen sei es da­her nicht zu Nach­tei­len ge­kom­men. Sie be­daue­re die Ge­scheh­nis­se sehr, er­ken­ne die ihr ob­lie­gen­den Pflich­ten un­ein­ge­schränkt an und schließe ei­ne Wie­der­ho­lung aus.


Zu dem un­ter dem 27. Ja­nu­ar 2010 ver­fass­ten Er­geb­nis der dis­zi­pli­na­ri­schen Er­mitt­lun­gen er­hielt die Kläge­rin Ge­le­gen­heit zu ei­ner ab­sch­ließen­den Äußerung, von der sie kei­nen Ge­brauch mach­te. Hin­sicht­lich der Ein­zel­hei­ten des Er­mitt­lungs­er­geb­nis­ses - das sich auf die Teil­nah­me an den Streiks am 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 und 10. Fe­bru­ar 2009 be­zieht - wird auf den Er­mitt­lungs­be­richt vom glei­chen Tag (Bei­ak­te Heft 1, Bl. 40 bis Bl. 45) Be­zug ge­nom­men.

Nach Be­tei­li­gung der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten er­ließ die Be­zirks­re­gie­rung L. un­ter dem 10. Mai 2010 - dem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Kläge­rin am 17. Mai 2010 zu­ge­stellt - ei­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung, mit der sie der Kläge­rin we­gen der vor­be­zeich­ne­ten Vorfälle ei­ne Geld­buße i.H.v. 1.500,00 Eu­ro auf­er­leg­te. Zur Be­gründung führ­te sie im We­sent­li­chen aus: Das fest­ge­stell­te Ver­hal­ten der Kläge­rin am 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 und 10. Fe­bru­ar 2009 stel­le ein Dienst­ver­ge­hen dar. Ins­be­son­de­re sei es ent­ge­gen der Ein­las­sung der Kläge­rin hier­durch durch­aus zu ge­wis­sen Nach­tei­len der be­trof­fe­nen Klas­sen ge­kom­men, da die aus­ge­fal­le­nen Un­ter­richts­stun­den dort nicht nach­ge­holt wor­den sei­en. Die Kläge­rin ha­be vorsätz­lich ge­gen die ihr ob­lie­gen­de Pflicht ver­s­toßen, sich mit vol­ler Hin­ga­be ih­rem Be­ruf zu wid­men (§ 57 Satz 1 LBG NRW a.F.), mit ih­rem Ver­hal­ten in­ner­halb und außer­halb des Diens­tes der Ach­tung und dem Ver­trau­en ge­recht zu wer­den, das ihr Be­ruf er­for­de­re (§ 57 Satz 3 LBG NRW a.F.), die von ih­rem Vor­ge­setz­ten er­las­se­nen An­ord­nun­gen aus­zuführen (§ 58 Satz 2 LBG NRW a.F.), und ha­be ent­ge­gen dem Ver­bot ge­han­delt, dem Dienst oh­ne Ge­neh­mi­gung fern­zu­blei­ben (§ 79 Abs. 1 Satz 1 LBG NRW a.F.). Die Kläge­rin ha­be vorsätz­lich ge­han­delt. Dass sie ent­spre­chend ih­rer Ein­las­sung auf nach ih­rer Auf­fas­sung drin­gend ver­bes­se­rungs­bedürf­ti­ge schu­li­sche Umstände ha­be auf-

- 7 -

merk­sam ma­chen und da­mit womöglich auch öffent­li­che In­ter­es­sen ha­be ver­fol­gen wol­len, ma­che ihr Ver­hal­ten nicht rechtmäßig und be­sei­ti­ge ih­ren Vor­satz nicht. Un­er­heb­lich sei in­so­weit, ob die Störung des Schul­be­triebs ge­ra­de ihr Ziel oder nur un­ver­meid­ba­re Ne­ben­fol­ge ih­res Ver­hal­tens ge­we­sen sei. Auch die Be­reit­schaft der Kläge­rin, die versäum­te Un­ter­richts­leis­tung nach­zu­ho­len, ände­re am Vor­lie­gen ei­nes Dienst­ver­ge­hens nichts. Ei­ne Lehr­kraft ha­be den nach dem St­un­den­plan vor­ge­se­he­nen Un­ter­richt zu er­tei­len; dies schließe ei­genmäch­ti­ge Verände­run­gen der Dienst­zei­ten aus. Auf ei­nen un­ver­meid­ba­ren und da­her schuld­aus­sch­ließen­den Ver­bots­irr­tum könne sich die Kläge­rin nicht be­ru­fen, weil sie von der Schul­lei­tung im Vor­hin­ein auf die Un­zulässig­keit ih­res ge­plan­ten Ver­hal­tens aus­drück­lich hin­ge­wie­sen wor­den sei. Mit Blick auf die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens spre­che ei­ni­ges dafür, ge­gen die Kläge­rin ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me mit länger­fris­ti­ger Wir­kung, al­so ei­ne Kürzung der Dienst­bezüge zu verhängen. Dass hier­von ab­ge­se­hen wer­de, ha­be sei­nen Grund al­lein dar­in, dass die Kläge­rin nach den Pflicht­ver­let­zun­gen im­mer­hin 17 Ver­tre­tungs­stun­den ge­leis­tet und da­bei auf Mehr­ar­beits­vergütung ver­zich­tet ha­be, um die aus­ge­fal­le­nen Un­ter­richts­stun­den zu­min­dest fi­nan­zi­ell aus­zu­glei­chen. Dem­ent­spre­chend sei auch ein Be­sol­dungsrück­for­de­rung nach § 9 BBesG un­ter­blie­ben. Gleich­wohl sei an­ge­sichts der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens zu­min­dest ei­ne Geld­buße im mitt­le­ren Be­reich an­ge­bracht, um der Kläge­rin deut­lich zu ma­chen, dass ein un­er­laub­tes Fern­blei­ben vom Dienst auch dann ein schwer­wie­gen­des Dienst­ver­ge­hen dar­stel­le, wenn die versäum­te Ar­beits­zeit später nach­ge­holt wer­de. Die mo­nat­li­chen Brut­to­bezüge be­tra­gen bei der Kläge­rin deut­lich mehr als 3.000,00 Eu­ro. Im Rah­men der ab­sch­ließen­den Anhörung ha­be die Kläge­rin kei­ne An­ga­ben über ih­re Ein­kom­mens- und Vermögens­verhält­nis­se ge­macht, so dass da­von aus­zu­ge­hen sei, dass in­so­weit kei­ne Be­son­der­hei­ten vor­lie­gen. Da­her er­schei­ne ei­ne Geld­buße in der hier aus­ge­spro­che­nen Höhe an­ge­mes­sen.

Ge­gen die­se Dis­zi­pli­nar­verfügung hat die Kläge­rin am 17. Ju­ni 2010 Kla­ge er­ho­ben. Zur Be­gründung hat sie im We­sent­li­chen aus­geführt: Die Dis­zi­pli­nar­maßnah­me sei rechts­wid­rig, weil ein Dienst­ver­ge­hen nicht nach­ge­wie­sen sei. Ins­be­son­de­re stel­le die Teil­nah­me an den Warn­streiks am 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 und 10. Fe­bru­ar 2009 kei­nen Ver­s­toß ge­gen be­am­ten­recht­li­che Pflich­ten

- 8 -

dar. Die Teil­nah­me sei durch die Ausübung des Grund­rechts auf ge­werk­schaft­li­che Betäti­gung in Form der Teil­nah­me an ei­nem ge­werk­schaft­li­chen Streik gemäß Art. 9 Abs. 3 GG ge­recht­fer­tigt. Die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums (Art. 33 Abs. 5 GG) stünden ei­nem Streik­recht der Be­am­ten nicht ent­ge­gen, da das Be­am­ten­recht gemäß dem Ver­fas­sungs­auf­trag fort­zu­ent­wi­ckeln sei. Be­inhal­te der Be­griff „vol­le Hin­ga­be“ ei­ne ge­wis­se un­kri­ti­sche Un­terwürfig­keit, schließe der „vol­le persönli­che Ein­satz“ da­ge­gen auch ein En­ga­ge­ment des Be­am­ten ein, sich um kon­kre­te Ar­beits­be­din­gun­gen zu kümmern und ge­ge­be­nen­falls sich für de­ren Ver­bes­se­rung ak­tiv ein­zu­set­zen. Im Übri­gen stel­le Art. 33 Abs. 5 GG kei­ne Re­zep­ti­on vor­kon­sti­tu­tio­nel­len Rechts dar, son­dern schrei­be le­dig­lich die Be­ach­tung tra­di­tio­nel­ler Rech­te und Pflich­ten vor. Das Streik­recht er­ge­be sich ins­be­son­de­re aus Art. 11 der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK) und aus meh­re­ren Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR). In der Ent­schei­dung vom 12. No­vem­ber 2008 ha­be der EGMR klar­ge­stellt, dass „Mit­glie­der der Staats­ver­wal­tung“ nicht vom An­wen­dungs­be­reich des Art. 11 EM­RK aus­ge­schlos­sen wer­den dürfen. In ei­ner Ent­schei­dung vom 21. April 2009 sei die 3. Sek­ti­on des EGMR so­gar noch wei­ter ge­gan­gen und ha­be fest­ge­stellt, dass auch das Streik­recht durch Art. 11 EM­RK geschützt wer­de und das ge­ne­rel­le Streik­ver­bot für Be­am­te hier­zu im Wi­der­spruch ste­he. Der EGMR knüpfe nicht an die in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land herr­schen­de Sta­tus­theo­rie an, son­dern stel­le auf die je­wei­li­ge Funk­ti­on des Be­am­ten ab. Maßgeb­lich sei da­nach, ob der je­wei­li­ge Be­am­te ho­heit­li­che Be­fug­nis­se im Sin­ne des Art. 33 Abs. 4 GG ausübe. In ei­nem sol­chen Fall könn­ten Ein­grif­fe in das Streik­recht rechtmäßig sein. Ei­nig­keit be­ste­he dar­in, dass die An­wen­dung von Ein­griffs­be­fug­nis­sen ge­genüber dem Bürger ho­heits­recht­li­cher Na­tur sei. Ent­spre­chen­de Auf­ga­ben sei­en in­des bei Leh­rern nicht er­sicht­lich. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ha­be je­den­falls ent­schie­den, dass die Tätig­keit als Lehr­kraft an ei­ner öffent­li­chen Schu­le nicht als Wahr­neh­mung ho­heits­recht­li­cher Be­fug­nis­se im Sin­ne des Art. 33 Abs. 4 GG ein­zu­stu­fen sei. Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Erwägun­gen könne ei­nem aus Art. 33 Abs. 5 GG ab­ge­lei­te­ten Streik­ver­bot für Be­am­te je­den­falls kein höhe­res Ge­wicht zu­kom­men als dem sich aus Art. 9 Abs. 3 GG er­ge­ben­den Streik­recht, wenn von der Streik­maßnah­me aus­sch­ließlich Be­am­tin­nen und Be­am­te be­trof­fen sei­en, die - wie hier die
 


- 9 -

Kläge­rin als Leh­re­rin - kei­ne Tätig­kei­ten ho­heits­recht­li­cher Na­tur ausüben. Bei ei­nem auf höhe­re Be­sol­dung ge­rich­te­ten Streik han­de­le es sich auch nicht um ei­nen un­zulässi­gen „po­li­ti­schen Streik“.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

die Dis­zi­pli­nar­verfügung des Be­klag­ten vom 10. Mai 2010 auf­zu­he­ben.

Das be­klag­te Land hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Zur Be­gründung sei­nes An­trags hat es gel­tend ge­macht: Die von der Kläge­rin ver­tre­te­ne Rechts­au­fas­sung wi­der­spre­che der ständi­gen Recht­spre­chung al­ler mit die­ser Fra­ge be­fass­ten deut­schen Ge­rich­te.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat mit dem an­ge­foch­te­nen Ur­teil die Dis­zi­pli­nar­verfügung vom 10. Mai 2010 auf­ge­ho­ben und zur Be­gründung aus­geführt, dass die­se rechts­wid­rig sei und die Kläge­rin in ih­ren Rech­ten ver­let­ze. Zwar ha­be die Kläge­rin ein ein­heit­li­ches Dienst­ver­ge­hen da­durch be­gan­gen, dass sie an drei Ta­gen während der Dienst­zeit vorsätz­lich an Warn­streiks teil­ge­nom­men und den Dienst versäumt ha­be. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Be­am­ten bil­de we­der ei­nen Recht­fer­ti­gungs- noch ei­nen Ent­schul­di­gungs­grund für das Ver­hal­ten der Kläge­rin. Die Kläge­rin ha­be auch schuld­haft ge­han­delt. Der Be­klag­te ha­be aber auf das Dienst­ver­ge­hen der Kläge­rin nicht mit dem Er­lass ei­ner Dis­zi­pli­nar­verfügung re­agie­ren dürfen. Er sei durch die EM­RK und die zu ihr er­gan­ge­ne Recht­spre­chung des EGMR ge­hin­dert ge­we­sen. Im Ein­zel­nen hat das Ver­wal­tungs­ge­richt hier­zu aus­geführt:

„a) Der EGMR hat in jünge­rer Zeit mehr­fach aus­ge­spro­chen, dass Ver­trags­staa­ten kon­ven­ti­ons­wid­rig han­deln, wenn sie an die Teil­nah­me ei­nes Be­am­ten an ei­nem Streik ei­ne Sank­ti­on knüpfen. Denn nicht nur das abs­trak­te - in Deutsch­land nach dem oben Aus­geführ­ten wei­ter­hin gülti­ge und zu be­ach­ten­de - Streik­ver­bot greift in das Men­schen­recht des Be­am­ten aus Art. 11 EM­RK ein, son­dern auch die Sank­tio­nie­rung der Streik­teil­nah­me im Ein­zel­fall. Für die­sen Ein­griff fehl­te es in den vom EGMR ent­schie­de­nen Fällen an ei­ner Recht­fer­ti­gung, da er nicht - wie es Art. 11 Abs. 2 EM­RK for­dert - „in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig“ (néces­sai­re dans une so­ciété de­mo­cra­tique) war.

So die Ent­schei­dun­gen des EGMR vom 27. März 2007 - Nr. 6615/03 -, Ka­ra­cay; 15. Sep­tem­ber 2009 - Nr. 30946/04 -, L1. und T1. ; 13. Ju­li 2010 - Nr. 33322/07 -, D. , je­weils in französi­scher Spra­che auf der Home­page des EGMR veröffent­licht.
 


- 10 -

Ei­ne un­ter dem Blick­win­kel des Art. 11 Abs. 2 EM­RK aus­rei­chen­de Recht­fer­ti­gung der Dis­zi­pli­nie­rung strei­ken­der Leh­rer ist auch im gel­ten­den Recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht ge­ge­ben. Denn nicht an­ders als das abs­trakt-ge­ne­rel­le Streik­ver­bot (vgl. oben 2a) ist auch die kon­kret-in­di­vi­du­el­le Dis­zi­pli­nar­maßnah­me im Ein­zel­fall „in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig“ nur dann, wenn sie sich auf ge­setz­li­che Ein­schränkun­gen des Streik­rechts stützen kann, die so klar und eng wie möglich die Ka­te­go­ri­en der be­trof­fe­nen Be­am­ten fest­le­gen. Das ist im deut­schen Recht nicht der Fall. Der Ge­setz­ge­ber hat es auch nach den Ent­schei­dun­gen des EGMR bei dem all­ge­mei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­bot des Be­am­ten­streiks be­wen­den las­sen, oh­ne nach den Funk­tio­nen der Be­am­ten zu dif­fe­ren­zie­ren, ins­be­son­de­re ei­ne Be­gren­zung auf die Ausübung ho­heit­li­cher Be­fug­nis­se im en­ge­ren Sin­ne vor­zu­neh­men.

In die­sem Zu­sam­men­hang kann of­fen blei­ben, ob ei­ne aus­rei­chen­de Ein­schränkung be­reits in der Zu­gehörig­keit des Be­am­ten zu ei­ner der in Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK ge­nann­ten Grup­pen von Staats­be­diens­te­ten (Streit­kräfte, Po­li­zei, Staats­ver­wal­tung) lie­gen kann, oh­ne dass es ei­ner aus­drück­li­chen Re­ge­lung im na­tio­na­len Recht bedürf­te. Denn Leh­rer gehören nicht zu die­sen Grup­pen, ins­be­son­de­re nicht zur „Staats­ver­wal­tung“ im Verständ­nis der EM­RK.

Vgl. EGMR, Ent­schei­dung vom 8. De­zem­ber 1999 - Nr. 28541/95 -, Pel­le­grin, NVwZ 2000, 661, 663, mit Hin­weis auf ei­ne Mit­tei­lung der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on vom 18. März 1988; da­zu mit Blick auf Leh­rer: Lörcher, AuR 2009, 229, 241.

Da­nach ver­stieß die hier an­ge­foch­te­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung ge­gen die EM­RK. Denn die Warn­streiks, an de­nen die Kläge­rin teil­nahm, sind von dem durch den EGMR an­er­kann­ten Streik­recht er­fasst. Den Ent­schei­dun­gen des EGMR las­sen sich kei­ne Ein­schränkun­gen in die­ser Hin­sicht ent­neh­men. Es hat da­her bei dem all­ge­mei­nen, seit lan­gem durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt an­er­kann­ten Grund­satz zu ver­blei­ben, dass zu den zulässi­gen Streiks auch Warn­streiks gehören.

Vgl. BAG, Ur­teil vom 17. De­zem­ber 1976 - 1 AZR 605/75 -, BA­GE 28, 295 = AP Nr. 51 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf; Ur­teil vom 21. Ju­ni 1988 - 1 AZR 651/86 -, BA­GE 58, 364 = AP Nr. 108 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf.

Auch für ei­ne sons­ti­ge Un­zulässig­keit der Streiks ist un­ter dem Blick­win­kel der EM­RK nichts er­sicht­lich. Sie wa­ren ins­be­son­de­re nicht un­verhält­nismäßig.

Vgl. zum Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit im Ar­beits­kampf­recht grund­le­gend: BAG (GS), Be­schluss vom 21. April 1971 - GS 1/68 -, BA­GE 23, 292 = AP Nr. 43 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf.

b) Die Ent­schei­dun­gen des EGMR sind zwar nicht un­mit­tel­bar ver­bind­lich, zu­mal sie nicht ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land er­gan­gen sind. Es ent­spricht aber der Völker­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes, dass die Ge­rich­te im Rah­men ih­rer Bin­dung an Ge­setz und Recht auch die Gewähr­leis­tun­gen der EM­RK und die Ent­schei­dun­gen des EGMR zu berück­sich­ti­gen ha­ben. Dies hat in me­tho­disch ver­tret­ba­rer Ge­set­zes­aus­le­gung zu ge­sche­hen. Liegt der Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß in dem Er­lass ei­nes be­stimm­ten Ver­wal­tungs­akts, so hat die zuständi­ge Behörde die Möglich­keit, die­sen schon nicht zu er­las­sen oder - falls dies be­reits ge­sche­hen ist - wie­der auf­zu­he­ben. Ei­ne kon­ven­ti­ons­wid­ri­ge Ver­wal­tungs­pra­xis kann geändert wer-den; die Pflicht da­zu können Ge­rich­te fest­stel­len.

Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 -, BVerfGE 111, 307, 323ff. - Görgülü.

Der Auf­fas­sung des EGMR, dass ei­ne dis­zi­pli­na­re Re­ak­ti­on auf ei­nen Be­am­ten­streik die EM­RK ver­letzt, hätte der Be­klag­te Rech­nung tra­gen können und müssen. Zwar war er nach § 17 Abs. 1 LDG NRW ge­hal­ten, ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten; denn die Kläge­rin hat­te ein Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen. Ei­ner Dis­zi­pli­nar­maßnah­me stan­den auch die §§ 14 und 15 LDG NRW nicht ent­ge­gen (§ 17 Abs. 2 LDG NRW). Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren hätte aber nicht zum Er­lass der Dis­zi­pli­nar­verfügung führen dürfen, son­dern nach § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG NRW ein-ge­stellt wer­den müssen. Über die­se Vor­schrift hätte nach ih­rem Wort­laut der Auf­fas­sung des

- 11 -

EGMR zwang­los Rech­nung ge­tra­gen wer­den können: Ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me war „aus sons­ti­gen Gründen“, nämlich we­gen Ver­s­toßes ge­gen die EM­RK, un­zulässig.


4. Die Dis­zi­pli­nar­kam­mer teilt nicht die in der münd­li­chen Ver­hand­lung geäußer­te Befürch­tung des Be­klag­ten, die Un­zulässig­keit der dis­zi­pli­na­ri­schen Ahn­dung von Verstößen ge­gen das Streik­ver­bot wer­de da­zu führen, dass Be­am­te, ins­be­son­de­re Leh­rer, künf­tig in er­heb­li­chem Um­fang an Streik­maßnah­men teil­neh­men und da­durch die Funk­ti­onsfähig­keit des öffent­li­chen Diens­tes gefähr­den. Zum ei­nen be­deu­tet die Ver­pflich­tung zur Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des EGMR im Rah­men des § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG NRW nicht, dass ei­ne Streik­teil­nah­me fol­gen­los bleibt. Denn ab­ge­se­hen von der mögli­chen be­am­ten­recht­li­chen Rechts­fol­ge des Ver­lus­tes von Dienst­bezügen (vgl. § 62 Abs. 2 LBG NRW, § 9 BBesG), über die in die­sem Ver­fah­ren nicht zu be­fin­den war, muss ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wer­den, das - et­wa bei Un­verhält­nismäßig­keit des Streiks - nicht zwangsläufig mit der Ein­stel­lung en­det. Zum an-de­ren sind Be­am­te in be­son­de­rer Wei­se ver­pflich­tet, Ver­fas­sung und Ge­set­ze zu be­fol­gen (vgl. § 46 Abs. 1 LBG NRW), un­abhängig da­von, ob die Nicht­be­fol­gung sank­ti­ons­be­wehrt ist. Da­her muss da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass sie das ver­fas­sungs­recht­li­che Streik­ver­bot auch dann be­ach­ten, wenn ein Ver­s­toß kei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me nach sich zieht. Wel­che recht­li­chen Kon­se­quen­zen sich ergäben, wenn die­se An­nah­me durch die künf­ti­ge Ent­wick­lung wi­der­legt wer­den soll­te, be­darf hier kei­ner Ent­schei­dung. Of­fen blei­ben konn­te auch, wie zu ent­schei­den ge­we­sen wäre, wenn die Kläge­rin nicht Leh­re­rin, son­dern An­gehöri­ge ei­ner der in Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK ge­nann­ten Grup­pen von Be­am­ten ge­we­sen wäre (vgl. oben 3a).“


Das be­klag­te Land hat ge­gen die­ses Ur­teil, das am 5. Ja­nu­ar 2011 dort zu­ge­stellt wur­de, am 2. Fe­bru­ar 2011 die vom Ver­wal­tungs­ge­richt zu­ge­las­se­ne Be­ru­fung ein­ge­legt und trägt zur Be­gründung vor: Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil sei un­rich­tig. Es ver­ken­ne die ein­fach­ge­setz­li­che Rechts­la­ge, kol­li­die­re mit dem Ver­fas­sungs­recht des Bun­des und sei in sei­ner völker­recht­li­chen Be­wer­tung feh­ler­haft. Zu­tref­fend ge­he die Kam­mer zunächst da­von aus, dass die Kläge­rin durch die Teil­nah­me an den Streiks ein ein­heit­li­ches Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen ha­be. Rechts­feh­ler­haft sei al­ler­dings die Schluss­fol­ge­rung, auf die­ses Dienst­ver­ge­hen ha­be der Dienst­herr nicht mit ei­ner Dis­zi­pli­nar­verfügung re­agie­ren dürfen, weil ei­ne völker­rechts­freund­li­che Aus­le­gung es ge­bie­te, das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­zu­stel­len. Un­strei­tig ha­be die Kläge­rin durch ihr Fern­blei­ben an den drei Ta­gen ge­gen ih­re Dienst­leis­tungs­pflicht ver­s­toßen. Das Recht der Kläge­rin, ih­re Mei­nung kund­zu­tun, ent­bin­de sie nicht von der Pflicht als Be­am­tin, während der Dienst­zeit ih­re dienst­li­chen Ob­lie­gen­hei­ten zu erfüllen. Sie sei nicht be­fugt ge­we­sen, durch die Teil­nah­me an Warn­streiks ih­re Dienst­leis­tungs­pflicht zu ver­let­zen. Streik sei ein funk­ti­ons­ty­pi­sches Mit­tel des Ar­beits­kamp­fes, das auf den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen ge­rich­tet sei. Die Ar­beits­be­din­gun­gen der Be­am­ten würden aber nicht durch Ta­rif­ver­trag, son­dern durch Ge­setz ge­re­gelt. Die Un­zulässig­keit ei­ner Dis­zi­pli­nar­maßnah­me trotz voll­ende­ter Dienst­pflicht­ver­let­zung nach § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG NRW be­tref­fe aus­sch­ließlich Fälle feh­ler­haf­ter Ein­lei­tung oder Durchfüh-
 


- 12 -

rung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens, et­wa bei Han­deln der un­zuständi­gen Behörde, beim Un­ter­las­sen er­for­der­li­cher Be­tei­li­gun­gen oder Anhörun­gen oder wenn ein Be­am­ter nicht dem sach­li­chen Gel­tungs­be­reich der Norm un­ter­fal­le. Ein sol­cher Fall lie­ge hier nicht vor. Ein Dienst­ver­ge­hen, das von vorn­her­ein und ty­pi­scher-wei­se nicht durch ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me ge­ahn­det wer­den dürfe, sei frei­lich nicht denk­bar. Das Ver­wal­tungs­ge­richt ver­ken­ne die recht­li­chen Kon­se­quen­zen der Ver­fas­sungs­la­ge. Das Streik­ver­bot für Be­am­te gel­te selbst als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums. Das Be­am­ten­recht sei von Ver­fas­sungs we­gen sta­tus­be­zo­gen. Ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach der Art des über­tra­ge­nen Am­tes se­he die Ver­fas­sung nicht vor. Die Rechts­an­sicht des Ver­wal­tungs­ge­richts mit Blick auf (sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on des) Art. 11 Abs. 2 EM­RK, wo­nach die Ein­schränkung des Streik­rechts nur be­stimm­te Be­am­ten­ka­te­go­ri­en er­fas­sen dürfe, nicht aber Be­am­te im All­ge­mei­nen, ste­he im Wi­der­spruch zum Ver­fas­sungs­recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Die Einfügung des Fort­ent­wick­lungs­auf­trags in Art. 33 Abs. 5 GG durch die Grund­ge­setz­no­vel­le vom 28. Au­gust 2006 ha­be an den gel­ten­den Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums nichts geändert, son­dern sie zum Maßstab der Fort­ent­wick­lung des öffent­li­chen Dienst­rechts ge­macht. Die Zwei­fel der Kam­mer, ob das deut­sche Be­am­ten­recht ge­mes­sen an den Ent­schei­dun­gen des EGMR eu­ro­pa­kon­form sei, sei­en un­be­gründet. Die zi­tier­ten Ent­schei­dun­gen hätten nicht die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, son­dern die Türkei be­trof­fen. Auch sei­en die Ent­schei­dun­gen des EM­RK nicht auf Deutsch­land über­trag­bar. Ers­tens han­de­le es sich bei den türki­schen Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes nicht um Per­so­nen, de­ren recht­li­cher Sta­tus dem des deut­schen Be­am­ten ent­spricht. Zwei­tens ste­he in Deutsch­land nicht in Zwei­fel, dass sich ne­ben Ar­beit­neh­mern auch Be­am­te zu Ko­ali­tio­nen zu­sam­men­sch­ließen können. Drit­tens sei­en im öffent­li­chen Dienst der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zwei Ar­ten von Beschäftig­ten zu un­ter­schei­den. Zum ei­nen die Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beits­be­din­gun­gen der Re­ge­lungs­be­fug­nis der Ta­rif­par­tei­en un­ter­lie­gen, und zum an­de­ren die Be­am­ten, die der Re­ge­lungs­ge­walt des Ge­setz­ge­bers un­ter­lie­gen. Die Beschäftig­ten im öffent­li­chen Dienst würden da­mit un­ge­ach­tet der Fra­ge, ob sie ho­heit­li­che Be­fug­nis­se wahr­neh­men oder nicht, rein sta­tus­be­ding­te Be­son­der­hei­ten auf­wei­sen. Dass im Be­reich des Schul­we­sens so­wohl An­ge-stell­te als auch Be­am­te als Leh­rer ein­ge­setzt wer­den, ände­re nichts dar­an, dass

- 13 -

der Staat selbst das öffent­li­che Schul­we­sen gewähr­leis­te. Es sei ei­ne le­gi­ti­me Ent­schei­dung des Lan­des Leh­rer mit ih­rem Ein­verständ­nis zu ver­be­am­ten und da­durch die Be­rech­ti­gung ho­heit­li­chen Han­delns mit dem Sta­tus des Le­bens­zeit­be­am­ten zu ver­bin­den. Die vom Ver­wal­tungs­ge­richt ge­for­der­te Klar­heit und Be­stimmt­heit der Ab­grenz­bar­keit des in Art. 11 Abs. 2 EM­RK be­zeich­ne­ten Per­so­nen­krei­ses er­ge­be sich aus dem Be­am­ten­sta­tus. Ein darüber hin­aus­ge­hen­des Er­for­der­nis, den Per­so­nen­kreis so eng wie möglich zu hal­ten, sei Art. 11 EM­RK nicht zu ent­neh­men. Der Ver­trags­staat selbst ha­be hier ei­ne Ent­schei­dungs­präro­ga­ti­ve. Zu be­den­ken sei, dass Leh­re­rin­nen und Leh­rer nicht ver­pflich­tet sei­en, sich ver­be­am­ten zu las­sen. Der Er­werb des Be­am­ten­sta­tus er­fol­ge auf ei­ge­nen An­trag, ihm ge­he stets ei­ne in­di­vi­du­el­le Ent­schei­dung des Beschäftig­ten vor­aus. Die vom Ver­wal­tungs­ge­richt ge­prüfte Fra­ge, ob die der Kläge­rin vor­ge­wor­fe­ne Teil­nah­me an Warn­streiks verhält­nismäßig war, sei für das Ver­fah­ren oh­ne Be­lang. Ins­be­son­de­re sei un­er­heb­lich, ob nach der Recht­spre­chung des BAG Ar­beit­neh­mern Warn­streiks er­laubt sind. Ent­schei­dend sei, dass der Kläge­rin als Be­am­tin die Teil­nah­me an jeg­li­chem Streik un­ter­sagt ge­we­sen sei. Dies al­lein be­rech­ti­ge zur dis­zi­pli­na­ri­schen Ahn­dung. Die Einschätzung des Ver­wal­tungs­ge­richts, die Un­zulässig­keit ei­ner dis­zi­pli­na­ri­schen Ahn­dung von Verstößen ge­gen das Streik­ver­bot wer­de nicht da­zu führen, dass Be­am­te (Leh­rer) künf­tig in er­heb­li­chem Um­fang an Streik­maßnah­men teil­neh­men, sei zum ei­nen nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, zum an­de­ren in der Sa­che aber auch un­zu­tref­fend. Das Ge­gen­teil ergäbe sich ins­be­son­de­re aus Äußerun­gen ei­ner Ver­tre­te­rin der GEW in der Rhei­ni­schen Post vom 15. De­zem­ber 2010. Die vom Ver­wal­tungs­ge­richt verfügte Sank­ti­ons­lo­sig­keit der Rechts­ver­let­zung wer­de mit­hin be­reits ge­zielt in die ge­werk­schaft­li­che Ar­beits­kampf­stra­te­gie ein­be­zo­gen.

Das be­klag­te Land be­an­tragt,

das an­ge­foch­te­ne Ur­teil zu ändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

- 14 -

Sie ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil und führt im We­sent­li­chen aus: Wenn man un­ter­stel­le, die vom be­klag­ten Land verhäng­te Dis­zi­pli­nar­maßnah­me würde ge­richt­lich bestätigt, hätte dies zur Fol­ge, dass der EGMR später fest­stel­len würde, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­gen die EM­RK ver­s­toßen hätte und ihr - der Kläge­rin - evtl. wie im Fall D. . /. Türkei (Ur­teil v. 13. Ju­li 2010 – 33322/07) ei­ne Entschädi­gung für den ent­stan­de­nen im­ma­te­ri­el­len Scha­den - wie
im Fall D1. i.H.v. 1.800 Eu­ro - zu­ge­spro­chen wer­de. Hin­zu­wei­sen sei in die­sem Zu­sam­men­hang noch auf Art. 6 Abs. 2 des Ver­tra­ges über die Eu­ropäische Uni­on vom 13. De­zem­ber 2007, in dem be­stimmt sei, dass die Uni­on der EM­RK bei­tre­te. Wenn die­ser Bei­tritt voll­zo­gen ist, wer­de zu berück­sich­ti­gen sein, dass Uni­ons­recht grundsätz­lich Vor­rang vor na­tio­na­lem Recht ha­be und ein aus dem Grund­ge­setz ab­zu­lei­ten­des Streik­ver­bot nur ins Feld geführt wer­den könn­te, wenn der un­an­tast­ba­re Kern­ge­halt der Ver­fas­sungs­iden­tität in Fra­ge ge­stellt wäre. Auch wenn die EM­RK zum ge­genwärti­gen Zeit­punkt auf der Ebe­ne ein­fa­chen Ge­set­zes­rechts (al­ler­dings er­heb­lich auf­ge­wer­tet durch das Ge­bot völker­rechts­freund­li­cher Aus­le­gung) an­ge­sie­delt sei, wäre es be­denk­lich, wenn die Recht­spre­chung sich jetzt in ei­ne Po­si­ti­on begäbe, die sich nach Über­nah­me der EM­RK als Uni­ons­recht als nur schwer kor­ri­gier­ba­rer Irr­weg dar­stel­len würde. Der EGMR ha­be in sei­ner Ent­schei­dung vom 12. No­vem­ber 2008 – 34503/97 – aus­drück­lich zwi­schen Be­am­ten („ci­vil ser­vants“) und Ar­beit­neh­mern („contrac­tu­al em­ployeers“) un­ter­schie­den. Während die türki­sche Re­gie­rung - wie im vor­lie­gen­den Fall das be­klag­te Land - auf den Sta­tus der Beschäftig­ten ab­ge­stellt ha­be, ha­be der EGMR auf die wahr­ge­nom­me­ne Funk­ti­on ab­ge­stellt. Auch dann wenn nicht ho­heit­lich täti­ge Beschäftig­te for­mal den­sel­ben Sta­tus ha­ben wie Po­li­zis­ten oder be­son­de­re Per­so­nen der Staats­ver­wal­tung, könne ih­nen das Streik­recht nicht vor­ent­hal­ten wer­den. Die Ent­schei­dung des EGMR in dem Ver­fah­ren L1. und T1. . /. Türkei be­tref­fe be­am­te­te Lehr­kräfte, de­ren Teil­nah­me an ei­nem na­tio­na­len Ak­ti­ons­tag mit ei­ner dis­zi­pli­na­ri­schen Ver­war­nung be­legt wor­den sei. Ein si­gni­fi­kan­ter Un­ter­schied zur vor­lie­gend zu be­ur­tei­len­den Teil­nah­me an Warn­streiks sei nicht er­kenn­bar. Der EGMR stel­le ent­schei­dend auf die Funk­ti­on des Be­am­ten und nicht auf des­sen Sta­tus ab. Be­am­te­te Lehr­kräfte würden in Nord­rhein-West­fa­len kaum ho­heit­li­che Tätig­kei­ten ausüben. Die Zeug­nis­se würden nicht durch die Leh­rer, son­dern durch den Schul­lei­ter un­ter­schrie­ben. Zu-
 


- 15 -

ständig für Ver­set­zungs­ent­schei­dun­gen sei die Klas­sen- und Jahr­gangs­stu­fen­kon­fe­renz. Ein­zel­be­wer­tun­gen, wie Klas­sen­ar­bei­ten und Vor­zen­su­ren, sei­en le­dig­lich un­selbständi­ge Ver­fah­rens­hand­lun­gen, die die ei­gent­li­che Ent­schei­dung nur vor­be­rei­ten. Auch die Ent­schei­dung über die Schul­auf­nah­me lie­ge nicht in den Händen der Lehr­kräfte, son­dern bei der Schul­lei­tung. Die EM­RK sei als Aus­le­gungs­hil­fe für die Be­stim­mun­gen des Grund­ge­set­zes her­an­zu­zie­hen. Die Be­son­der­heit lie­ge dar­in, dass die EM­RK in­ter­pre­ta­tiv auf die Grund­rech­te ein­wir­ke, mit­hin die Ände­rung bis­he­ri­ger Aus­le­gun­gen ein­zel­ner Ar­ti­kel be­wir­ken könne. Die Gren­ze ei­ner völker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung sei sehr weit ge­zo­gen. Ein Streik­ver­bot sei für Be­am­te ein­fach­ge­setz­lich nicht ge­re­gelt. Ver­fas­sungs­recht­lich sei das Streik­ver­bot kein her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums. Es han­de­le sich hier­bei al­lein um ein Pro­dukt der Exe­ku­ti­ve, über das der Reichs­tag nie ab­ge­stimmt ha­be. Im Übri­gen sei es nicht zwin­gend, dass die Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen rechtmäßigen Streik, die jahr­zehn­te­lang durch Richter­recht ent­wi­ckelt und fort­ent­wi­ckelt wor­den sei­en, im Verhält­nis „eins zu eins“ auf den Be­am­ten­be­reich über­tra­gen wer­den. Viel­mehr bedürfe es auch in die­sem Fall ei­ner Ent­wick­lung in Li­te­ra­tur und Recht­spre­chung, die mögli­cher­wei­se zu ei­ge­nen Re­geln für den Be­am­ten­streik führen oder zu­min­dest Ab­wei­chun­gen und Be­son­der­hei­ten, die dem Sta­tus der Be­am­ten und sei­nen ge­setz­li­chen und recht­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten Rech­nung tra­gen, zu­las­sen. Durch den Ein­fluss eu­ropäischen Uni­ons­rechts sei das Be­am­ten­recht be­reits er­heb­lich trans­for­miert wor­den. So wer­de bei Ar­beit­neh­mer­schutz­rech­ten nicht mehr zwi­schen „nor­ma­len“ Ar­beit­neh­mern und Be­am­ten dif­fe­ren­ziert. Spätes­tens seit der Ent­schei­dung des EuGH vom 2. Ok­to­ber 1997 - Rs C-1/95 - sei klar­ge­stellt, dass Be­am­te Ar­beit­neh­mer im Sin­ne des EU-Rechts sei­en. Die dar­aus re­sul­tie­ren­den vielfälti­gen Neue­run­gen, ge­gen die sich Tei­le der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit lan­ge Zeit er­heb­lich ge­sträubt hätten, sei­en in das Be­am­ten­recht in­te­griert wor­den, oh­ne die­ses grundsätz­lich in Fra­ge zu stel­len. Ent­spre­chen­des dürf­te für die hier zur Ent­schei­dung ste­hen­de Fra­ge gel­ten.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach­ver­halts im Übri­gen wird auf den In­halt der Ge­richts­ak­te so­wie die in dem Sit­zungs­pro­to­koll im ein­zel­nen be­zeich­ne­ten Bei­ak­ten, wie sie dem Se­nat vor­ge­le­gen ha­ben, Be­zug ge­nom­men.


- 16 -

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :

Die zulässi­ge Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des ist be­gründet.

Die Dis­zi­pli­nar­kam­mer hat zu Un­recht die Dis­zi­pli­nar­verfügung der Be­zirks­re­gie­rung L. vom 10. Mai 2010 auf­ge­ho­ben. Die an­ge­foch­te­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung ist rechtmäßig und ver­letzt die Kläge­rin nicht in ih­ren Rech­ten (§ 3 Abs. 1 LDG NRW i.V.m. § 113 Abs. 1 Satz 1 Vw­GO).

A. Der er­ken­nen­de Se­nat trifft hin­sicht­lich der im Be­ru­fungs­ver­fah­ren er­for­der­li­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen die glei­chen Fest­stel­lun­gen wie be­reits die Dis­zi­pli­nar­kam­mer und ver­weist in­so­weit zunächst auf die auf S. 2 bis 3 des Ur­teils­ab­drucks dar­ge­stell­ten und im We­sent­li­chen auch oben im Tat­be­stand wie­der­ge­ge­be­nen Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils.

Die­ser Sach­ver­halt ist auch zwi­schen den Be­tei­lig­ten un­strei­tig. Da­nach hat die Kläge­rin am 28. Ja­nu­ar, 5. und 10. Fe­bru­ar 2009 oh­ne Ge­neh­mi­gung ih­res Dienst­herrn während ih­rer Un­ter­richts- und Dienst­zeit an von der GEW or­ga­ni­sier­ten Warn­streiks teil­ge­nom­men. Der Teil­nah­me an die­sen Warn­streiks ging je­weils ein Gespräch der Kläge­rin mit der Kon­rek­to­rin der Schu­le am 23. Ja­nu­ar 2009 so­wie mit der Schul­lei­te­rin am 26. Ja­nu­ar 2009 vor­aus. Mit Schrei­ben vom 9. Fe­bru­ar 2009 teil­te die Schul­lei­te­rin der Kläge­rin mit, dass ihr als Be­am­tin kein Streik­recht zu­ste­he und aus die­sen Gründen auch der Bit­te um ei­ne Un­ter­richts­frei­stel­lung für den 10. Fe­bru­ar 2009 nicht nach­ge­kom­men wer­den könne.

B. Die Kläge­rin hat durch die un­ge­neh­mig­te Teil­nah­me an den Warn­streiks während ih­rer Dienst­zeit ein ein­heit­li­ches in­ner­dienst­li­ches Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen i.S.d. §§ 83 Abs. 1 Satz 1 u. 2 i.V.m. §§ 57 Satz 1 u. 3, 58 Satz 2, 79 Abs. 1 Satz 1 LBG NRW in der bis zum 31. März 2009 gel­ten­den Fas­sung (LBG NRW a.F.). Die­ses Dienst­ver­ge­hen der Kläge­rin ist von der Be­zirks­re­gie­rung L. zu Recht mit der hier streit­ge­genständ­li­chen Dis­zi­pli­nar­verfügung vom 10. Mai 2010 mit ei­ner Geld­buße in Höhe von 1.500,00 Eu­ro ge­ahn­det wor­den.

- 17 -

I. Maßgeb­lich ist im vor­lie­gen­den Fall die Rechts­la­ge zum Tat­zeit­punkt, weil sich aus dem In­kraft­tre­ten des Be­am­ten­sta­tus­ge­set­zes vom 17. Ju­ni 2009 - Be­am­tStG - (BGBl. S. 1010) am 1. April 2009 kein ma­te­ri­ell­recht­lich güns­ti­ge­res Recht er­gibt.

Vgl. BVerwG, Ur­tei­le vom 19. Au­gust 2010 - 2 C 5.10 -, NVwZ 2011, 303, vom 25. März 2010 - 2 C 83.08 -, BVerw­GE 136, 173, und vom 25. Au¬gust 2009 - 1 D 1.08 -, Buch­holz 232.0 § 77 BBG 2009 Nr. 1; OVG NRW, Ur­tei­le vom 7. Sep­tem­ber 2011 - 3d A 1489/09.O - und vom 16. Fe­bru­ar 2011 - 3d A 331/10.O -.

Nach § 83 Abs. 1 Satz 1 LBG NRW a.F. (jetzt § 47 Be­am­tStG) be­geht ein Be­am­ter ein Dienst­ver­ge­hen, wenn er schuld­haft sei­ne Pflich­ten ver­letzt.

II. Die Kläge­rin hat durch ih­re un­ge­neh­mig­te Teil­nah­me an den Streiks gleich in vier­fa­cher Hin­sicht ge­gen die ihr ob­lie­gen­den Dienst­pflich­ten ver­s­toßen. Wel­che Pflich­ten der Be­am­te zu be­ach­ten hat, er­gibt sich aus dem kon­kre­ten Pflich­ten­tat­be­stand, der in den Be­am­ten­ge­set­zen, ei­ner all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­re­ge­lung oder in ei­ner Ein­zel­an­wei­sung ent­hal­ten sein kann.

1. Durch die un­ge­neh­mig­te Teil­nah­me an den Streiks hat die Kläge­rin ge­gen die ihr ob­lie­gen­de Dienst­pflicht ver­s­toßen, sich mit vol­ler Hin­ga­be ih­rem Be­ruf zu wid­men (§ 57 Satz 1 LBG NRW a.F., jetzt § 34 Satz 1 Be­am­tStG). Der Be­am­te hat dem Dienst­herrn sei­ne vol­le Ar­beits­kraft zur Verfügung zu stel­len. Da­bei hat der Be­am­te sei­ne körper­li­che und geis­ti­ge Leis­tungsfähig­keit voll ein­zu­brin­gen und die Dienst­auf­ga­ben en­ga­giert zu erfüllen.

Vgl. Nds. OVG, Ur­tei­le vom 7. De­zem­ber 2010 – 20 LD 3/09 -, DÖV 2011, 243, und vom 18. Mai 2010 - 20 LD 13/08 -, DVBl. 2010, 927.

Die­ser Pflicht ist die Kläge­rin nicht nach­ge­kom­men, in­dem sie an drei Ta­gen oh­ne Ge­neh­mi­gung dem Dienst fern­ge­blie­ben ist und ge­genüber den ihr an­ver­trau­ten Schülern kei­nen Schul­un­ter­richt er­teilt hat.

2. Zu­gleich hat die Kläge­rin durch die un­ge­neh­mig­te Streik­teil­nah­me ih­re Pflicht zu ach­tungs- und ver­trau­enswürdi­gen Ver­hal­ten (§ 57 Satz 3 LBG NRW a.F.,

- 18 -

jetzt § 34 Satz 3 Be­am­tStG) ver­letzt. Zu den Dienst­pflich­ten ei­nes Leh­rers - der wie hier nicht durch sei­nen Dienst­herrn von sei­ner Un­ter­richts­ver­pflich­tung be­freit ist - gehören an­ge­sichts des um­fas­sen­den Bil­dungs­auf­trags der Schu­le (§ 2 SchulG NRW) der Un­ter­richt, die Er­zie­hung und Be­treu­ung der ihm an­ver­trau­ten Schüler un­ter Be­ach­tung der El­tern­rech­te. Der Leh­rer trägt die un­mit­tel­ba­re pädago­gi­sche Ver­ant­wor­tung für den Un­ter­richt und die Er­zie­hung der Schüler (§ 57 Abs. 1 SchulG NRW). Der Leh­rer soll die Schüler mit dem gel­ten­den Wer­te­sys­tem und den Mo­ral­vor­stel­lun­gen der Ge­sell­schaft be­kannt ma­chen und sie zu de­ren Ein­hal­tung an­hal­ten. Da­mit der Er­zie­hungs­auf­trag erfüllt wer­den kann, ist von ei­nem Leh­rer be­son­de­re Zu­verlässig­keit und Ver­trau­enswürdig­keit zu ver­lan­gen.

Vgl. OVG NRW, Ur­teil vom 16. Fe­bru­ar 2011 - 3d A 331/10.O -; Nds. OVG, Ur­tei­le vom 7. De­zem­ber 2010 - 20 LD 3/09 -, a. a. O., und vom 22. Ju­ni 2010 - 20 LD 3/08 -, ju­ris.

Die­sen An­for­de­run­gen ist die Kläge­rin nicht nach­ge­kom­men, in­dem sie oh­ne Ge­neh­mi­gung dem Un­ter­richt fern­blieb und sich auch nicht dar­um gekümmert hat, ob der Un­ter­richt von an­de­ren Leh­rern über­nom­men wer­den konn­te oder ob die Pflicht­stun­den zum Nach­teil der ihr an­ver­trau­ten Schüler aus­fal­len muss­ten. Ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten ist mit dem Er­zie­hungs­auf­trag ei­nes be­am­te­ten Leh­rers und dem be­am­ten­recht­li­chen Selbst­verständ­nis nicht ver­ein­bar. Die Kläge­rin hat durch ihr Ver­hal­ten nicht die be­son­de­re Zu­verlässig­keit und Ver­trau­enswürdig­keit of­fen­bart, die für die Erfüllung des Er­zie­hungs­auf­trags der ihr an­ver­trau­ten Schüle­rin­nen und Schüler un­be­dingt er­for­der­lich ist.

3. Fer­ner hat die Kläge­rin durch die un­ge­neh­mig­te Teil­nah­me an den Streiks ge­gen ih­re Dienst­pflicht ver­s­toßen, nicht oh­ne Ge­neh­mi­gung dem Dienst fern­zu­blei­ben (§ 79 Abs. 1 Satz 1 LBG NRW a.F.). Ein Be­am­ter bleibt dem Dienst im Sin­ne die­ser Re­ge­lung fern, wenn er sei­ner in zeit­li­cher und ört­li­cher Hin­sicht kon­kre­ti­sier­ten Dienst­leis­tungs­pflicht nicht Rech­nung trägt und zu der vor­ge­ge­be­nen Zeit nicht am Ort sei­ner dienst­li­chen Tätig­keit er­scheint. Die­ser Vor­schrift liegt - eben­so wie § 9 Abs. 1 BBesG - die for­ma­le Pflicht zum Dienst­an­tritt am Dienst­ort zu­grun­de, d.h. die Pflicht, „we­nigs­tens zum Dienst zu er­schei­nen“.

- 19 -

Vgl. BVerwG, Ur­teil vom 12. De­zem­ber 1979 - 1 D 108.78 -, BVerw­GE 63, 315.

Die Dienst­pflicht der Kläge­rin als Leh­re­rin er­gab sich zum Zeit­punkt ih­re Teil­nah­me an den Warn­streiks im Jahr 2009 in zeit­li­cher und ört­li­cher Hin­sicht aus den §§ 1 und 2 der VO zu § 93 Abs. 2 SchulG vom 18. März 2005 (GV. NRW. S. 218) in der Fas­sung vom 30. April 2008 (GV. NRW. S. 400) und wur­de kon­kre­ti­siert durch den von der Schul­lei­tung fest­ge­setz­ten Wo­chen­stun­den­plan. Die Kläge­rin, die oh­ne Ge­neh­mi­gung an den drei Warn­streiks teil­ge­nom­men hat und in­so­weit ih­rer kon­kre­ti­sier­ten Un­ter­richts­ver­pflich­tung an die­sen drei Ta­gen nicht nach­ge­kom­men ist, hat da­mit ge­gen ih­re Dienst­leis­tungs­pflicht ver­s­toßen. Das gilt auch dann, wenn - wie hier - zu­min­dest teil­wei­se für ei­ne an­der­wei­ti­ge Be­treu­ung der Schüler durch die Schul­lei­tung ge­sorgt wer­den konn­te, denn dies ändert nichts an der dem Leh­rer ob­lie­gen­den höchst­persönli­chen Ver­pflich­tung, den nach dem St­un­den­plan vor­ge­se­he­nen Un­ter­richt zu er­tei­len oder zu­min­dest an­zu­bie­ten. Ein Be­am­ter darf über sei­ne persönli­che Dienst­leis­tungs­pflicht we­der nach ei­ge­nem Gutdünken dis­po­nie­ren noch darf er als Leh­rer ei­genmäch­tig die durch den St­un­den­plan fest­ge­leg­ten Dienst­zei­ten ändern.

4. Die Kläge­rin hat fer­ner durch ih­re un­ge­neh­mig­te Streik­teil­nah­me ge­gen ih­re Ge­hor­sams­pflicht (§ 58 Satz 2 LBG a.F., jetzt § 35 Satz 2 Be­am­tStG) ver­s­toßen. So­wohl im Gespräch mit der Kon­rek­to­rin der Schu­le am 23. Ja­nu­ar 2009 und der Schul­lei­te­rin am 26. Ja­nu­ar 2009 ist sie dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass sie an den Warn­streiks nicht teil­neh­men darf. Gleich­wohl nahm die Kläge­rin an den Warn­streiks am 28. Ja­nu­ar 2009 und 5. Fe­bru­ar 2009 teil. Mit Schrei­ben vom 9. Fe­bru­ar 2009 teil­te die Schul­lei­te­rin der Kläge­rin noch­mals mit, dass sie für die Teil­nah­me an dem Warn­streik am 10. Fe­bru­ar 2009 nicht von ih­rer Un­ter­richts­ver­pflich­tung frei­ge­stellt wird. Ent­ge­gen die­ser An­ord­nung nahm die Kläge­rin gleich­wohl auch an die­sem Warn­streik teil und kam auch in­so­weit ih­rer Un­ter­richts­ver­pflich­tung und ih­rer Ge­hor­sams­pflicht nicht nach.

III. Die Kläge­rin hat vorsätz­lich ge­gen die vor­ste­hend dar­ge­stell­ten Dienst­pflich­ten ver­s­toßen. Zum ei­nen han­delt es sich bei die­sen Dienst­pflich­ten um be­am­ten­recht­li­che Kern­pflich­ten, die oh­ne Wei­te­res für ei­nen Be­am­ten und die Kläge-


- 20 -

rin als Leh­re­rin ein­zu­se­hen wa­ren. Zum an­de­ren ist der Kläge­rin im Vor­feld der Streiks durch die Gespräche mit der Kon­rek­to­rin und der Schul­lei­te­rin so­wie das Schrei­ben vom 9. Fe­bru­ar 2009 hin­rei­chend deut­lich klar­ge­macht wor­den, dass sie für die Teil­nah­me an den Warn­streiks nicht vom Un­ter­richt frei­ge­stellt wird. Hierüber hat sich die Kläge­rin be­wusst und ge­wollt hin­weg­ge­setzt. Ih­re Be­haup­tung, es sei nicht - auch nicht mit­tel­bar - ih­re Ziel­set­zung ge­we­sen, dass es zu Un­ter­richts­aus­fall kom­me, ändert dar­an nichts. Die Kläge­rin hat sich hier nicht außer­halb der Un­ter­richts­zei­ten (z.B. nach Un­ter­richt­sen­de oder in den Fe­ri­en) an ent­spre­chen­den Ak­tio­nen der GEW oder an­de­rer Ver­ei­ni­gun­gen be­tei­ligt, son­dern während der Un­ter­richts­zeit, um den For­de­run­gen Nach­druck zu ver­lei­hen, so dass ihr be­wusst war, dass sich ihr (un­ge­neh­mig­tes) Ver­hal­ten auf den von ihr ab­zu­leis­ten­den Un­ter­richt aus­wirk­te. Sie muss­te da­mit rech­nen, dass nicht sämt­li­che Un­ter­richts­stun­den durch an­de­re Leh­rer auf­ge­fan­gen wer­den konn­ten, die ih­rer­seits ih­rer Dienst- und Un­ter­richts­pflicht nach­ka­men. Dies hat die Kläge­rin durch ih­re un­ge­neh­mig­te Streik­teil­nah­me an drei Ta­gen letzt­lich in Kauf ge­nom­men.

IV. Die Ar­beits­nie­der­le­gung der Kläge­rin we­gen der Teil­nah­me an den Warn­streiks am 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 und 10. Fe­bru­ar 2009 war we­der ver­fas­sungs­recht­lich (1.) noch völker- und eu­ro­pa­recht­lich (2.) und auch nicht mit Blick auf § 103 LBG a.F. (3.) ge­recht­fer­tigt.

1. Die in Art. 9 Abs. 3 GG nor­mier­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit be­gründet für Be­am­te in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land kein Streik­recht (a.). Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit wird hin­sicht­lich der Be­am­ten in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch die in Art. 33 Abs. 5 GG ver­an­ker­ten be­am­ten­recht­li­chen Struk­tur­prin­zi­pi­en ein­ge­schränkt (b.).

a. Be­am­te sind - wie al­le an­de­ren Bürger auch - Grund­recht­sträger. Der persönli­che An­wen­dungs­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG ist nicht ein­ge­schränkt, so dass auch den Be­am­ten die in die­ser Ver­fas­sungs­norm ver­an­ker­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit im Grund­satz zu­steht.

Vgl. BVerfG, Ent­schei­dung vom 30. No­vem­ber 1965 - 2 BvR 54/62 -, BVerfGE 19, 303; Kutz­ki, Be­am­te und Streik­recht - ei­ne ak­tu­el­le Be­stands-


- 21 -

auf­nah­me, DÖD 2011, 169; Goo­ren, Das En­de des Be­am­ten­streik­ver­bots, ZBR 2011, 400 (401).

Art. 9 Abs. 3 GG schützt den Ein­zel­nen in sei­ner Frei­heit, ei­ne Ver­ei­ni­gung zur Wah­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen zu gründen, ihr bei­zu­tre­ten oder fern­zu­blei­ben oder sie zu ver­las­sen. Geschützt ist auch die Ko­ali­ti­on selbst in ih­rem Be­stand, ih­rer or­ga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung und ih­ren Betäti­gun­gen, so­fern die­se der Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen die­nen.

Vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 3. April 2001 - 1 BvL 32/97 -, BVerfGE 103, 293, und vom 27. Ap-ril 1999 - 1 BvR 2203/93 u.a. -, BVerfGE 100, 27; Ur­teil vom 10. Ja­nu­ar 1995 - 1 BvF 1/90 u.a. -, BVerfGE 92, 26.

Be­am­te können sich in­so­weit wie ih­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im pri­vat­recht­lich ge­re­gel­ten Ar­beit­neh­mer­be­reich ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sie­ren. Dies wird von Nie­man­dem in Fra­ge ge­stellt und Be­am­te or­ga­ni­sie­ren sich auch in Deutsch­land in ei­ner Viel­zahl von be­rufsständi­schen Ver­ei­ni­gun­gen (vgl. z.B. BDR, BDZ, BLBS, dbb, DPolG, DSTG, GdP, GdV, VDR, VBB etc.). Die Kläge­rin selbst hat sich im vor­lie­gen­den Fall der GEW an­ge­schlos­sen.

Der Schutz der Ko­ali­ti­ons­frei­heit ist nicht von vorn­her­ein auf ei­nen Kern­be­reich ko­ali­ti­onsmäßiger Betäti­gung be­schränkt, die für die Si­che­rung des Be­stands der Ko­ali­tio­nen un­erläss­lich sind. Er er­streckt sich viel­mehr auf al­le ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen,

vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 11. Ju­li 2006 - 1 BvL 4/00 -, BVerfGE 116, 202, vom 24. April 1996 - 1 BvR 712/86 -, BVerfGE 94, 268, und vom 14. No­vem­ber 1995 - 1 BvR 601/92 -, BVerfGE 93, 352,

und be­inhal­tet nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung und nach all­ge­mei­ner An­sicht,

vgl. BVerfG, Be­schluss vom 2. März 1993 - 1 BvR 1213/85 -, BVerfGE 88, 103; Scholz, in Maunz/Dürig, Grund­ge­setz Kom­men­tar, Art. 9 Rd­nr. 309,

- 22 -

auch das Recht zur Führung von Ar­beitskämp­fen (ins­be­son­de­re Streik­maßnah­men).

b. Aus den vor­ste­hen­den Grundsätzen folgt in­des noch nicht, dass sich auch Be­am­te - wie hier die Kläge­rin - auf ein Streik­recht be­ru­fen können. Die in Art. 9 Abs. 3 GG ga­ran­tier­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit un­ter­liegt, ob­wohl sie oh­ne Ge­set­zes­vor-be­halt gewähr­leis­tet ist, ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten Be­schränkun­gen zum Schutz von Rechtsgütern und Ge­mein­wohl­be­lan­gen, de­nen im glei­chen Maße ver­fas­sungs­recht­li­cher Rang gebührt.

Vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 6. Fe­bru­ar 2007 - 1 BvR 978/05 -, NZA 2007, 394, und vom 26. Ju­ni 1991 - 1 BvR 779/85 -, BVerfGE 84, 212.

Die kol­li­die­ren­den Ver­fas­sungs­rech­te sind in ih­rer Wech­sel­wir­kung zu er­fas­sen und im We­ge der prak­ti­schen Kon­kor­danz so zu be­gren­zen, dass sie für al­le Be­tei­lig­ten möglichst weit­ge­hend wirk­sam wer­den. Die Gren­zen zulässi­ger Be­ein­träch­ti­gun­gen sind über­schrit­ten, so­weit ein­schränken­de Aus­le­gun­gen und Re­ge­lun­gen nicht zum Schutz an­de­rer gleich­ran­gi­ger Rechtsgüter von der Sa­che her ge­bo­ten sind.

Vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 6. Fe­bru­ar 2007 - 1 BvR 978/05 -, a. a. O., vom 27. Ja­nu­ar 1998 - 1 BvL 15/87 -, BVerfGE 97, 169, und vom 26. Ju­ni 1991 - 1 BvR 779/85 -, a. a. O.

Vor die­sem Hin­ter­grund wird die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Be­am­ten in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch die eben­falls mit Ver­fas­sungs­rang - in Art. 33 Abs. 5 GG - ver­an­ker­ten be­am­ten­recht­li­chen Struk­tur­prin­zi­pi­en ge­prägt und ein­ge­schränkt. Nach Maßga­be des Art. 33 Abs. 5 GG ist das Recht des öffent­li­chen Diens­tes un­ter Berück­sich­ti­gung der her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums zu re­geln und fort­zu­ent­wi­ckeln. Art. 33 Abs. 5 GG ist un­mit­tel­bar gel­ten­des Recht und enthält ei­nen Re­ge­lungs­auf­trag an den Ge­setz­ge­ber so­wie ei­ne in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie des Be­rufs­be­am­ten­tums. Un­ter den „her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums“ i.S.d. Ver­fas­sungs­norm ist der Kern­be­stand von Struk­tur­prin­zi­pi­en zu ver­ste­hen, die all­ge­mein oder doch ganz über­wie­gend während ei­nes länge­ren tra­di­ti­ons­bil­den­den Zeit­raums, min­des­tens un-

- 23 -

ter der Reichs­ver­fas­sung von Wei­mar, als ver­bind­lich an­er­kannt und ge­wahrt wor­den sind.

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 6. März 2007 - 2 BvR 556/04 -, BVerfGE 117, 330; Be­schlüsse vom 7. No­vem­ber 2002 - 2 BvR 1053/98 -, BVerfGE 106, 225, und vom 13. No­vem­ber 1990 - 2 BvF 3/88 -, BVerfGE 83, 89.

Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts,

vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, BVerfGE 119, 247, vom 30. März 1977 - 2 BvR 1039/75 u.a. -, BVerfGE 44, 249, und vom 11. Ju­ni 1958 - 1 BvR 1/52 u.a. -, BVerfGE 8, 1,

und des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts,

vgl. BVerwG, Ur­tei­le vom 23. Fe­bru­ar 1994 - 1 D 65.91 -, BVerw­GE 103, 70, - 1 D 48.92 -, Dok­Ber B 1994, 231, vom 10. Mai 1984 - 2 C 18.82 -, BVerw­GE 69, 20, vom 3. De­zem­ber 1980 - 1 D 86.79 -, BVerw­GE 73, 97, vom 22. No­vem­ber 1979 - 1 D 84.78 -, BVerw­GE 63, 293, und vom 16. No­vem­ber 1978 - 1 D 82.77 -, BVerw­GE 63, 158; Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 1977 - 1 DB 12.77 -, BVerw­GE 53, 330,

so­wie ei­ner Viel­zahl von Ober­ge­rich­ten,

vgl. OVG NRW, Ur­teil vom 10. Sep­tem­ber 2007 - 1 A 3529/06 -, ju­ris; Ham­bur­gi­sches OVG, Be-schluss vom 22. Ok­to­ber 1988 - Bs I 195/88 -, DÖV 1989, 127; OVG Ber­lin, Ur­teil vom 18. Feb-ru­ar 1986 - D 16.85 -, Die Per­so­nal­ver­tre­tung 1986, 283,

ist die Un­zulässig­keit des Be­am­ten­streiks - auch in Form von „Warn­streiks“, der ge­ziel­ten Ver­lang­sa­mung der Ar­beits­leis­tung („go-slow“), Dienst nach Vor­schrift (work-to-ru­le“), der un­be­rech­tig­ten Krank­mel­dun­gen („sick-out“) etc. und un­ge­ach­tet ih­rer Dau­er - als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums ver­fas­sungs­recht­lich be­stimmt.

- 24 -

Das Streik­ver­bot für Be­am­te als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums hat zum ei­nen his­to­ri­sche Wur­zeln (aa.), be­ruht zum an­de­ren auf grund­le­gend sys­tem­im­ma­nen­ten dienst­recht­li­chen Un­ter­schie­den zwi­schen pri­vat­recht­lich ge­re­gel­ten An­ge­stell­ten­verhält­nis­sen und dem öffent­lich-recht­lich ge­re­gel­ten Dienst­verhält­nis der Be­am­ten (bb.) und ist zu­dem in der Auf­recht­er­hal­tung der Funk­ti­onsfähig­keit des Staa­tes (cc.) be­gründet.

aa. Die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums und mit­hin die In­sti­tu­ti­on des deut­schen Be­rufs­be­am­ten­tums wer­den durch Art. 33 Abs. 5 GG nicht um ih­rer selbst wil­len geschützt. Die Ver­fas­sungs­be­stim­mung kon­ser­viert nicht „das Gest­ri­ge“, son­dern über­nimmt nur die tra­dier­ten und funk­ti­ons­we­sent­li­chen Grund­struk­tu­ren des Be­rufs­be­am­ten­tums. Der Par­la­men­ta­ri­sche Rat ver­stand das Be­rufs­be­am­ten­tum in­so­weit als ein In­stru­ment zur Si­che­rung von Rechts­staat und Ge­setzmäßig­keit der Ver­wal­tung. Hierfür er­schien ihm ein auf Sach­wis­sen ge­gründe­ter, un­abhängi­ger Be­am­ten­ap­pa­rat, der die Funk­ti­onsfähig­keit des Staa­tes si­cher­stellt, un­erläss­lich. Die Ent­wick­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums ist his­to­risch eng mit der­je­ni­gen des Rechts­staats ver­bun­den. War der Be­am­te ursprüng­lich als sog. „Fürs­ten­die­ner“ al­lein dem Re­gen­ten ver­pflich­tet,

vgl. Bra­ken­siek, Fürs­ten­die­ner, Staats­be­am­te, Bürger, 1999, S. 18, 49, 159, 440, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter:
http://books.goog­le.de/books?id=xZArNL-o724C&print­sec=front­co­ver&hl=de& sour-ce=gbs_ge_sum­ma­ry_r&cad=0#v=snip­pet&q=Be­am­te&f=fal­se,

so veränder­ten sich un­ter dem Ein­fluss der Ide­en der Französi­schen Re­vo­lu­ti­on und der na­po­leo­ni­schen Fremd­herr­schaft im 18. und 19. Jahr­hun­dert die po­li­ti­schen Struk­tu­ren und der Be­am­te wan­del­te sich zum „Staats­die­ner“. Von die­sem Verständ­nis ging auch das „All­ge­mei­ne Land­recht für die Preußischen Staa­ten“ vom 5. Fe­bru­ar 1794 in den §§ 68 ff. un­ter „Zehn­ter Ti­tel. Von den Rech­ten und Pflich­ten der Die­ner des Staats“ in be­zug auf die „Ci­vil­be­am­ten“ aus.

Vgl. Text­ab­druck des ALR im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://www.smi­xx.de/ra/Links_FR/PrALR/PrALR_II_10.pdf

- 25 -

Bay­ern folg­te die­sen Ansätzen, in­dem es im Jahr 1805 als ers­ter deut­scher Staat die Rech­te der Be­am­ten durch ei­ne Dienst­prag­ma­tik si­cher­te und die Ein­griff-möglich­kei­ten der Kro­ne ein­schränk­te.

Vgl. Krauss, Herr­schafts­pra­xis in Bay­ern und Preus­sen im 19. Jahr­hun­dert, 1997, S. 189, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://books.goog­le.de/books?id=xnX80Q8NiSQ C&pg=PA189&lpg=PA189&dq=Bay­ern+Dienst-prag­ma­tik+1805+Be­am­te&sour­ce=bl&ots=-ggXY9QBdl&sig=O7_dkju0s_TNI9P7Au_O1K_O n6A&hl=de#.

In der baye­ri­schen Ver­fas­sung vom 26. Mai 1818 wur­den die­se Be­am­ten­rech­te un­ter § 6 „Ti­tel V. Von Be­son­dern Rech­ten und Vorzügen“ un­ter Be­zug­nah­me auf das Edict über die Verhält­nis­se der Staats­die­ner (Bei­la­ge IX. zur Ver­fas­sungs­ur­kun­de) er­neut be­kräftigt.

Vgl. im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://www.ver­fas­sun­gen.de/de/by/bayern18-in-dex.htm.

Gemäß § 1 des Edicts über die Verhält­nis­se der Staats­die­ner wur­de der Be­am­te aus­drück­lich als „Staats“die­ner be­zeich­net, des­sen Stand durch das „An­stel­lungs-Re­script“ er­wor­ben wird. Ent­spre­chen­de Re­ge­lun­gen ent­hielt auch das Ge­setz be­tref­fend die Rechts­verhält­nis­se der Reichs­be­am­ten vom 31. März 1873,

Reichs­Ge­setz­bl. 1873, S. 61, auch im In­ter­net all­ge­mein­zugäng­lich un­ter: http://www.do­cu­men­t­ar­chiv.de/ksr/1873/reichs-be­am­te-recht­ver­ha­elt­nis­se_ges.html, ent­spre­chen­des galt für das Reichs­be­am­ten­ge­setz i.d.F. der Be­kannt­ma­chung vom 18. Mai 1907 (Reichs-Ge­setz­bl. 1907, S. 245) und der F.v. 21. Ju­li 1922 (Reichs-Ge­setz­bl. I 1922, S. 590),

- Reichs­be­am­ten­ge­setz, im fol­gen­den RBe­amtG -. Nach § 4 RBe­amtG er­hielt der Reichs­be­am­te ei­ne An­stel­lungs-Ur­kun­de und nach § 3 RBe­amtG war je­der Reichs­be­am­te auf die Erfüllung al­ler Ob­lie­gen­hei­ten des ihm über­tra­ge­nen Am­tes eid­lich zu ver­pflich­ten. Das Reichs­be­am­ten­ge­setz ent­hielt in den §§ 5 ff. Re-
 


- 26 -

ge­lun­gen zu den Einkünf­ten, in den §§ 55 f. zur Pen­si­on, in den §§ 61 ff. zur zwangs­wei­sen Ver­set­zung in den Ru­he­stand und in den §§ 80 ff. zu Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren. In § 13 RBe­amtG wur­de aus­drück­lich aus­geführt, dass je­der Reichs­be­am­te für die Ge­setzmäßig­keit sei­ner amt­li­chen Hand­lun­gen ver­ant­wort­lich ist.

Be­reits im 19. und zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts war da­mit die Treue­pflicht des Be­am­ten und die Aus­ge­stal­tung ei­ner grundsätz­lich auf Le­bens­zeit aus­ge­rich­te­ten Tätig­keit, die durch ei­nen be­son­de­ren förm­li­chen Akt (i.d.R. ei­ner Er­nen­nung) über­tra­gen wird, ein Grund­prin­zip des Be­am­ten­rechts. Auch die Be­sol­dung des Be­am­ten sah man be­reits in die­ser Zeit nicht als Leis­tungs­ent­gelt, son­dern als Un­ter­halt an. Man be­sol­de­te den In­ha­ber ei­ner be­stimm­ten Rang­stu­fe, und das in der Höhe, die für ei­ne stan­des­gemäße Le­bensführung an­ge­mes­sen war. Im Volks­mund war die Re­de vom „si­che­ren Brot“.

Vgl. Hen­ning, Die deut­sche Be­am­ten­schaft im 19. Jahr­hun­dert, 1984, S. 24, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://books.goog­le.de/books?ei=r_w5T57TKYrlt QaW8eXYBg&hl=de&id=sQV­LAQAAIAAJ&dq=b eam­ten­recht+si­che­re+brot+19.+jahr­hun­dert&q=B rot+.

His­to­risch fin­det sich be­reits hier die Grund­la­ge des be­am­ten­recht­li­chen Ali­men­ta­ti­ons­prin­zips, wo­nach die Dienst- und Ver­sor­gungs­bezüge des Be­am­ten so zu be­mes­sen sind, dass sie ei­nen je nach Dienstrang, Be­deu­tung und Ver­ant­wor­tung des Am­tes und ent­spre­chen­den Ent­wick­lung der Verhält­nis­se an­ge­mes­se­nen Le­bens­un­ter­halt gewähren und als Vor­aus­set­zung dafür genügen, dass sich der Be­am­te ganz dem öffent­li­chen Dienst als Le­bens­be­ruf wid­men und in wirt­schaft­li­cher Un­abhängig­keit zur Erfüllung der dem Be­rufs­be­am­ten­tum von der Ver­fas­sung und den Ge­set­zen zu­ge­wie­se­nen Auf­ga­be im po­li­ti­schen Kräfte­spiel ei­ne sta­bi­le, ge­set­zes­treue Ver­wal­tung zu si­chern, bei­tra­gen kann.

Vgl. zum In­halt des Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip: BVerfG, Be­schluss vom 30. März 1977 - 2 BvR 1039/75 -, a. a. O.

Die Auf­ga­be des Be­am­ten war (und ist es auch heu­te), Ver­fas­sung und Ge­set­ze im In­ter­es­se des Bürgers um­zu­set­zen. Die Ali­men­ta­ti­on und die An­stel­lung auf

- 27 -

Le­bens­zeit bie­ten in­so­weit die hin­rei­chen­de persönli­che Un­abhängig­keit und ste­hen seit je­her in ei­nem syn­al­lag­ma­ti­schen Verhält­nis zur Treue­pflicht des Be­am­ten.

Der We­sens­in­halt die­ser be­am­ten­recht­li­chen Grundzüge ist zur Zeit der Wei­ma­rer Ver­fas­sung er­hal­ten und wei­ter kon­kre­ti­siert wor­den. Art. 129 Satz 3 der Ver­fas­sung des deut­schen Reichs vom 19. Ju­li 1919 - am 11. Au­gust 1919 aus­ge­fer­tigt und am 14. Au­gust 1919 in Kraft ge­tre­ten (im Fol­gen­den Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung - WRV -) -,

vgl. im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter:
http://www.dhm.de/lemo/html/do­ku­men­te/ver­fas-sung/in­dex.html,

be­stimm­te, dass die wohl­er­wor­be­nen Rech­te der Be­am­ten un­ver­letz­lich sind. Art. 129 Satz 1 WRV re­gel­te, dass die An­stel­lung der Be­am­ten auf Le­bens­zeit er­folgt. Art. 130 Satz 1 WRV be­inhal­te­te die Re­ge­lung, dass Be­am­te Die­ner der Ge­samt­heit und nicht ei­ner Par­tei sind. In Art. 130 Satz 2 WRV war be­stimmt, dass den Be­am­ten die Frei­heit ih­rer po­li­ti­schen Ge­sin­nung und die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit gewähr­leis­tet wird. Der Rat der Volks­be­auf­trag­ten - die Über­g­angs­re­gie­rung des Deut­schen Reichs vom 10. No­vem­ber 1918 bis zum 11. Fe­bru­ar 1919 - verkünde­te in sei­nem Auf­ruf an das deut­sche Volk vom 12. No­vem­ber 1918 mit Ge­set­zes­kraft un­ter Ziff. 2 fol­gen­des: „Das Ver­eins- und Ver­samm­lungs­recht un­ter­liegt kei­ner Be­schränkung, auch nicht für Be­am­te und Staats­ar­bei­ter“.

Vgl. Auf­ruf des Ra­tes der Volks­be­auf­trag­ten vom 12. No­vem­ber 1918, in: Reichs-Ge­setz­bl. 1918, 1303.

In der Ka­bi­netts­sit­zung der Reichs­re­gie­rung vom 11. April 1919 führ­te Reichs­mi­nis­ter Go­thein aus, dass „sei­nes Er­ach­tens die Ko­ali­ti­ons­frei­heit nicht not­wen­dig das Streik­recht in sich schließe. Die Be­am­ten sei­en le­bensläng­lich an­ge­stellt und könn­ten da­her kein Streik­recht ha­ben, eben­so­we­nig wie ih­nen ge­genüber ein Aus­sper­rungs­recht be­ste­he“. Reichs­mi­nis­ter Schif­fer stimm­te zu und führ­te aus, ei­ne von Preußen ab­wei­chen­de Stel­lung­nah­me des Reichs sei übri­gens gar nicht möglich.

- 28 -

Vgl. Ak­ten der Reichs­kanz­lei. Wei­ma­rer Re­pu­blik zum The­ma Streik­recht der Be­am­ten, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://www.bun­des­ar­chiv.de/ak­ten­reichs­kanz­lei/1 919-1933/0000/sch/sch1p/kap1_2/kap2_43/ para3_1.html#d8e45.

Im Zu­ge des Ei­sen­bah­ner­streiks im Jahr 1922 ver­bot der Reichspräsi­dent mit ei­ner auf Art. 48 Abs. 2 WRV gestütz­ten Not­ver­ord­nung vom 1. Fe­bru­ar 1922,

vgl. Ver­ord­nung des Reichspräsi­den­ten, be­tref­fend Ver­bot der Ar­beits­nie­der­le­gung durch Be­am­te der Reichs­bahn vom 1. Fe­bru­ar 1922, in Reichs-Ge­setz­bl. 1922, 187; auch im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich ab­ruf­bar un­ter: http://www.do­cu­men­t­ar­chiv.de/da/fs-not­ver­ord-nun­gen_reich­spra­e­si­dent.html,

die Ar­beits­nie­der­le­gung. In § 1 Abs. 1 die­ser Ver­ord­nung ist aus­geführt:

„Den Be­am­ten der Reichs­bahn ist eben­so wie al­len übri­gen Be­am­ten nach dem gel­ten­den Be­am­ten­rech­te die Ein­stel­lung oder Ver­wei­ge­rung der ih­nen ob­lie­gen­den Ar­beit ver­bo­ten.“

Die­se Ver­ord­nung ist - nach ent­spre­chen­der Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Reichs­re­gie­rung und den Ge­werk­schaf­ten, die zu­ge­si­chert ha­ben, sämt­li­che Streik­maßnah­men auf­zu­ge­ben - durch wei­te­re Ver­ord­nung vom 9. Fe­bru­ar 1922,

vgl. Ver­ord­nung des Reichspräsi­den­ten, be­tref­fend die Auf­he­bung der Ver­ord­nung vom 1. Fe­bru­ar 1922 über das Ver­bot der Ar­beits­nie­der­le­gung durch Be­am­te der Reichs­bahn, in: Reichs-Ge­setz­bl. 1922 I, S. 205; auch im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich ab­ruf­bar un­ter: http://www.do­cu­men­t­ar­chiv.de/da/fs-not­ver­ord-nun­gen_reich­spra­e­si­dent.html,

auf­ge­ho­ben wor­den. In der Fol­ge­zeit wur­den in Straf-, Dis­zi­pli­nar- und Scha­dens­er­satz­pro­zes­sen die Ge­rich­te al­ler Ge­richts­zwei­ge mit der Ar­beits­nie­der­le­gung durch Be­am­te be­fasst, und al­le Reichs­ober­ge­rich­te (eben­so wie das Preußische Ober­ver­wal­tungs­ge­richt) bestätig­ten ein Streik­ver­bot für Be­am­te. Dies wur­de auf die dem Be­am­ten ge­genüber dem Staa­te ob­lie­gen­de Ge­hor­sams-, Treue- und Dienst­pflicht gestützt. Ein Streik­recht der Be­am­ten könne nicht aner-
 


- 29 -

kannt wer­den, „weil es un­ver­ein­bar ist mit der Stel­lung ei­nes Be­am­ten in ei­nem ge­ord­ne­ten Rechts­staa­te. Der Be­am­te steht zum Staa­te nicht in ei­nem nur pri­vat­recht­li­chen Ver­trags­verhält­nis­se, son­dern die An­stel­lung be­gründet ein öffent­lich-recht­li­ches Ge­walt­verhält­nis mit be­son­de­ren Pflich­ten der Treue, des Ge­hor­sams und der ge­wis­sen­haf­ten Erfüllung der über­tra­ge­nen Auf­ga­ben“.

Vgl. Reichs­ge­richt, Ur­tei­le vom 24. Fe­bru­ar 1927 - 574/26 IV. -, JW 1927, 1249, und vom 30. Ok­to­ber 1922 - III 402/22 -, RGSt 56, 419 (422); Ur-tei­le des Reichs­dis­zi­pli­nar­hofs, in: Schul­ze-Si­mons, Die Recht­spre­chung des Reichs­dis­zi­pli­nar­ho­fes, 1926, S. 21, 77, 405; Preuß. OVG, Ur-teil vom 17. Ja­nu­ar 1924 - D. U. 7/22 -, in: Ent­schei­dun­gen des Preuß. OVG Bd. 78, 448 (452); sie­he auch: Kitt­ner, Ar­beits­kampf: Ge­schich­te, Recht, Ge­gen­wart, 2005, S. 435 f. 442 ff., im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://books.goog­le.de/bookshl=de&id=Jo­eyAAAAIAAJ&dq=Kitt­ner&q=445; Zum Streik der Ei­sen­bah­ner 1922, in: Ar­bei­ter­po­li­tik 2007, 14, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://www.la­bour­net.de/dis­kus­si­on/ge­schich­te/ei senbahn1922.pdf.

Die Treue­pflicht des Be­am­ten ist seit­her bis heu­te ein prägen­des Struk­tur­merk­mal des Be­rufs­be­am­ten­tums,

vgl. BVerfG, Be­schluss vom 22. Mai 1975 - 2 BvL 13/73 -, BVerfGE 39, 334,

und ne­ben dem Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip (da­zu noch un­ter bb.) die tra­gen­de ver­fas­sungs­recht­li­che Säule für ein Streik­ver­bot der Be­am­ten als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums i.S.d. Art. 33 Abs. 5 GG. Mit dem Ein­tritt in das Be­am­ten­verhält­nis - das auf ei­ge­nen An­trag er­folgt; nie­mand wird zu dem Be­am­ten­verhält­nis ge­zwun­gen - wird der Be­am­te ver­pflich­tet, sich voll für den Dienst­herrn ein­zu­set­zen und die­sem sei­ne ge­sam­te Ar­beits­kraft zur Verfügung zu stel­len.

Vgl. BVerfG, Ent­schei­dung vom 11. April 1967 - 2 BvL 3/62 -, BVerfGE 21, 329.


- 30 -

Als Kor­re­lat hat der Dienst­herr - aus dem zu­vor auf­ge­zeig­ten Ge­samt­zu­sam­men-hang der His­to­rie und der be­am­ten­recht­li­chen Grundsätze - dem Be­am­ten und sei­ner Fa­mi­lie in Form von Dienst­bezügen so­wie ei­ner Al­ters- und Hin­ter­blie­ben­ver­sor­gung nach Dienstrang, Be­deu­tung des Am­tes und ent­spre­chend der Ent­wick­lung der all­ge­mei­nen Verhält­nis­se an­ge­mes­se­nen Le­bens­un­ter­halt zu gewähren. Denn mit dem Ein­tritt in das Be­am­ten­verhält­nis ver­liert der Be­am­te grundsätz­lich die Frei­heit zu an­der­wei­ti­ger Er­werbstätig­keit, weil der Staat die gan­ze Ar­beits­kraft des Be­am­ten und da­mit sei­ne vol­le Hin­ga­be for­dert. Dienst­bezüge, Ru­he­ge­halt und Hin­ter­blie­ben­ver­sor­gung bil­den al­so die Vor­aus­set­zung dafür, dass sich der Be­am­te ganz dem öffent­li­chen Dienst als Le­bens­be­ruf wid­men und in recht­li­cher so­wie wirt­schaft­li­cher Un­abhängig­keit zur Erfüllung der dem Be­rufs­be­am­ten­tum vom Grund­ge­setz zu­ge­wie­se­nen Auf­ga­be, im po­li­ti­schen Kräfte­spiel ei­ne sta­bi­le, ge­set­zes­treue Ver­wal­tung zu si­chern, bei­tra­gen kann. Dies ist zu­gleich die vom Staat fest­zu­set­zen­de Ge­gen­leis­tung dafür, dass sich der Be­am­te ihm - mit sei­ner gan­zen Ar­beits­leis­tung - treu zur Verfügung stellt und sei­ne Dienst­pflich­ten nach Kräften erfüllt. Vor die­sem Hin­ter­grund ist der Be­am­te dem All­ge­mein­wohl und da­mit zur un­ei­gennützi­gen Amtsführung ver­pflich­tet und hat bei der Erfüllung der ihm an­ver­trau­ten Auf­ga­ben sei­ne ei­ge­nen In­ter­es­sen zurück­zu­stel­len. Der Ein­satz wirt­schaft­li­cher Kampf- und Druck­mit­tel zur Durch­set­zung ei­ge­ner In­ter­es­sen, ins­be­son­de­re auch kol­lek­ti­ve Kampf­maßnah­men i.S.d. Art. 9 Abs. 3 GG - wie das Streik­recht -, sind ihm vor dem Hin­ter­grund sei­ner his­to­risch und durch das öffent­lich-recht­li­che Dienst­verhält­nis ge­prägten Treue­pflicht ver­wehrt.

Vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O., und vom 11. Ju­ni 1958 - 1 BvR 1/52 -, a. a. O.; Müller, Grundzüge des Be­am­ten­dis­zi­pli­nar­rechts, 2010, Rd­nr. 58.

bb. In die­sem Zu­sam­men­hang steht ein Streik­recht der Be­am­ten auch im Wi­der­spruch zu dem Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip und dem Le­bens­zeit­prin­zip als je­weils wei­te­re tra­gen­de Säulen des Be­rufs­be­am­ten­tums und als her­ge­brach­te Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums.

Vgl. zum Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip im All­ge­mei­nen:

- 31 -

BVerfG, Be­schlüsse vom 2. Ok­to­ber 2007 - 2 BvR 1715/03 -, ZBR 2007, 416, und vom 20. März 2007 – 2 BvL 11/04 -, BVerfGE 117, 372; sie­he auch Wich­mann/Lan­ger, Öffent­li­ches Dienst­recht, 6. Aufl., 2007, S. 710, 711; im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://books.goog­le.de/books?id=2sL25Rl7d-MC&print­sec=front­co­ver&dq=Wich­mann/lan­ger& hl=de#v=one­page&q=Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip&f=fals e.; zum Le­bens­zeit­prin­zip im All­ge­mei­nen:

BVerfG, Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O.; BVerwG, Be­schluss vom 27. Sep­tem­ber 2007 - 2 C 21.06 u.a. -, BVerw­GE 129, 272 m.w.N.

Der Streik ist ein Ar­beits­kampf­mit­tel von Ar­beit­neh­mern in ei­nem pri­vat­recht­li­chen Ar­beits­verhält­nis ge­genüber ih­rem Ar­beit­ge­ber. Der Streik ist in­so­weit nur rechtmäßig, wenn er von ei­ner Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert ist, sich ge­gen die an­de­re Ta­rif­ver­trags­par­tei rich­tet, die Frie­dens­pflicht des gülti­gen Ta­rif­ver­trags er­lo­schen ist, al­le an­de­ren Ver­hand­lungsmöglich­kei­ten ein­sch­ließlich der Sch­lich­tung aus­geschöpft sind und der Ar­beits­kampf nur in not­wen­di­gem Maße und fair be­trie­ben wird.

Vgl. BAG, Ur­tei­le vom 21. Ju­ni 1988 - 1 AZR 651/86 -, BA­GE 58, 364, vom 5. März 1985 - 1 AZR 468/83 -, ju­ris, Be­schluss vom 21. April 1971 - GS 1/68 -, BA­GE 23, 292.

Mit ei­nem Streik soll auf den Ar­beit­ge­ber in „Au­genhöhe“ Druck aus­geübt wer-den. Denn oh­ne die Möglich­keit der Druck­ausübung durch Streiks oder sons­ti­ge Kol­lek­tiv­maßnah­men wären Ta­rif­ver­hand­lun­gen nichts an­de­res als „kol­lek­ti­ves Bet­teln“.

Vgl. BAG, Ur­teil vom 10. Ju­ni 1980 - 1 AZR 822/79 -, BA­GE 33, 140; Goo­ren, Das En­de des Be­am­ten­streik­ver­bots, ZBR 2011, 400.


Hier zei­gen sich aber die sys­tem­im­ma­nen­ten grund­le­gen­den Un­ter­schie­de zwi­schen ei­nem pri­vat­recht­lich ge­re­gel­ten Ar­beits­verhält­nis und dem öffent­lich-recht­lich ge­re­gel­ten Dienst­verhält­nis ei­nes Be­am­ten. Die Be­sol­dung des Be­am­ten ist kei­ne Ver­hand­lungs­po­si­ti­on, die zwi­schen Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf „Au­genhöhe“ ge­re­gelt wer­den könn­te. Die Re­ge­lung der Be­sol­dung und Ver­sor­gung

- 32 -

un­ter­liegt dem Ge­set­zes­vor­be­halt (§ 2 Abs. 1 BBesG, § 3 Abs. 1 Be­amt­VG). D.h., der Ge­setz­ge­ber legt ein­sei­tig die Be­sol­dung und Ver­sor­gung der Be­am­ten­schaft fest. Im Hin­blick auf die Be­am­ten fehlt in­so­weit sys­tem­be­dingt von vorn­her­ein ei­ne ver­han­del­ba­re und ta­riffähi­ge Si­tua­ti­on. Ein Streik der Be­am­ten würde sich mit­hin ge­gen den Ge­setz­ge­ber selbst rich­ten, wo­bei zu berück­sich­ti­gen ist, das der Dienst­herr in ei­ner Viel­zahl von Fällen (vgl. z.B. die Kom­mu­nal-be­am­ten etc.) über­haupt nicht Be­sol­dungs­ge­setz­ge­ber ist. Die ein­sei­ti­ge Fest­set­zung der Be­sol­dung der Be­am­ten durch den Ge­setz­ge­ber ist ein Kern­struk­tur­prin­zip des Be­am­ten­we­sens, das his­to­risch verbürgt auf Un­ter­halt so­wie Ali­men­ta­ti­on ent­spre­chend dem Dienstrang und da­mit der Be­deu­tung und Ver­ant­wor­tung des Be­am­ten an­ge­legt ist. Zwi­schen dem Dienst­herrn und dem Be­am­ten be­steht ein Über- und Un­ter­ord­nungs­verhält­nis und ge­ra­de nicht - wie bei Ta­rif­par­tei­en - ein Gleich­ge­wicht der Kräfte. Ins­be­son­de­re stellt die Be­sol­dung als Ali­men­ta­ti­on nicht „Vergütung“, „Ent­gelt“ oder „Lohn“ für zu er­brin­gen­de oder er­brach­te Leis­tun­gen dar, wie es aber bei den pri­vat­recht­lich ge­re­gel­ten Ar­beits­verhält­nis­sen der An­ge­stell­ten und Ar­bei­ter der Fall ist. Dies zeigt sich auch im Krank­heits­fall. Während pri­vat­recht­lich beschäftig­te An­ge­stell­te oder Ar­bei­ter, wenn sie ar­beits­unfähig er­krankt sind, (un­ge­ach­tet von et­wai­gen ta­rif­recht­li­chen Son­der­be­stim­mun­gen) nach dem Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz le­dig­lich ei­nen An­spruch dar­auf ha­ben, dass der Ar­beit­ge­ber das Ent­gelt für die Dau­er der Ar­beits­unfähig­keit - ma­xi­mal 6 Wo­chen - wei­ter zahlt und ab der 7. Wo­che von der Kran­ken­kas­se ein der Höhe nach ge­rin­ge­res Kran­ken­geld be­zie­hen, ha­ben die Per­so­nen in öffent­lich-recht­li­chen Dienst­verhält­nis­sen, wie u.a. die Be­am­ten, im Krank­heits­fall oh­ne ent­spre­chen­de Fris­ten ei­nen fort­be­ste­hen­den An­spruch auf (un­gekürz­te) Be­sol­dung, da in die­sem Beschäfti­gungs­verhält­nis der Un­ter­halts-und Ali­men­ta­ti­ons­cha­rak­ter im Vor­der­grund steht. Ei­ne Ver­gleich­bar­keit die­ser Beschäfti­gungs­sys­te­me be­steht nicht. Ins­be­son­de­re fehlt es im öffent­lich-recht­li­chen Dienst­verhält­nis auf der Grund­la­ge der sys­tem­be­ding­ten Un­ter­schie­de zu pri­vat­recht­li­chen Ar­beits­verhält­nis­sen an ent­spre­chen­den ta­riffähi­gen Zie­len, die im Rah­men ei­nes Ar­beits­kamp­fes ei­ner Ver­hand­lung zugäng­lich wären.

Der Ar­beits­kampf passt auch im Übri­gen nicht in die ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­ge­be­ne Sys­te­ma­tik des öffent­lich-recht­li­chen Dienst­verhält­nis­ses. Denn un­ter

- 33 -

Pa­ritäts­ge­sichts­punk­ten - die im Ta­rif­recht maßgeb­lich sind - wäre ei­ne Streik­maßnah­me von Be­am­ten ge­genüber den Dienst­herrn ein un­glei­cher Kampf. Wer sich zum Ar­beits­kampf ent­schließt, muss dem Grun­de nach auch das Ri­si­ko die­ses Kamp­fes tra­gen.

Vgl. BAG, Be­schluss vom 28. Ja­nu­ar 1955 - GS 1/54 -, BA­GE 1, 291.

Der Ar­beit­neh­mer trägt (un­abhängig von ei­nem et­wai­gen Streik­geld der Ge­werk­schaft) das Ri­si­ko des Lohn­aus­falls und ris­kiert ggfs. so­gar sei­nen Ar­beits­platz. Der Ar­beit­ge­ber ris­kiert ne­ben dem Pro­duk­ti­ons­aus­fall die Ge­fahr stei­gen­der Ver­lus­te und Schäden bis zum wirt­schaft­li­chen Zu­sam­men­bruch. Der strei­ken­de Be­am­te hat auf­grund des Le­bens­zeit­prin­zips ei­ne unkünd­ba­re Stel­lung und auf­grund des Ali­men­ta­ti­ons­prin­zips hätte er selbst während ei­nes Ar­beits­kamp­fes - wenn man die­sen als le­gi­tim an­se­hen würde - ge­genüber dem Dienst­herrn ei­nen An­spruch auf wei­te­re Ali­men­ta­ti­on. Der Be­am­te würde durch ei­ne Streik­maßnah­me mit­hin kei­ner­lei Ri­si­ko tra­gen. Der Dienst­herr - der im Übri­gen auch nicht im­mer Be­sol­dungs­ge­setz­ge­ber ist (z.B. bei Kom­mu­nal­be­am­ten etc.) - wäre de le­ge la­ta wehr­los dem Streik aus­ge­setzt. Dies würde dem im Ar­beits­recht ge­prägten Prin­zip der Ar­beits­kampf­pa­rität wi­der­spre­chen und das Ri­si­ko des Ar­beits­kamp­fes ein­sei­tig zu­guns­ten des Be­am­ten er­leich­tern.

Vgl. Isen­see, Be­am­ten­streik, Zur Zulässig­keit des Dienst­kamp­fes, 1971, S. 44 f.

Hier schließt sich letzt­lich auch der L. der Ar­gu­men­ta­ti­on, denn die (be­reits un­ter aa. ab­ge­han­del­te) Treue­pflicht des Be­am­ten dient in­so­weit auch dem Schutz des Dienst­herrn, der sei­nem Be­am­ten ei­ne amts­an­ge­mes­se­ne Be­sol­dung, ei­ne lauf­bah­n­ent­spre­chen­de Beschäfti­gung und ei­nen si­che­ren Ar­beits-platz zur Verfügung zu stel­len hat. Es han­delt sich da­mit zwi­schen dem Be­am­ten und sei­nem Dienst­herrn um ein öffent­lich-recht­lich verbürg­tes ge­gen­sei­ti­ges Ge­ben und Neh­men. Im Übri­gen be­darf auch der Be­am­te zum Schutz sei­ner Rech­te kei­ner „Ar­beits­kampf­be­fug­nis­se“ wie der pri­vat­recht­lich Beschäftig­te. Ist der Be­am­te mit Maßnah­men sei­nes Dienst­herrn nicht ein­ver­stan­den, steht ihm nach Maßga­be des § 54 Abs. 2 Be­am­tStG (zu­vor § 126 Abs. 3 BRRG) die Möglich­keit des Wi­der­spruchs und im An­schluss der Ver­wal­tungs­rechts­weg of­fen. Ist der Be-

- 34 -

am­te der An­sicht, dass sein Net­to­ein­kom­men nicht mehr aus­reicht, um ihm und sei­ner Fa­mi­lie ei­ne amts­an­ge­mes­se­ne Be­sol­dung zu ermögli­chen, kann er - im Ge­gen­satz zu ei­nem An­ge­stell­ten oder Ar­bei­ter - ei­ne ver­fas­sungs­wid­rig zu nied­ri­ge Ali­men­ta­ti­on im We­ge ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge ge­gen sei­nen Dienst­herrn gel­tend ma­chen.

Vgl. BVerwG, Ur­tei­le vom 28. Mai 2009 - 2 C 23.07 -, Buch­holz 11 Art. 57 Nr. 1, vom 20. März 2008 - 2 C 49.07 -, BVerw­GE 131, 20; Be­schluss vom 26. Mai 2011 - 2 B 22.10 -, ju­ris.

Ein sol­cher Weg ist den pri­vat­recht­lich Beschäftig­ten ver­schlos­sen, so dass die­se - im Ge­gen­satz zu Be­am­ten - auf Ar­beits­kampf­maßnah­men an­ge­wie­sen sind, um ih­ren In­ter­es­sen ge­genüber dem je­wei­li­gen Ar­beit­ge­ber Nach­druck zu ver­lei­hen.

cc. Das aus der Treue­pflicht, dem Ali­men­ta­ti­ons- und Le­bens­zeit­prin­zip ab­leit-ba­re Streik­ver­bot der Be­am­ten dient zu­dem der Auf­recht­er­hal­tung der Funk­ti­onsfähig­keit des öffent­li­chen Diens­tes. Der Be­am­te hat die Ein­hal­tung und Ausführung der staat­li­chen Re­ge­lun­gen si­cher­zu­stel­len. Die Auf­ga­be der Be­am­ten be­steht ge­ra­de dar­in, die staat­li­che Ord­nung im Rah­men der Ein­griffs­ver­wal­tung, aber auch bei der Gewährung staat­li­cher Leis­tun­gen im Rah­men der Da­seins­vor­sor­ge, die in be­son­de­rer Wei­se den Bürge­rin­nen und Bürgern dient, funk­ti­onsfähig zu hal­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund sieht das Grund­ge­setz in Art. 33 Abs. 5 den Be­am­ten­sta­tus als be­son­de­res öffent­lich-recht­li­ches Beschäfti­gungs­verhält­nis aus­drück­lich vor. Al­le wich­ti­gen Auf­ga­ben­be­rei­che des Staa­tes sol­len durch die Tätig­keit der Be­am­ten­schaft in ih­rer Struk­tur auf­recht­er­hal­ten und voll funk­ti­onsfähig blei­ben.

Vgl. BVerwG, Ur­tei­le vom 19. Sep­tem­ber 1984 - 1 D 38.84 -, BVerw­GE 76, 193, vom 3. De­zem­ber 1980 - 1 D 86.79 -, BVerw­GE 73, 97, und vom 22. No­vem­ber 1979 - 1 D 84.78 -, BVerw­GE 63, 293; OVG Ber­lin, Ur­teil vom 18. Fe­bru­ar 1986 - D 16.85 -, a. a. O.; Lind­ner, Dürfen Be­am­te doch strei­ken ?, DÖV 2011, 305 (306); Heesen, Streik-recht für Leh­rer ?, ZfPR 2000, 162.

- 35 -

c. Das Streik­ver­bot, das - wie die vor­ste­hen­den Ausführun­gen zu aa. bis cc. zei­gen - zu den her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums gehört, ist nicht nur - wie der Wort­laut in Art. 33 Abs. 5 GG na­he le­gen könn­te -,

vgl. hier­zu: Goo­ren, a. a. O., S. 403,

zu „berück­sich­ti­gen“, son­dern auch zu be­ach­ten. Die­se „Berück­sich­ti­gungs­pflicht“ hat nicht bloßen „Ap­pell­cha­rak­ter“ und ihr man­gelt es auch nicht an der in­so­weit er­for­der­li­chen Ver­bind­lich­keit. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dies mit der For­mu­lie­rung zum Aus­druck ge­bracht, dass die zum Kern­be­stand der Struk­tur­prin­zi­pi­en gehören­den Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums nicht nur zu „berück­sich­ti­gen“, son­dern zu „be­ach­ten“ sind.

Vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 20. März 2007 - 2 BvL 11/04 -, a. a. O., vom 7. Ju­li 1982 - 2 BvL 14/78 -, BVerfGE 61, 43, vom 14. Ju­ni 1960 - 2 BvL 7/60 -, BVerfGE 11, 203, und vom 11. Ju­ni 1958 - 1 BvR 1/52 -, a. a. O.

Si­cher­lich wird nicht jed­we­de be­am­ten­recht­li­che Re­ge­lung, die be­reits seit länge­rer Zeit be­steht, von der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie des Be­rufs­be­am­ten­tums er­fasst. Be­zugs­punkt des Art. 33 Abs. 5 GG ist das ge­wach­se­ne Be­rufs­be­am­ten“tum“. Geschützt sind in­so­weit nur die­je­ni­gen Re­ge­lun­gen und Grundsätze, die das Bild des Be­am­ten­tums in sei­ner über­kom­me­nen Ge­stalt maßgeb­lich prägen, so dass ih­re Be­sei­ti­gung auch das We­sen des Be­rufs­be­am­ten­tums an­tas­ten würde.

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 27. Sep­tem­ber 2005 - 2 BvR 1387/02 -, BVerfGE 114, 258.

Zu die­sem Kern­be­stand von Struk­tur­prin­zi­pi­en des Be­am­ten­verhält­nis­ses gehörten - wie be­reits oben dar­ge­stellt - seit je­her die Treue­pflicht des Be­am­ten,

vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O., und vom 22. Mai 1973 - 2 BvL 13/73 -, a. a. O.,

und das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip,

vgl. BVerfG, Ur­teil vom 14. Fe­bru­ar 2012 - 2 BvL 4/10 -, ju­ris; Be­schlüsse vom 15. Ok­to­ber 1985 - 2 BvL 4/83 -, BVerfGE 71, 39, und vom 25. No-

- 36 -

vem­ber 1980 - 2 BvL 7/76 u.a. -, BVerfGE 55, 207.

Das Grund­ge­setz selbst nimmt in Art. 33 Abs. 4 (Dienst- und „Treue“-verhält­nis) auf den Be­griff der Treue des Be­am­ten Be­zug. Der Grund für das Fest­hal­ten an die­sem her­ge­brach­ten Grund­satz liegt auf der Hand: Der mo­der­ne "Ver­wal­tungs­staat" mit sei­nen eben­so vielfälti­gen wie kom­pli­zier­ten Auf­ga­ben, von de­ren sach­ge­rech­ter, ef­fi­zi­en­ter, pünkt­li­cher Erfüllung das Funk­tio­nie­ren des ge­sell­schaft­lich-po­li­ti­schen Sys­tems und die Möglich­keit ei­nes men­schenwürdi­gen Le­bens der Grup­pen, Min­der­hei­ten und je­des Ein­zel­nen Tag für Tag abhängt, ist auf ei­nen in­tak­ten, loya­len, pflicht­treu­en, dem Staat und sei­ner ver­fas­sungsmäßigen Ord­nung in­ner­lich ver­bun­de­nen Be­am­tenkörper an­ge­wie­sen. Ist auf die Be­am­ten­schaft kein Ver­lass mehr, so sind die Ge­sell­schaft und ihr Staat in kri­ti­schen Si­tua­tio­nen "ver­lo­ren". Den Be­am­ten und den Staat ver­bin­det ein be­son­de­res Band. Vor die­sem Hin­ter­grund kann das - wie oben auf­ge­zeigt - his­to­risch und funk­tio­nell be­gründe­te Streik­ver­bot als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums nicht hin­weg ge­dacht wer­den, oh­ne dass die Treue­pflicht des Be­am­ten in ih­rer Struk­tur und ih­rem We­sens­ge­halt weg­fie­le. Das her­ge­brach­te Be­rufs­be­am­ten­tum würde sich, wenn den Be­am­ten ein Streik­recht zustünde, im we­sent­li­chen nicht mehr grund­le­gend von ei­nem pri­vat­recht­lich ge­re­gel­ten Ar­beits­verhält­nis un­ter­schei­den. Das Be­am­ten­tum als sol­ches wäre dann überflüssig. Eben­so überflüssig wäre dann das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip als wei­te­rer Kern­be­stand der be­am­ten­recht­li­chen Struk­tur. War­um soll der Dienst­herr wei­ter­hin zur Ali­men­ta­ti­on (ins­be­son­de­re Be­sol­dung, Ver­sor­gung, Bei­hil­fe) ver­pflich­tet sein, wenn im Ge­gen­zug das Kor­re­lat, nämlich die Treue­pflicht des Be­am­ten durch ein Streik­recht per­fo­riert und in sei­nen Grundzügen auf­ge­ho­ben wäre ? Dies zeigt, dass das Streik­ver­bot für Be­am­te zum Kern­be­stand der her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums gehört und da­mit von dem ein­fa­chen Ge­setz­ge­ber, den Ge­rich­ten, der Ver­wal­tung und den Be­tei­lig­ten die­ses öffent­lich-recht­li­chen Dienst­verhält­nis­ses (Dienst­herr und Be­am­ter) zu be­ach­ten ist.

Vgl. in die­sem Sin­ne auch: BVerfG, Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O.
 


- 37 -

Die mit dem 52. Ge­setz zur Ände­rung des Grund­ge­set­zes vom 28. Au­gust 2006 (BGBl. I S. 2034) der bis da­hin gel­ten­den Fas­sung des Art. 33 Abs. 5 GG an­gefügte so­ge­nann­te „Fort­ent­wick­lungs­klau­sel“ hat nichts dar­an geändert, dass bei der Re­ge­lung und Ge­stal­tung des öffent­li­chen Dienst­rechts wei­ter­hin die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums zu berück­sich­ti­gen sind. Ände­run­gen, die mit den Grund­struk­tu­ren des von Art. 33 Abs. 5 GG geschütz­ten Leit­bil­des des deut­schen Be­rufs­be­am­ten­tums nicht in Ein­klang ge­bracht wer­den können, ver­s­toßen auch wei­ter­hin ge­gen die Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes.

Vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 28. Mai 2008 - 2 BvL 11/07 -, BVerfGE 121, 205, und vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O.; OVG Rh.-Pf., Be­schluss vom 4. De­zem­ber 2009 - 10 A 10507/09 -, Schütz Be­am­tR ES/C I Nr. 10.

Schon aus dem in­so­weit un­veränder­ten Wort­laut der Be­stim­mung er­gibt sich, dass bei der Aus­le­gung des Art. 33 Abs. 5 GG so­wie der Re­ge­lung und Ge­stal­tung des öffent­li­chen Dienst­rechts wei­ter­hin die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums - al­so auch das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip, die Treu­pflicht und das Streik­ver­bot für Be­am­te - zu berück­sich­ti­gen sind. Nach dem ein­deu­ti­gen Wort­laut die­ser Be­stim­mung enthält die „Fort­ent­wick­lungs­klau­sel“ le­dig­lich ei­nen Auf­trag an den Ge­setz­ge­ber, das öffent­li­che Dienst­recht fort­zu­ent­wi­ckeln, nicht aber den hierfür gel­ten­den Maßstab, die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums, ab­zuändern.

Vgl. Sei­fert, Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen und Streik­recht für Be­am­te, KritV 2009, 357 (374).

Die­ses Er­geb­nis an­hand des Wort­lauts wird durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der "Fort­ent­wick­lungs­klau­sel" bestätigt (vgl. BT-Drucks 16/813, S. 8 und 10). Ei­ne Ver­schie­bung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen der ge­setz­ge­be­ri­schen Re­ge­lungs­be­fug­nis war da­mit von vorn­her­ein nicht be­ab­sich­tigt. Viel­mehr heißt es hier­zu (BT-Drucks 16/813, S. 10): "Die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums sind auch wei­ter­hin zu berück­sich­ti­gen. Un­berührt bleibt die ver­fas­sungs­recht­li­che Ga­ran­tie des Be­rufs­be­am­ten­tums." In der ab­sch­ließen­den Aus­spra­che der 44. Sit­zung des Deut­sche Bun­des­tags vom 30. Ju­ni 2006 (Ple­nar-

- 38 -

pro­to­koll 16/44, S. 4258) be­ton­te die Bun­des­kanz­le­rin aus­drück­lich: „... Des­halb möch­te ich an die­ser Stel­le noch ein­mal be­to­nen, dass es für uns sehr wich­tig ist, dass wei­ter­hin die im Grund­ge­setz ver­an­ker­ten so ge­nann­ten her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums gel­ten sol­len. ...".

d. Auch für ei­ne funk­ti­ons­be­zo­ge­ne Dif­fe­ren­zie­rung des Streik­ver­bots für Be­am­te er­gibt sich aus dem Grund­ge­setz kei­ne Grund­la­ge. Art. 33 Abs. 4 GG be­stimmt, dass die Ausübung ho­heits­recht­li­cher Be­fug­nis­se als ständi­ge Auf­ga­be in der Re­gel An­gehöri­gen des öffent­li­chen Diens­tes zu über­tra­gen ist, die in ei­nem öffent­lich-recht­li­chen Dienst- und Treue­verhält­nis ste­hen. Die­ser „Funk­ti­ons­vor­be­halt“ be­gründet kein Recht des Ein­zel­nen, son­dern enthält ei­ne ob­jek­tiv-recht­li­che Ver­fas­sungs­re­ge­lung.

Vgl. Ba­du­ra, in: Maunz/Dürig, GG, Bd. IV, Art. 33 Rd­nr. 55.

Um die Ausübung ho­heits­recht­li­cher Be­fug­nis­se han­delt es sich je­den­falls, wenn Be­fug­nis­se zum Grund­rechts­ein­griff im en­ge­ren Sin­ne aus­geübt wer­den, die öffent­li­che Ge­walt al­so durch Be­fehl oder Zwang un­mit­tel­bar be­schränkend (Ein­griffs­ver­wal­tung) auf grund­recht­lich geschütz­te Frei­hei­ten ein­wirkt.

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 18. Ja­nu­ar 2012 - 2 BvR 133/10 -, ju­ris.

Wie weit der Be­griff der ho­heits­recht­li­chen Be­fug­nis­se über die­sen en­gen Bdeu­tungs­ge­halt hin­aus­reicht, ist durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bis­lang noch nicht geklärt,

vgl. zum Mei­nungs­stand in der Li­te­ra­tur: Ma­sing, in: Sachs, GG, Bd. II, 2. Aufl., 2006, Art. 33 Rd­nr. 64,

und be­darf hier im vor­lie­gen­den Fall auch kei­ner Aus­le­gung durch den Se­nat. Dass Leh­rer - wie die Kläge­rin - auch im An­ge­stell­ten­verhält­nis beschäftigt wer­den können und dies mit dem Funk­ti­ons­vor­be­halt in Art. 33 Abs. 4 GG ver­ein­bar ist, weil Leh­rer in der Re­gel nicht schwer­punktmäßig ho­heit­lich ge­prägte Auf­ga­ben wahr­neh­men, die der be­son­de­ren Ab­si­che­rung durch den Be­am­ten­sta­tus bedürfen, ist durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt geklärt.
 


- 39 -

Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O.

Dass mit­hin An­ge­stell­te und Be­am­te zum Teil die­sel­ben Auf­ga­ben über­neh­men, recht­fer­tigt ver­fas­sungs­recht­lich je­doch kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung da­nach, je­den­falls für die­je­ni­gen Be­am­ten, die nicht dem Be­reich der Ein­griffs­ver­wal­tung zu­zu­ord­nen sind, ein Streik­recht an­zu­neh­men. Das Be­am­ten­verhält­nis ist seit je­her sta­tus­be­zo­gen. Es wird be­gründet durch ei­ne Er­nen­nung (vgl. § 8 LBG NRW a.F., § 8 Be­am­tStG). Die Rech­te (§§ 85 f. LBG NRW a.F., §§ 43 ff. Be­am­tStG) und Pflich­ten (§§ 55 ff. LBG NRW a.F., §§ 33 ff. Be­am­tStG) der Be­am­ten sind ty­pi­sie­rend be­stimmt und zwar un­abhängig da­von, wel­che kon­kre­te Funk­ti­on der ein­zel­ne Be­am­te ge­ra­de ausübt. Der Be­am­ten­sta­tus kennt kei­ne Klas­si­fi­zie­rung und ist nicht auf­spalt- und teil­bar. Die be­son­de­re Treue­pflicht des Be­am­ten ge­genüber sei­nem Dienst­herrn ist un­abhängig von der Tätig­keit, die er ausübt, und ge­wis­ser­maßen Geschäfts­grund­la­ge für sei­ne auf ei­ge­nen An­trag er­folg­te Er­nen­nung zum Be­am­ten. Der Po­li­zei­be­am­te oder Be­am­te im Ord­nungs­amt hat die glei­chen be­am­ten­recht­li­chen Rech­te und Pflich­ten wie der be­am­te­te Leh­rer oder der Kom­mu­nal­be­am­te in dem Lie­gen­schafts­amt oder im Be­schaf­fungs­we­sen. Auch die recht­li­che Stel­lung des Be­am­ten ist im ein­zel­nen un­abhängig von der Tätig­keit, die er ausübt. Das Be­am­ten­recht i.S.d. Art. 33 Abs. 5 GG und der Bun­des- und Lan­des­ge­set­ze kennt kei­ne funk­ti­ons­be­zo­ge­nen Be­am­ten­ka­te­go­ri­en mit un­ter­schied­li­chen Rech­ten und Pflich­ten. Den Be­am­ten in der Leis­tungs­ver­wal­tung trifft die­sel­be Treue­pflicht ge­genüber dem Dienst­herrn wie den Be­am­ten in der Ein­griffs­ver­wal­tung. Um­ge­kehrt gel­ten auch das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip und das Le­bens­zeit­prin­zip zu­guns­ten des Be­am­ten un­abhängig da­von, in wel­chem Tätig­keits­be­reich er ein­ge­setzt ist. Ei­ne funk­ti­ons­be­zo­ge­ne Dif­fe­ren­zie­rung wäre ein Ali­ud und künst­li­ches Kon­strukt, das mit den her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums nicht zu ver­ein­ba­ren ist. Die Be­am­ten­schaft sitzt ins­ge­samt „im sel­ben Boot“. Würde man dem Be­am­ten in der Ein­griffs­ver­wal­tung ein Streik­recht ab­spre­chen und dem Be­am­ten in der Leis­tungs­ver­wal­tung oder den be­am­te­ten Leh­rern ein Streik­recht zu­spre­chen, wären - ab­ge­se­hen von den so­zia­len Span­nun­gen - gleich­heits­wid­ri­ge Un­ter­schei­dun­gen zwi­schen dienst­recht­lich Gleich­ge­stell­ten ein­geführt.
 


- 40 -

Vgl. Isen­see, a. a. O., S. 104 f.

Ein Ver­wi­schen der be­am­ten­recht­li­chen Struk­tur­prin­zi­pi­en durch Mi­schung mit Ele­men­ten aus pri­vat­recht­lich ge­re­gel­ter Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen wi­der-spricht den durch Art. 33 Abs. 5 GG geschütz­ten her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums. Im öffent­li­chen Dienst ist da­her klar zwi­schen dem Be­am­ten­verhält­nis ei­ner­seits und dem An­ge­stell­ten- bzw. Ar­bei­ter­verhält­nis an­de­rer­seits - mit sei­ner je­wei­li­gen recht­lich ge­re­gel­ten Aus­prägung (Rech­te- und Pflich­ten­verhält­nis ei­ner­seits durch Ge­setz, an­de­rer­seits durch Ver­trag oder Ta­rif­ver­trag ge­re­gelt) - zu un­ter­schei­den. Ei­ne Misch­form bei­der Sys­te­me sieht das deut­sche Recht nicht vor.

Vgl. auch mit zu­tref­fen­den Ar­gu­men­ten: VG Os­nabrück, Ur­teil vom 19. Au­gust 2011 - 9 A 1/11 -, ZBR 2011, 389.

Dem Dienst­herrn bleibt es da­mit un­be­nom­men im öffent­li­chen Dienst - wie hier im Schul­we­sen in Be­zug auf Leh­rer - An­ge­stell­te ein­zu­stel­len. Er ist dann den be­son­de­ren in­sti­tu­tio­nel­len Vor­ga­ben nicht un­ter­wor­fen, die das Grund­ge­setz mit der Ein­rich­tung des Be­rufs­be­am­ten­tums ver­bin­det. Ent­schei­det sich der Dienst­herr in­des für ei­ne Ver­be­am­tung des Be­diens­te­ten - hier ei­ner Leh­re­rin -, so ist das be­gründe­te Be­am­ten­verhält­nis auch den Bin­dun­gen des Art. 33 Abs. 5 GG un­ter­wor­fen. In be­zug auf das Schul­we­sen hat die Über­nah­me der Lehr­kräfte ins Be­am­ten­verhält­nis für den Dienst­herrn vie­le - ins­be­son­de­re auch fi­nan­zi­el­le - Vor­tei­le. Sie be­freit ihn von dem Zwang, Ar­beits- und Ent­gelt­be­din­gun­gen mit den Ta­rif­par­tei­en aus­zu­han­deln und ab­zu­stim­men. Die Aus­ge­stal­tung des Be­am­ten­verhält­nis­ses ist der ein­sei­ti­gen Re­ge­lungs­kom­pe­tenz des Be­am­ten­ge­setz­ge­bers un­ter­stellt. Dem­ent­spre­chend liegt es in sei­nem Ge­stal­tungs­spiel­raum, die wöchent­li­che Ar­beits­zeit oder die Fest­set­zung des Ru­he­stands­al­ters zu be­stim­men. Das Be­am­ten­verhält­nis er­laubt dem Dienst­herrn ei­nen fle­xi­blen Ein­satz der Beschäftig­ten. Der Hand­lungs­spiel­raum be­steht auch in Be­zug auf die ört­li­che Ver­wen­dung, weil das Be­am­ten­recht die Ver­set­zung ei­nes Be­am­ten auch ge­gen sei­nen Wil­len im dienst­li­chen In­ter­es­se ermöglicht. Der Be­am­te ist sei­nem Dienst­herrn zur Treue ver­pflich­tet und zum Ein­satz kol­lek­ti­ver Druck­mit­tel wie des Streiks nicht be­fugt. Er hat sei­nen Dienst­herrn loy­al zu un­terstützen und ist

- 41 -

auch bei der Auf­nah­me von Ne­bentätig­kei­ten nicht frei. Sch­ließlich un­ter­steht der Be­am­te der Dis­zi­plinar­ge­walt des Dienst­herrn.

Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O.

Die Dop­pel­rol­le des Staa­tes als ta­riffähi­ger Ar­beit­ge­ber ge­genüber den An­ge­stell­ten und Ar­bei­tern im öffent­li­chen Dienst auf der ei­nen Sei­te und als Dienst­herr ge­genüber den Be­am­ten auf der an­de­ren Sei­te ändert an der sta­tus­be­zo­ge­nen Sicht­wei­se mit Blick auf das Streik­ver­bot der Be­am­ten nichts. Dem steht ins­be­son­de­re auch nicht die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 7. Ju­ni 2000 - 1 D 4.99 -, BVerw­GE 111, 231, ent­ge­gen, in der ei­nem be­ur­laub­ten Fern­mel­de­be­am­ten während sei­ner Beschäfti­gung bei ei­ner Toch­ter­ge­sell­schaft der Te­le­kom AG ein Streik­recht zu­ge­spro­chen wur­de, weil er - wie sich aus den Ent­schei­dungs­gründen er­gibt - während sei­ner Be­ur­lau­bung nach Ta­rif, d.h. pri­vat­recht­lich, be­zahlt wor­den ist. Die Dienst­leis­tungs­pflicht und die Be­sol­dungs­ansprüche ruh­ten für die Zeit der Be­ur­lau­bung, so dass kein Grund er­sicht­lich war und ist, dem in ei­nem pri­vat­recht­li­chen Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den be­ur­laub­ten Be­am­ten das Streik­recht ge­genüber dem pri­va­ten Ar­beit­ge­ber nach Art. 9 Abs. 3 GG ab­zu­spre­chen. Die­ser Fall ist aber nicht ver­gleich­bar mit dem ei­nes Be­am­ten, der - wie die Kläge­rin - nicht be­ur­laubt ist, son­dern in ei­nem ak­ti­ven Be­am­ten­verhält­nis der Treue- und Dienst­leis­tungs­pflicht ge­genüber sei­nem Dienst­herrn un­ter­liegt.

Der vor­lie­gen­de Fall bie­tet auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­son­der­heit der Beschäfti­gung im Schul­we­sen kei­nen An­lass zu ei­ner an­de­ren Be­wer­tung. Ge­ra­de auch im Schul­be­reich ist das Streik­ver­bot für be­am­te­te Leh­rer not­wen­dig und sinn­voll. Bei dem Schul­we­sen han­delt es sich nicht le­dig­lich um ei­nen schlicht fis­ka­li­schen Be­reich, son­dern um ein öffent­lich-recht­li­ches Rech­te- und Pflich­ten­verhält­nis (vgl. § 42 Abs. 1 SchulG NRW). Das Schul­we­sen un­ter­liegt gemäß Art. 7 Abs. 1 GG der staat­li­chen Auf­sicht. Der Staat hat den Schul­frie­den si­cher­zu­stel­len,

vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 22. Fe­bru­ar 2006 - 2 BvR 1657/05 -, ju­ris, und vom 27. Ja­nu­ar 1976 - 1 BvR 2325/73 -, BVerfGE 41, 251; BVerwG,

- 42 -

Be­schluss vom 16. De­zem­ber 2008 - 2 B 46.08 -, NJW 2009, 1289,

und ihm ob­liegt der staat­li­che Bil­dungs- und Er­zie­hungs­auf­trag (vgl. auch § 2 SchulG NRW).

Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 16. April 2002 - 1 BvR 279/02 -, DVBl. 2002, 971; BVerwG, Ur­teil vom 30. No­vem­ber 2011 - 6 C 20.10 -, Städte-und Ge­mein­de­rat 2012, 29; OVG NRW, Be­schluss vom 29. Ju­li 2010 - 19 A 590/08 -, ju­ris.

Leh­rer - wie die Kläge­rin - erfüllen die­sen Bil­dungs- und Er­zie­hungs­auf­trag des Staa­tes. Sie ha­ben da­bei die un­mit­tel­ba­re pädago­gi­sche Ver­ant­wor­tung für den Un­ter­richt und die Er­zie­hung der Schüler.

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 24. Sep­tem­ber 2003 - 2 BvR 1436/02 -, BVerfGE 108, 282.

Ein Streik durch be­am­te­te Leh­rer im Bil­dungs­be­reich rich­tet sich fak­tisch nicht ge­gen den Dienst­herrn, son­dern be­nach­tei­ligt die Men­schen, die sich im Bil­dungs­pro­zess be­fin­den, al­so die Schüle­rin­nen und Schüler, die oh­ne je­den Ein­fluss sind auf sol­che Be­rei­che, die Ge­gen­stand von Ar­beits­kampf­maßnah­men sind, al­so Be­zah­lung, Ar­beits­zeit etc.

Vgl. Heesen, a. a. O., S. 162.

Der Schul- und Un­ter­richts­teil­nah­me­pflicht der Schüle­rin­nen und Schüler (vgl. §§ 34 ff., 43 Abs. 1 Satz 1 SchulG NRW) - die auch mit Zwangs­mit­teln durch­ge­setzt wer­den kann (vgl. § 41 Abs. 3 und 5 SchulG NRW) - ent­spricht die Un­ter­richts-und Dienst­leis­tungs­pflicht der be­am­te­ten Leh­rer. Der Staat wäre schlicht­weg nicht in der La­ge, sei­nen Er­zie­hungs- und Bil­dungs­auf­trag zu erfüllen und auch im Hin­blick auf die min­derjähri­gen Schüle­rin­nen und Schüler (Stich­wort „Si­che­re Schu­le“) sei­ner Be­treu­ungs­pflicht nach­zu­kom­men, wenn er zur Erfüllung die­ser Pflich­ten nicht we­nigs­tens auf die zur be­son­de­ren Treue ver­pflich­te­ten be­am­te­ten Leh­rer zurück­grei­fen könn­te. Im Übri­gen ist zu berück­sich­ti­gen, dass durch das Streik­ver­bot die Ko­ali­ti­ons­frei­heit (Art. 9 Abs. 3 GG), Ver­samm­lungs­frei­heit (Art. 8 Abs. 1 GG) und Mei­nungs­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 GG) der be­am­te­ten Leh­rer an-

- 43 -

sons­ten un­an­ge­tas­tet bleibt. Auch wenn Leh­rer durch die wöchent­li­chen Un­ter­richts­pflicht­stun­den,

bei der an ei­ner Re­al­schu­le ein­ge­setz­ten Kläge­rin sind dies 28 St­un­den, vgl. § 2 Abs. 1 Nr. 3 der VO zu § 93 Abs. 2 SchulG v. 18. März 2005 (GV. NRW. S. 218), zu­letzt geändert durch VO v. 10. Ju­li 2011 (SGV. NRW. 223),

so­wie die Un­ter­richts­vor­be­rei­tung, die Un­ter­richts­nach­be­ar­bei­tung, El­tern­sprech­ta­ge, Klas­sen­fahr­ten etc. stark dienst­lich be­an­sprucht sind, bleibt in den Fe­ri­en und sons­ti­gen un­ter­richts­frei­en Zei­ten aus­rei­chend Möglich­keit, sich für die Be­lan­ge des Schul­we­sens und der ei­ge­nen Be­sol­dung ein­zu­set­zen.

2. Ein Streik­recht für Be­am­te in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land lässt sich auch nicht aus dem Völker- oder Eu­ro­pa­recht her­lei­ten.

a. Ein Streik­recht für deut­sche Be­am­te er­gibt sich ins­be­son­de­re nicht aus der Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on - EM­RK) und der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR).

aa. Die EM­RK und ih­re Zu­satz­pro­to­kol­le sind völker­recht­li­che Verträge. Die Kon­ven­ti­on überlässt es den Ver­trags­par­tei­en, in wel­cher Wei­se sie ih­rer Pflicht zur Be­ach­tung der Ver­trags­vor­schrif­ten genügen. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist die Kon­ven­ti­on kei­ne all­ge­mei­ne Re­gel des Völker­rechts (Art. 25 GG).

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 4. Mai 2011 - 2 BvR 2333/08 u.a. -, BGBl. I 2011, 1003 = NJW 2011, 1931; Mey­er-La­de­wig, EM­RK Hand­kom­men­tar, 3. Aufl., 2011, Ein­lei­tung Rd­nr. 33.

Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat der EM­RK aber je­weils mit förm­li­chem Ge­setz gemäß Art. 59 Abs. 2 GG zu­ge­stimmt (vgl. Ge­setz über die Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 7. Au­gust 1952 , BGBl. II S. 685; die Kon­ven­ti­on ist gemäß der Be­kannt­ma­chung vom 15. De­zem­ber 1953, BGBl. 1954 II S. 14, am 3. Sep­tem­ber 1953 für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Kraft ge­tre­ten; in­zwi­schen in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 22. Ok­to-

- 44 -

ber 2010, BGBl. II S. 1198). Da­mit hat der Ge­setz­ge­ber die EM­RK in deut­sches Recht trans­for­miert und ei­nen ent­spre­chen­den Rechts­an­wen­dungs­be­fehl er­teilt. In­ner­halb der deut­schen Rechts­ord­nung ste­hen die EM­RK und ih­re Zu­satz­pro­to­kol­le - so­weit sie für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Kraft ge­tre­ten sind - im Ran­ge ei­nes Bun­des­ge­set­zes.

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 4. Mai 2011 - 2 BvR 2333/08 u.a. -, a. a. O.; Be­schlüsse vom 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 -, BVerfGE 111, 307, und vom 29. Mai 1990 - 2 BvR 254/88 u.a. -, BVerfGE 82, 106.

Die­se Rang­zu­wei­sung be­deu­tet, dass deut­sche Ge­rich­te die Kon­ven­ti­on wie an­de­res Ge­set­zes­recht des Bun­des im Rah­men me­tho­disch ver­tret­ba­rer Aus­le­gung zu be­ach­ten und an­zu­wen­den ha­ben. Die Gewähr­leis­tun­gen der EM­RK sind aber kein un­mit­tel­ba­rer ver­fas­sungs­recht­li­cher Prüfungs­maßstab, sie be­ein­flus­sen je­doch die Aus­le­gung der Grund­rech­te und rechts­staat­li­chen Grundsätze des Grund­ge­set­zes und bie­ten in­so­weit ei­ne Ori­en­tie­rungs­hil­fe. Die Gren­zen die­ser Aus­le­gung er­ge­ben sich je­doch aus dem Grund­ge­setz.

Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 -, a. a. O.

Die Auf­ga­be des EGMR ist es si­cher­zu­stel­len, dass die Ver­trags­par­tei­en der EM­RK die durch die Ra­ti­fi­zie­rung über­nom­me­nen Ver­pflich­tun­gen ein­hal­ten. Der EGMR kann Kon­ven­ti­ons­ver­let­zun­gen fest­stel­len und den Un­ter­zeich­ner­staat nach Art. 41 EM­RK zum Er­satz im­ma­te­ri­el­len Scha­dens ver­ur­tei­len,

vgl. EGMR, Ur­teil vom 16. Ju­li 2009 - 8453/04 -, NVwZ 2010, 1015; BVerwG, Be­schluss vom 26. Ok­to­ber 2011 - 2 B 69.10 -, ju­ris; Mey­er-La­de­wig, EM­RK, a. a. O. Art. 41 Rd­nr. 1 ff.,

hat je­doch nicht die Voll­stre­ckungs­be­fug­nis das der Kon­ven­ti­on ent­ge­gen­ste­hen­de in­ner­staat­li­che Recht selbst auf­zu­he­ben. Die Ent­schei­dun­gen des EGMR be­sit­zen ins­be­son­de­re kei­ne Ge­set­zes­qua­lität, viel­mehr spricht Art. 46 Abs. 1 EM­RK nur ei­ne Bin­dung der be­tei­lig­ten Ver­fah­ren­spar­tei­en („in­ter par­tes“) an das endgülti­ge Ur­teil in Be­zug auf ei­nen be­stimm­ten Streit­ge­gen­stand aus („res iu­di­ca­ta“).

- 45 -

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 4. Mai 2011 - 2 BvR 2333/08 u.a. -, a. a. O.

bb. We­der aus der EM­RK noch aus der Recht­spre­chung des EGMR lässt sich ein Streik­recht für deut­sche Be­am­te ab­lei­ten (1). Aber selbst wenn man aus dem Kon­ven­ti­ons­recht ein Streik­recht auch für Be­am­te - oder zu­min­dest für die­je­ni­gen Be­am­ten, die nicht ho­heit­lich ge­prägte Auf­ga­ben wahr­neh­men - ab­lei­ten würde, steht dem je­den­falls in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land das durch Art. 33 Abs. 5 GG - als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums - verbürg­te Streik­ver­bot für Be­am­te ent­ge­gen. Die Re­ge­lun­gen der EM­RK ste­hen in der deut­schen Rechts­ord­nung im Ran­ge ei­nes Bun­des­ge­set­zes un­ter­halb des Grund­ge­set­zes und können so­mit das ver­fas­sungs­un­mit­tel­ba­re Streik­ver­bot für Be­am­te nicht in Fra­ge stel­len (2).

(1) Aus­ge­hend vom Wort­laut ist we­der im ursprüng­li­chen Text der EM­RK noch in den Zu­satz­pro­to­kol­len ein Streik­recht als Grund- oder Men­schen­recht aus­drück­lich ge­nannt.

Vgl. auch Lind­ner, a. a. O. S. 306; B. / Schu­bert, in: Kar­pen­stein, EM­RK, 2012, Art. 11 Rd­nr. 53; Fütte­rer, Das Ko­ali­ti­ons- und Streik-recht im EU-Recht nach dem Wan­del der Recht­spre­chung des EGMR zur Ko­ali­ti­ons­frei­heit gemäß Art. 11 EM­RK (De­mir und Bay­ka­ra und an-de­re), Eu­ZA 2011, 505 (511).

In Art. 11 Abs. 1 EM­RK ist be­stimmt, dass je­de Per­son das Recht hat, sich frei und fried­lich mit an­de­ren zu ver­sam­meln und sich frei mit an­de­ren zu­sam­men­zu­sch­ließen; da­zu gehört auch das Recht, zum Schutz sei­ner In­ter­es­sen Ge­werk­schaf­ten zu gründen und Ge­werk­schaf­ten bei­zu­tre­ten. Ein Streik­recht - ins­be­son­de­re für Be­am­te - fin­det sich in dem Text aus­drück­lich nicht.

Al­ler­dings ist der Rech­te- und Wer­te­ka­ta­log der EM­RK nicht iso­liert an dem Wort­laut der Kon­ven­ti­on zu mes­sen, son­dern im Zu­sam­men­hang mit der Recht­spre­chung des zur In­ter­pre­ta­ti­on der EM­RK be­ru­fe­nen EGMR zu se­hen. Der EGMR hat im Hin­blick auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als Ver­fah­ren­spar­tei in kei­ner Ent­schei­dung die Fest­stel­lung ge­trof­fen, dass das Streik­ver­bot der

- 46 -

deut­schen Be­am­ten ge­gen Be­stim­mun­gen der Kon­ven­ti­on - na­ment­lich Art. 11 EM­RK - ver­s­toße. Auch den ein­schlägi­gen Ent­schei­dun­gen des EGMR kann nach Auf­fas­sung des er­ken­nen­den Se­nats,

an­ders das VG Kas­sel, Ur­teil vom 27. Ju­li 2011 - 28 K 1208/10.KS.D -, AuR 2011, 375,

nicht ent­nom­men wer­den, dass das Streik­ver­bot für Be­am­te in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land kon­ven­ti­ons­wid­rig sei. So hat der EGMR in dem Ver­fah­ren Schmidt und Dahl­ström . /. Schwe­den,

vgl. EGMR, Ur­teil vom 6. Fe­bru­ar 1976 – 5589/72, EGMR 1, 172; im In­ter­net auch all­ge­mein zugäng­lich ab­ruf­bar un­ter: http://www.eu­grz.in­fo/pdf/EGMR22.pdf,

zur Rd­nr. 36 der Ent­schei­dungs­gründe aus­geführt: „Das Streik­recht, das in Art. 11 nicht aus­drück­lich ver­an­kert ist, kann durch das in­ner­staat­li­che Recht ei­ner Re­ge­lung un­ter­wor­fen wer­den, die so ge­stal­tet ist, dass sie sei­ne Ausübung in be­stimm­ten Fällen ein­schränkt“. Ei­ne Kehrt­wen­de in sei­ner Recht­spre­chung hat der EGMR in dem Ver­fah­ren Wil­son und Na­tio­nal Uni­on of Jour­na­lists . /. Ver­ei­nig­tes König­reich,

vgl. EGMR, Ur­teil vom 2. Ok­to­ber 2002 – 30668/96, 30671/96, 30678/96, Rd­nr. 46, im In­ter­net all­ge­mein­zugäng­lich un­ter: http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?item= 2&por­tal=hbkm&ac­tion=html&high­light=30668/96 &ses­sio­nid=86181956&skin=hu­doc-en,

voll­zo­gen, in­dem er die Be­schränkun­gen ei­nes Streiks an den Recht­fer­ti­gungs­gründen des Art. 11 Abs. 2 EM­RK ge­mes­sen hat und ausführ­te, dass zu ei­nem Sys­tem frei­wil­li­ger Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen auch das Recht gehört, Ar­beits­kampf­maßnah­men zu er­grei­fen. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf hat in der hier an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung eben­so wie das Ver­wal­tungs­ge­richt Kas­sel,

vgl. VG Kas­sel, Ur­teil vom 27. Ju­li 2011 - 28 K 1208/10.KS.D -, a. a. O.,

und Tei­le der Li­te­ra­tur,

- 47 -

vgl. Löber, An­mer­kung zu dem hier in Re­de ste­hen­den Ur­teil des VG Düssel­dorf vom 15. De­zem­ber 2010 - 31 K 3904/10.O -, AuR 2011, 76; Nie­do­b­itek, De­na­tio­na­li­sie­rung des Streik­rechts – auch für Be­am­te ? - Ten­den­zen im eu­ropäischen und im in­ter­na­tio­na­len Recht -, ZBR 2010, 361 (367); Lörcher, Das Men­schen­recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lung und Streik - auch für Be­am­te, AuR 2009, 229 f.,

aus der Recht­spre­chung des EGMR in dem Ver­fah­ren De­mir und Bay­ka­ra . /. Türkei,

vgl. EGMR, Ur­teil vom 12. No­vem­ber 2008 – 34503/97, NZA 2010, 1425, AuR 2009, 269, im französi­schen Ori­gi­nal­text im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter:
http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp ?item=1&por­tal=hbkm&ac­tion=html& high-light=34503/97&ses­sio­nid=86181956&
skin=hu­doc-en,

ei­ne völker­recht­li­che Gewähr­leis­tung des Streik­rechts auch für Be­am­te ab­ge­lei­tet. Dem ver­mag sich der Se­nat nicht an­zu­sch­ließen. Im Kern ging es in die­sem Ver­fah­ren dar­um, dass es nach An­sicht des EGMR der Aus­le­gung des Art. 11 EM­RK wi­der­spre­che, wenn An­gehöri­ge des öffent­li­chen Diens­tes kei­ne Ge­werk­schaf­ten bil­den und kei­ne Ta­rif­ver­hand­lun­gen mit ih­rem Ar­beit­ge­ber führen dü¬fen. Die Ein­schränkun­gen in Art. 11 Abs. 2 EM­RK sei­en eng aus­zu­le­gen. Ge­mein­de­be­diens­te­te sei­en da­nach grundsätz­lich kei­ne „An­gehöri­gen der Staats­ver­wal­tung“ i.S.d. Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK. Der EGMR hat un­ter Rd­nr. 158 der Ent­schei­dungs­gründe aus­drück­lich klar­ge­stellt,

„Quant aux ar­gu­ments des re­quérants tirés de l'in­suf­fi­sance des dis­po­si­ti­ons de la no-vel­le légis­la­ti­on du point de vue des droits syn­di­caux des fonc­tion­n­ai­res, la Cour rap­pel­le que l'ob­jet de la présen­te re­quête ne s'étend pas au fait que la nou­vel­le légis­la­ti­on tur­que n'im­po­se pas à l'ad­mi­nis­tra­ti­on l'ob­li­ga­ti­on de con­clu­re des con­ven­ti­ons collec­tives avec les syn­di­cats de fonc­tion­n­ai­res, ni au fait que ces der­niers n'ont pas le droit de grève en cas de non-abou­tis­se­ment des négo­cia­ti­ons collec­tives. “,

dass Fra­gen des Ver­bots des Streik­rechts im öffent­li­chen Dienst - da­mit auch ei­nes Be­am­ten­streik­rechts - nicht Ge­gen­stand die­ses Ver­fah­rens sind.

- 48 -

Vgl. EGMR, Ur­teil vom 12. No­vem­ber 2008 - 34503/97, ausführ­lich in: AuR 2009, 269 (273) und im französi­schen Ori­gi­nal­text, a. a. O.

Deut­li­cher kann ein Ge­richt die Gren­zen des Ver­fah­rens­ge­gen­stan­des kaum for­mu­lie­ren. Ein völker­recht­lich ver­an­ker­tes Streik­recht für Be­am­te oder be­stimm­te Ka­te­go­ri­en von Be­am­ten lässt sich aus die­ser Ent­schei­dung nicht ab­lei­ten. Aus die­ser Ent­schei­dung er­gibt sich nur, dass Art. 11 EM­RK auch im Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes Gel­tung ent­fal­tet und dass dem EGMR ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung da­nach vor­schwebt, ob Beschäfti­ge im öffent­li­chen Dienst Staats­ge­walt im ei­gent­li­chen Sin­ne („...droit pour les fonc­tion­n­ai­res des ad­mi­nis­tra­ti­ons lo­ca­les non déten­teurs de pou­voirs éta­ti­ques de me­ner des négo­cia­ti­ons collec­tives pour la déter­mi­na­ti­on de leur rémunéra­ti­on et de leurs con­di­ti­ons de tra­vail a été re­con­nu dans la ma­jo­rité des Etats contrac­tants ...“, vgl. Rd­nr. 151 im französi­schen Ori­gi­nal­text, a. a. O.). ausüben. Die Un­ter­zeich­ner­staa­ten sol­len da­bei frei blei­ben, ihr Rechts­sys­tem so zu or­ga­ni­sie­ren, dass sie re­präsen­ta­ti­ven Ge­werk­schaf­ten mögli­cher­wei­se ei­ne be­son­de­re Rechts­stel­lung gewähren. An­gehöri­ge des öffent­li­chen Diens­tes müssen von ganz be­son­de­ren Aus­nah­men ab­ge­se­hen, wie an­de­re Ar­beit­neh­mer die­se Rech­te ha­ben, un­be­scha­det der rechtmäßigen Ein­schränkun­gen, die den An­gehöri­gen der Staats­ver­wal­tung i.S. von Art. 11 Abs. 2 EM­RK auf­er­legt wer­den können („... en prin­ci­pe, de­venu l'un des éléments es-sen­ti­els du « droit de fon­der avec d'au­tres des syn­di­cats et de s'af­fi­lier à des syn­di­cats pour la défen­se de ses intérêts » énoncé à l'ar­ti­cle 11 de la Con­ven­ti­on, étant en­t­en­du que les Etats de­meu­rent li­b­res d'or­ga­niser leur système de ma-nière à re­con­naître, le cas échéant, un sta­tut spéci­al aux syn­di­cats re­présen­ta-tifs. Com­me les au­tres tra­vail­leurs, les fonc­tion­n­ai­res, mis à part des cas très par-ti­cu­liers, doiv­ent en bénéfi­cier, sans préju­di­ce tou­te­fois des ef­fets des « res-tric­tions légi­ti­mes » pou­vant de­voir être im­posées aux « mem­bres de l'ad­mi­nis-tra­ti­on de l'Etat » au sens de l'ar­ti­cle 11 ...“, vgl. Rd­nr. 154 im französi­schen Ori¬gi­nal­text, a. a. O). Hier­aus zieht der EGMR in der Ent­schei­dung De­mir und Bay-ka­ra . /. Türkei die Schluss­fol­ge­rung, dass die türki­schen Ge­mein­de­be­diens­te­ten den Ein­schränkun­gen des Art. 11 Abs. 2 EM­RK nicht un­terlägen (...dont ce­pen­dant les re­quérants en l'espèce ne font pas par­tie ...“, vgl. Rd­nr. 154 im französi­schen Ori­gi­nal­text, a. a. O) . Ab­ge­se­hen da­von, dass die­se Ent­schei­dung

- 49 -

sich nicht mit dem Streik­recht im öffent­li­chen Dienst aus­ein­an­der­setzt und nur in­ter par­tes (s.o.) im Verhält­nis zur Türkei Bin­dung ent­fal­tet, sind die Rechts­verhält­nis­se in der Türkei - die al­lein Ge­gen­stand der Ent­schei­dung wa­ren - of­fen-kun­dig auch nicht oh­ne Wei­te­res auf die Rechts­verhält­nis­se in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­trag­bar, denn Be­diens­te­te in den Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen üben in Deutsch­land durch­aus Staats­ge­walt aus (vgl. in der Ein­griffs­ver­wal­tung: z.B. Be­diens­te­te im Ord­nungs­amt, Bau­ord­nungs­amt, Ge­wer­be­auf­sicht - durch Er­lass von ord­nungs­recht­li­chen Be­schei­den und An­ord­nun­gen -, im Be­reich der Ge­mein­de­kas­se - durch den Er­lass von Ab­ga­ben­be­schei­den und Voll­stre­ckungs­maßnah­men - etc., aber auch im Be­reich der Leis­tungs­ver­wal­tung z.B. So­zi­alämter - Gewährung von So­zi­al­hil­fe durch Be­scheid -, Wirt­schaftsförde­rung - Sub­ven­ti­ons­gewährung durch Be­scheid -, BAföG-Leis­tun­gen durch Be­scheid, El­tern­geld­gewährung durch Be­scheid etc.). Es kann nicht ernst­haft in Ab­re­de ge­stellt wer­den, dass es sich hier­bei um ho­heit­li­che Maßnah­men des Staa­tes und da­mit der Staats­ver­wal­tung han­delt.

Ei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung er­gibt sich auch nicht aus der Ent­schei­dung des EGMR in dem Ver­fah­ren En­er­ji Ya­pi-Yol Sen . /. Türkei.

Vgl. EGMR, Ur­teil vom 21. April 2009 – 68959/01, AuR 2009, 274, NZA 2010, 1423; im französi­schen Ori­gi­nal­text im In­ter­net all­ge­mein­zugäng­lich un­ter:
http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?
item=2&por­tal=hbkm&ac­tion=html&high­light=689 59/01&ses­sio­nid=86181956&skin=hu­do­cen.

In die­ser Ent­schei­dung hat der EGMR ent­schie­den, dass ein von Ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­sier­ter Streik von dem Schutz­be­reich des Art. 11 Abs. 1 EM­RK er­fasst sei. Dem Ver­fah­ren lag der Sach­ver­halt zu­grun­de, dass die türki­sche Re­gie­rung „al­len“ Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes per Rund­er­lass un­ter­sagt hat­te, an ei­nem Tag an lan­des­wei­ten Streiks im Rah­men von ge­werk­schaft­li­chen Ak­tio­nen mit Ver­samm­lun­gen und De­mons­tra­tio­nen teil­zu­neh­men. Der EGMR sah hier­in ei­nen Ein­griff in den Schutz­be­reich des Art. 11 Abs. 1 EM­RK. Das Streik­recht sei aber nicht ab­so­lut. Es könne von Vor­aus­set­zun­gen abhängig ge­macht und be­schränkt wer­den. So könne es mit der Ge­werk­schafts­frei­heit ver­ein­bar

- 50 -

sein, Streiks von Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes zu ver­bie­ten, die im Na­men des Staa­tes Ho­heits­ge­walt ausüben. Ein Streik­ver­bot könne al­so be­stimm­te Grup­pen von Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes be­tref­fen, dürfe aber nicht ins­ge­samt für den öffent­li­chen Dienst - wie hier - aus­ge­spro­chen wer-den. Vor­schrif­ten über das Streik­ver­bot müss­ten so ein­deu­tig und be­grenzt wie möglich die Grup­pe der be­trof­fe­nen Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes be­stim­men. Die türki­sche Re­gie­rung ha­be nicht nach­ge­wie­sen, dass die um­strit­te­ne Be­schränkung in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig ge­we­sen sei.

So­weit das Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf in der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung,

eben­so wie das VG Kas­sel, Ur­teil vom 27. Ju­li 2011 - 28 K 1208/10.KS.D -, a. a. O., und Tei­le der Li­te­ra­tur: Lörcher, Be­am­ten­streik­recht zum ers­ten Mal grundsätz­lich an­er­kannt, Der Per­so­nal­rat 2011, 452; Nie­do­b­itek, a. a. O. S. 367; Lörcher, a. a. O., AuR 2009, 229 f.; sie­he auch: Polak­ie­wicz/Kess­ler, Das Streik­ver­bot für deut­sche Be­am­tIn­nen auf dem Prüfstand der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, von der Kläge­rin zur Ge­richts­ak­te ge­reicht,

hier­aus „völker- bzw. eu­ro­pa­recht­lich“ ein ge­ne­rel­les Streik­recht für Be­am­te - oder zu­min­dest für die­je­ni­gen, die kei­ne ho­heits­recht­li­che Funk­tio­nen ausüben - ab­lei­tet, ver­mag der Se­nat dem nicht zu fol­gen. Zur Über­zeu­gung des Se­nats han­delt es sich hier­bei um Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen des Ur­teils, die zum ei­nen aus un­ter­schied­li­chen Über­set­zun­gen der Ori­gi­nal­fas­sung der Ent­schei­dung herrühren und die zum an­de­ren nicht berück­sich­ti­gen, dass der EGMR in die­sem Fall ei­ne Be­weis­las­tent­schei­dung ge­trof­fen hat. Gemäß Art. 34 Abs. 1 der Ver­fah­rens­ord­nung des EGMR (vgl. Be­kannt­ma­chung der Neu­fas­sung der Ver­fah­rens­ord­nung des EGMR vom 27. Ju­li 2006, BGBl. II, S. 693, vom 22. Ok­to­ber 2010, BGBl. II, S. 1198, und vom 1. April 2011, im In­ter­net un­ter: http://www.bmj.de/ Shared­Docs/Down­loads/EN/Ver­fah­rens­ord­nung_des_Ge­richts­hofs.pdf;jses­sio­nid =0279BC91967AD494E 198BDA4EA11493C.1_cid155?_blob=pu­bli­ca­ti­on­File) sind die Amts­spra­chen des Ge­richts­hofs Eng­lisch und Französisch. Die hier vor­lie­gen­den deut­schen Über­set­zun­gen der Ent­schei­dung des EGMR vom 21. April 2009 - AuR 2009, 274 und NZA 2010, 1423 - sind nicht von dem Ge­richts­hof au-

- 51 -

to­ri­siert und können kei­nen An­spruch auf vollständi­ge Au­then­ti­zität er­he­ben. Der Be­griff „fonc­tion­n­ai­res“ in der französi­schen Ori­gi­nal­fas­sung des Ur­teils ist in der deut­schen Fas­sung von Busch­mann/Lörcher mit „Be­am­te/r/n“ über­setzt wor­den [AuR 2009, 274 (275)], während Mey­er-La­de­wig/Pet­zold in ih­rer deut­schen Fas­sung den Be­griff mit „An­gehöri­ge/n des öffent­li­chen Diens­tes“ über­setzt ha­ben [NZA 2010, 1423 (1423, 1424, 1425)]. Die­sen Be­griff­lich­kei­ten kommt ge­ra­de in der Rechts­spra­che ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung zu. In herkömmli­chen Deutsch-Französisch Wörterbüchern und On­line-Über­set­zungspor­ta­len wird der Be­griff „fonc­tion­n­ai­re“ zwar häufig mit „Be­am­ter“ über­setzt,

vgl. http://de.pons.eu/dict/se­arch/re­sults/?q= fonc­tion­n­ai­re&l=de­fr&in=&lf=de&kbd=fr ; http://dic­tion­n­ai­re.re­ver­so.net/fran­cais-al­le-mand/fonc­tion­n­ai­re/forced,

al­ler­dings han­delt es sich hier­bei nicht um rechts­tech­ni­sche Über­set­zun­gen. Bei die­sen um­gangs­sprach­li­chen Über­set­zun­gen wird nicht zwi­schen Staats­be­diens­te­ten (Be­am­te, An­ge­stell­te und Ar­bei­ter) und Be­am­ten im öffent­lich-recht­li­chen Dienst­verhält­nis im Rechts­sin­ne un­ter­schie­den. In ein­schlägi­gen Rechtswörterbüchern,

vgl. Doucet, Wörter­buch der Rechts- und Wirt­schafts­spra­che 1. Französisch – Deutsch, Band 1, 6. Aufl. 2007, Be­griff: fonc­tion­n­ai­re (S. 362), sie­he auch: Pa­ep­ke, Im Über­set­zen le­ben, 1986, S. 262, zu fonc­tion pu­bli­que – fonc­tion­n­ai­re, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://books.goog­le.de/books?id=RF7OgGghOPs C&pg=PA262&dq=fonc­tion+%C3%B6ffentlicher+ Dienst&hl=de#v=one­page&q=fonc­tion&f=fal­se,

wird der Be­griff „fonc­tion­n­ai­re“ mit zwei Be­deu­tun­gen über­setzt, nämlich zum ei­nen im en­ge­ren Sin­ne mit Be­am­ter – be­am­ten­recht­lich aber „agent ti­tu­lai­re“ (vgl. Doucet S. 362, 34) – und zum an­de­ren im wei­te­ren Sin­ne mit Amts­träger, In­ha­ber ei­nes öffent­li­chen Am­tes, An­gehöri­ger des öffent­li­chen Diens­tes. Dies ent­spricht im Übri­gen auch der ei­ge­nen dif­fe­ren­zier­ten Dik­ti­on des EGMR. Im Ver­fah­ren Pel­le­grin . /. Frank­reich,

- 52 -

vgl. EGMR, Ur­teil vom 8. De­zem­ber 1999 – 28541/95, Rd­nr. 62, NVwZ 2000, 661 (663); im französi­schen Ori­gi­nal­text im In­ter­net all­ge­mein-zugäng­lich un­ter: http://cmiskp.echr.coe. int/tkp197/view.asp?item=1&por­tal=hbkm&ac­tion =html& high­light=28541/95&ses­sio­nid=86181956 &skin=hu­doc-en,

hat­te der EGMR zwi­schen den ver­schie­de­nen Be­diens­te­ten im öffent­li­chen Dienst zu un­ter­schei­den, nämlich den An­ge­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes und den Be­am­ten („Dans la présen­te af­fai­re, les par­ties ont tiré ar­gu­ment de la dis­tinc­tion qui exis­te en Fran­ce, com­me dans d’au­tres Etats contrac­tants, ent­re les deux catégo­ries d’agents au ser­vice de l’Etat, ä savoir les agents contrac­tu­els et les agents ti­tu­lai­res“, vgl. französi­scher Ori­gi­nal­text, a. a. O.). Die Be­am­ten wur­den hier mit „agents ti­tu­lai­res“ be­zeich­net, so dass der EGMR in dem Ver­fah­ren En­er­ji Ya­pi-Yol Sen . /. Türkei zur Über­zeu­gung des Se­nats den Be­griff - wie in der Über­set­zung von Mey­er-La­de­wig/ Pet­zold, a. a. O. - im Sin­ne der „An­gehöri­gen des öffent­li­chen Diens­tes“ ver­wen­det hat.

Vgl. zu­tref­fend auch: Lind­ner, a. a. O., S. 307 (Fn. 22).

Hier­von aus­ge­hend stellt das Streik­ver­bot für Be­am­te in Deutsch­land kein Streik­ver­bot für den ge­sam­ten öffent­li­chen Dienst dar. Nur im letz­ten Fall würde der EGMR auf der Ba­sis die­ses Ur­teils ei­nen Ver­s­toß ge­gen Art. 11 Abs. 1 EM­RK se­hen. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sind im öffent­li­chen Dienst ne­ben den Be­am­ten auch An­ge­stell­te und Ar­bei­ter beschäftigt. Die An­ge­stell­ten und Ar­bei­ter - de­ren Ar­beits­verhält­nis im Ge­gen­satz zu dem der Be­am­ten pri­vat­recht­lich ge­re­gelt ist - ha­ben auf der Grund­la­ge der nach Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­ten Ta­rif­au­to­no­mie ein Streik­recht, so dass nicht der ge­sam­te öffent­li­che Dienst ei­nem Streik­ver­bot un­ter­liegt. Im Hin­blick auf die un­ter­schied­lich aus­ge­stal­te­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­se - pri­vat­recht­lich auf der ei­nen Sei­te und öffent­lich-recht­lich auf der an­de­ren Sei­te -, ist das Streik­ver­bot für Be­am­te in Deutsch­land hin­rei­chend be­stimmt und be­grenzt. Ein Streik­recht für Be­am­te oder zu­min­dest die­je­ni­gen Be­am­ten, die Ho­heits­ge­walt ausüben, er­gibt sich mit­hin aus der Ent­schei­dung des EGMR in dem Ver­fah­ren En­er­ji Ya­pi-Yol Sen . /. Türkei nicht. Ab­ge­se­hen da­von hat der EGMR in die­sem Ver­fah­ren ei­ne Be­weis­las­tent­schei­dung

- 53 -

ge­trof­fen und nicht ge­sagt, dass das Streik­recht im öffent­li­chen Dienst nicht be­schränkt wer­den könne. Im Ge­gen­teil, un­ter Rd­nr. 32 der Ent­schei­dungs­gründe hat der EGMR aus­geführt, dass das Streik­recht nicht ab­so­lut sei. Es könne von Vor­aus­set­zun­gen abhängig ge­macht und be­schränkt wer­den. Am En­de der Ent­schei­dungs­gründe un­ter Rd­nr. 32 hat er aus­geführt, dass die türki­sche Re­gie­rung „nicht nach­ge­wie­sen“ ha­be, dass die um­strit­te­ne Be­schränkung in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig war („La Cour relève que le Gou­ver­ne­ment n’a pas démontré la néces­sité dans une so­ciété démo­cra­tique de la re­stric­tion in­cri­minée“, vgl. im französi­schen Ori­gi­nal, a. a. O.). Auch dies ist nicht auf die Rechts­la­ge in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­trag­bar, denn im deut­schen Recht ist - wie be­reits oben dar­ge­legt - das Streik­ver­bot für Be­am­te ein her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums, der un­ter dem Ge­sichts­punkt der Treue­pflicht und der Er­hal­tung der Funk­ti­onsfähig­keit staat­li­chen Han­delns zu den ver­fas­sungs­recht­li­chen Kern­struk­tur­prin­zi­pi­en gehört. Dass der Staat zu­min­dest mit ei­nem Teil sei­ner Beschäftig­ten im öffent­li­chen Dienst in je­der Le­bens-und Not­si­tua­ti­on hand­lungsfähig bleibt, ist ge­ra­de zur Auf­recht­er­hal­tung und Si­che­rung der de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land not­wen­dig, his­to­risch verbürgt und ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­kert. Im Übri­gen er­gibt sich auch mit Blick auf das Pro­zess­ver­hal­ten der Türkei in dem Ver­fah­ren En­er­ji Ya­pi-Yol Sen . /. Türkei kei­ner­lei Aus­sa­ge­wert für das deut­sche Be­am­ten­recht. Un­zuläng­lich­kei­ten der Pro­zessführung ei­nes am Ver­fah­ren be­tei­lig­ten Kon­ven­ti­ons­staa­tes, der - wie hier die Türkei - die Not­wen­dig­keit ei­nes (im Übri­gen ge­ne­rel­len) Streik­ver­bots im öffent­li­chen Dienst nach Auf­fas­sung des EGMR nicht hin­rei­chend dar­ge­legt hat, kommt kein Aus­sa­ge­wert im Hin­blick auf die Rechts­la­ge in den an­de­ren Kon­ven­ti­ons­staa­ten - hier ins­be­son­de­re der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land - zu. Der EGMR hat in die­ser Ent­schei­dung aus­drück­lich aus­geführt, dass das Streik­recht von Vor­aus­set­zun­gen abhängig ge­macht und ein­ge­schränkt wer­den kann, wenn es denn not­wen­dig ist. Dass ein Streik­ver­bot für ei­nen Teil des öffent­li­chen Diens­tes - nämlich die Be­am­ten - in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land not­wen­dig ist, ist be­reits oben aus­geführt wor­den.

Ein Streik­recht für deut­sche Be­am­te lässt sich ins­be­son­de­re auch nicht aus der Ent­schei­dung des EGMR in dem Ver­fah­ren L1. und T1. . /. Türkei,

- 54 -

vgl. EGMR, Ur­teil vom 15. Sep­tem­ber 2009 - 30946/04, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?item= 1&por­tal=hbkm&ac­tion=html&high­light=30946/04 %20%7C%2030946/04&ses­sio­nid=86840536&sk in=hu­doc-en,

ab­lei­ten. Ab­ge­se­hen da­von, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht Ver­fah­ren­spar­tei war, lässt sich der Ent­schei­dung be­reits nicht ent­neh­men, dass es sich bei den Be­schwer­deführern die­ses Ver­fah­rens um Be­am­te - ver­gleich­bar dem deut­schen Recht - ge­han­delt hat bzw. dass das Be­ste­hen ei­nes ent­spre­chen­den öffent­lich-recht­li­chen Dienst­verhält­nis­ses von ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Be­deu­tung war und dass die Rechts­la­ge in der Türkei mit der deut­schen Rechts­la­ge in­so­weit über­haupt ver­gleich­bar ist. Die Be­schwer­deführer wa­ren Leh­rer und Mit­glie­der im Ge­werk­schafts­bund der Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes (Kesk). Am 11. De­zem­ber 2003 nah­men sie ei­nem Auf­ruf der Kesk fol­gend an ei­nem na­tio­na­len Ak­ti­ons­tag teil, um ge­gen den Ge­setz­ent­wurf über die Or­ga­ni­sa­ti­on des öffent­li­chen Diens­tes zu pro­tes­tie­ren, der im türki­schen Par­la­ment de­bat­tiert wur­de. Auf der Grund­la­ge des Art. 125 (A) des Ge­set­zes Nr. 657 er­hiel­ten sie am 15. Ja­nu­ar 2004 zum Zwe­cke der Ver­tei­di­gung der na­tio­na­len und öffent­li­chen Si­cher­heit, der Auf­recht­er­hal­tung der Ord­nung und Verhütung von Straf­ta­ten ei­ne „War­nung“ als Dis­zi­pli­nar­maßnah­me. Der EGMR sah kei­ne not­wen­di­ge Recht­fer­ti­gung in die­ser Maßnah­me und stell­te u.a. ei­ne Ver­let­zung des Art. 11 EM­RK fest, sah aber kei­ne Ver­an­las­sung für ei­ne Entschädi­gung. Die­ser Ent­schei­dung kann nicht ent­nom­men wer­den, dass der EGMR von ei­nem Streik­recht für deut­sche Be­am­te aus­geht oder dass er aus Art. 11 EM­RK ein sol­ches Streik­recht für deut­sche Be­am­te ab­lei­tet. Dass in dem Ver­fah­ren L1. und T1. . /. Türkei ge­gen die Be­schwer­deführer ei­ne „War­nung“ nach dem türki­schen „Be­am­ten“-ge­setz aus­ge­spro­chen wur­de, be­sagt nicht, dass es sich bei den Be­schwer­deführern um Be­am­te - ver­gleich­bar dem deut­schen Be­am­ten­recht - ge­han­delt hat. Denn gemäß Art. 128 und 129 der türki­schen Ver­fas­sung (im In­ter­net all­ge­mein ab­ruf­bar un­ter: http://www.ver­fas­sun­gen.eu/tr/ in­dex.htm) und dem türki­schen Ge­setz Nr. 657 v. 14. Ju­li 1965 (RG Mr- 12056 v. 23. Ju­li 1965; vgl. auch Gut­ach­ten Dr. D2. S1. für das Ar­beits­ge­richt L. v. 18. De­zem­ber
2003 – Az: 14 (1) Ca 7860/01, im In­ter­net all­ge­mein ab­ruf­bar un­ter: www.tu­er­kei-

- 55 -

recht.de/down­loads/ gut­ach­ten-arbg-koeln.pdf) un­ter­lie­gen in der Türkei - im Ge­gen­satz zu dem deut­schen Recht - ne­ben Be­am­ten („me­mur“) auch die übri­gen An­ge­stell­ten („sözles­me­li per­so­nel“) und Ar­bei­ter („isci“) im öffent­li­chen Dienst dem Dis­zi­pli­nar­recht. Der Ent­schei­dung lässt sich mit­hin nicht ent­neh­men, dass die bei­den Leh­rer Be­am­te - ver­gleich­bar dem deut­schen Recht - wa­ren oder dass der EGMR hier be­wusst ei­ne Ent­schei­dung im Hin­blick auf Be­am­te ge­trof­fen hat. Die Ent­schei­dung be­inhal­tet - zu­mal sie sich auch auf die Türkei be­zieht - ins­be­son­de­re kei­nen Te­nor da­hin­ge­hend, dass sich be­am­te­te Leh­rer in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf ein nach Art. 11 EM­RK völker­recht­lich ver­an­ker­tes Streik­recht be­ru­fen können. In die­sem Zu­sam­men­hang ist zu berück­sich­ti­gen, dass auch in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein ge­ne­rel­les Streik­ver­bot für Leh­rer nicht be­steht, da die­je­ni­gen Leh­rer, die sich in ei­nem An­ge­stell­ten­verhält­nis be­fin­den, ein Streik­recht ha­ben. Darüber hin­aus zeigt der der Ent­schei­dung zu­grun­de lie­gen­de Sach­ver­halt, dass die türki­sche Rechts­la­ge nicht mit der Rechts­la­ge in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­gleich­bar ist, denn in dem Ver­fah­ren L1. und T1. . /. Türkei ging es um ei­nen sog. „po­li­ti­schen“ Streik, da sich die Strei­ken­den ge­gen ei­nen Ge­setz­ent­wurf ge­wandt ha­ben und sich da­mit nicht für ein ta­riffähi­ges Ziel ein­ge­setzt ha­ben. Der­ar­ti­ge „po­li­ti­sche“ Streiks sind in Deutsch­land,

vgl. hier­zu im Ein­zel­nen: BAG, Ur­tei­le vom 27. Ju­ni 1989 - 1 AZR 404/88 -, BA­GE 62, 171, und vom 5. März 1985 - 1 AZR 468/83 -, BA­GE 48, 160; Be­schluss vom 23. Ok­to­ber 1984 - 1 AZR 126/81 -, DB 1985, 1239; ArbG Os­nabrück, Ur­teil vom 4. Ju­ni 1996 - 4 Ga 10/96 -, NZA-RR 1996, 341; Scholz, in: Maunz/Dürig, GG, Bd. II, Art. 9 Rd­nr. 375; Schwei­ger/Brandl, Der Kampf um Ar­beit, 2010, S. 60,

selbst für An­ge­stell­te und Ar­bei­ter nicht von der Ko­ali­ti­ons­frei­heit nach Art. 9 Abs. 3 GG er­fasst, da sol­che Streik­maßnah­men nicht ta­riffähi­gen Zie­len und da­mit nicht der Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen die­nen. Hier­bei han­delt es sich um ein ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­tes Kern­struk­tur­prin­zip in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und um ei­ne his­to­risch und rechts­po­li­tisch ge­wach­se­ne Be­son­der­heit im deut­schen Rechts­sys­tem. Die in­so­weit die Türkei be­tref­fen­de Ent­schei­dung zeigt da­mit we­der in tatsäch­li­cher noch in recht­li­cher Hin-

- 56 -

sicht ei­ne Ver­gleich­bar­keit zum deut­schen Rechts­sys­tem - ins­be­son­de­re Be­am­ten­recht - auf, noch las­sen sich - man­gels ei­ner ent­spre­chen­den Ver­gleich­bar­keit der Fall­kon­stel­la­tio­nen - hier­aus völker­recht­li­che Rück­schlüsse dar­aus zie­hen, dass auch den deut­schen Be­am­ten mit Blick auf Art. 11 EM­RK i.V.m. Art. 9 Abs. 3 GG ein Streik­recht zu­ste­hen müsse.

Et­was an­de­res er­gibt sich auch nicht aus der von der Kläge­rin zi­tier­ten Ent­schei­dung des EGMR in dem Ver­fah­ren D. . /. Türkei.

Vgl. EGMR, Ur­teil vom 13. Ju­li 2010 - 333222/07, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?item= 1&por­tal=hbkm&ac­tion=html&high­light=33322/07 %20%7C%2033322/07&ses­sio­nid=86846802&sk in=hu­doc-en,

Zum ei­nen ist auch hier die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht Ver­fah­ren­spar­tei ge­we­sen. Zum an­de­ren kann der in die­ser Ent­schei­dung ver­wen­de­te Be­griff „agents pu­blics“ (vgl. Nr. 13 der französi­schen Ori­gi­nal­fas­sung, a. a. O.) eben­falls so­wohl Be­am­ter als auch An­ge­stell­ter des öffent­li­chen Diens­tes be­deu­ten,

vgl. Doucet, a. a. O., S. 34 zum Be­griff „agent pu­blic“,

und das türki­sche Ge­setz Nr. 657 be­trifft - wie be­reits oben aus­geführt - al­le An-gehöri­gen des öffent­li­chen Diens­tes (Be­am­te, An­ge­stell­te und Ar­bei­ter), so dass auch die­ser Ent­schei­dung nicht zu ent­neh­men ist, dass es sich bei dem Be­schwer­deführer um ei­nen Be­am­ten - ver­gleich­bar dem deut­schen Recht - ge­han­delt hat oder dass ein Be­am­ten­sta­tus des Be­schwer­deführers in die­sem Ver­fah­ren über­haupt von Re­le­vanz war. Der Sach­ver­halt zeigt auch im Übri­gen so­wohl in recht­li­cher als auch in tatsäch­li­cher Hin­sicht kei­ne Ver­gleich­bar­keit zur deut­schen Rechts­la­ge auf. Es ging in dem Ver­fah­ren D. . /. Türkei um die Teil­nah­me an ei­nem na­tio­na­len Ak­ti­ons­tag am 1. Mai 2007, um den Tag der Ar­beit zu fei­ern. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist der 1. Mai be­kannt­lich ein ge­setz­li­cher Fei­er­tag, so dass ei­ne Teil­nah­me an ent­spre­chen­den Ak­tio­nen auch für Be­am­te - so­weit sie nicht zu Fei­er­tags­dienst ein­ge­teilt sind - un­pro­ble­ma­tisch wäre. In­wie­weit sich hier­aus ei­ne Ver­gleich­bar­keit der Sach- und Rechts­la­ge und

- 57 -

ins­be­son­de­re ein Streik­recht für be­am­te­te Leh­rer - wie die Kläge­rin - ab­lei­ten soll, ist nicht er­sicht­lich. Aber selbst wenn man den in dem Ver­fah­ren D. . /. Türkei ent­schie­de­nen Sach­ver­halt auf ei­nen nor­ma­len Ar­beits­tag in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­tra­gen würde, lässt sich hier­aus ein Streik­recht für deut­sche Be­am­te nicht ab­lei­ten. Der EGMR hat in an­de­rem Zu­sam­men­hang in der letz­ten Zeit be­reits häufi­ger in sei­nen Ent­schei­dun­gen dar­auf ab­ge­stellt, dass sich die Staa­ten in Eu­ro­pa his­to­risch sehr un­ter­schied­lich ent­wi­ckelt ha­ben, dass die­sen Be­son­der­hei­ten auch bei der Aus­le­gung der EM­RK Rech­nung zu tra­gen ist und dass die Ent­schei­dung darüber, ob ei­ne his­to­risch verbürg­te Tra­di­ti­on auf­recht er­hal­ten wer­den soll, grundsätz­lich in den Er­mes­sens­spiel­raum („mar­gin of app­re­cia­ti­on“) des ver­ant­wort­li­chen Staa­tes fal­le,

vgl. EGMR, Ur­tei­le vom 18. März 2011 – 30814/06, NVwZ 2011, 737, im eng­li­schen Ori­gi­nal­text im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich ab­ruf­bar un­ter: http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?item=2&por­tal=hbkm&ac­tion=html&high­light=308 14/06&ses­sio­nid=86181956&skin=hu­doc-en (Rd­nr. 68); und vom 21. Sep­tem­ber 2010 - 66686/09, NVwZ 2011, 31; sie­he auch Bat­tis, Streik­recht für Be­am­te ?, ZBR 2011, 397 (400),

so dass auch vor die­sem Hin­ter­grund und mit Blick auf die his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums und der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­an­ke­rung der her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nichts dafür er­sicht­lich ist, dass die Rechts­la­ge in der Türkei - die al­lein zur Ent­schei­dung stand - mit der in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­gleich­bar ist. Bei dem deut­schen Be­rufs­be­am­ten­tum han­delt es sich um dog­ma­tisch aus­dif­fe­ren­zier­te na­tio­na­le Re­ge­lun­gen im Hin­blick auf das öffent­lich-recht­li­che Dienst­verhält­nis, die his­to­risch ge­wach­sen und ver­fas­sungs­recht­lich verbürgt sind. Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Be­son­der­hei­ten lässt sich je­den­falls der Ent­schei­dung D. . /. Türkei nicht ent­neh­men, dass das in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Art. 33 Abs. 5 GG als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tum ent­hal­te­ne Streik­ver­bot für Be­am­te ge­gen Art. 11 EM­RK verstößt.
 


- 58 -

cc. Aber selbst wenn man da­von aus­gin­ge, dass die EM­RK ein Streik­recht auch für deut­sche Be­am­te oder zu­min­dest für die­je­ni­gen, die nicht ho­heits­recht­li­che Funk­tio­nen wahr­neh­men, verbürgen würde,

so VG Kas­sel, Ur­teil vom 27. Ju­li 2011 - 28 K 1208/10.KS.D -, a. a. O.; Nie­do­b­itek, a. a. O., S. 368; Lörcher, Der Per­so­nal­rat 2011, 452 f.,

wird hier­durch das in Art. 33 Abs. 5 GG ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­te Streik­ver­bot für deut­sche Be­am­te nicht in Fra­ge ge­stellt. Die EM­RK und ih­re Zu­satz­pro­to­kol­le sind - wie be­reits oben dar­ge­stellt - völker­recht­li­che Verträge, de­nen der Bun­des­ge­setz­ge­ber je­weils mit förm­li­chen Ge­setz gemäß Art. 59 Abs. 2 GG zu­ge­stimmt hat und die in der deut­schen Rechts­ord­nung im Ran­ge ei­nes Bun­des­ge­set­zes ste­hen. Die Rang­zu­wei­sung führt da­zu, dass deut­sche Ge­rich­te die Kon­ven­ti­on wie an­de­res Ge­set­zes­recht des Bun­des im Rah­men me­tho­disch ver­tret­ba­rer Aus­le­gung zu be­ach­ten und an­zu­wen­den ha­ben. Die Rang­zu­ord­nung be­deu­tet aber auch, dass die EM­RK im deut­schen Rechts­an­wen­dungs­be­reich an dem Grund­ge­setz zu mes­sen ist. Das Grund­ge­setz er­strebt die Einfügung Deutsch­lands in die Rechts­ge­mein­schaft fried­li­cher und frei­heit­li­cher Staa­ten, so dass die EM­RK und die Recht­spre­chung des EGMR als Ori­en­tie­rungs- und Aus­le­gungs­hil­fe bei der An­wen­dung von Grund­rech­ten her­an­zu­zie­hen sind. Dies ist letzt­lich Aus­druck der Völker­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes. Die Her­an­zie­hung der EM­RK als Ori­en­tie­rungs- und Aus­le­gungs­hil­fe ver­langt al­ler­dings kei­ne sche­ma­ti­sche Par­al­le­li­sie­rung. Die Recht­spre­chung des EGMR und die EM­RK sind auf der Ebe­ne des ein­fa­chen Rechts möglichst scho­nend in das vor­han­de­ne, dog­ma­tisch aus­dif­fe­ren­zier­te na­tio­na­le Rechts­sys­tem ein­zu­pas­sen, wes­halb sich ei­ne un­re­flek­tier­te Ad­ap­ti­on völker­recht­li­cher Be­grif­fe ver­bie­tet. Die Gren­zen der völker­recht­li­chen Aus­le­gung er­ge­ben sich aus dem Grund­ge­setz. Das „letz­te Wort“ ha­ben für den deut­schen Rechts­an­wen­dungs­be­reich mit­hin das Grund­ge­setz und die dar­in ver­an­ker­ten aus­dif­fe­ren­zier­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen. Dies ist Aus­druck der Sou­veränität Deutsch­lands. Die Möglich­kei­ten ei­ner kon­ven­ti­ons­freund­li­chen Aus­le­gung von Grund­rech­ten en­det mit­hin dort, wo die­se nach den an­er­kann­ten Me­tho­den der Ge­set­zes­aus­le­gung und Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr ver­tret­bar er­scheint, ins­be­son­de­re dann, wenn hier­durch die ver­fas­sungs­recht­li­che Kern­struk­tur in Fra­ge ge­stellt würde.

- 59 -

Vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 -, a. a. O., und vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O.

Will man den In­halt und die Reich­wei­te der im Grund­ge­setz ga­ran­tier­ten Grund­rech­te über den Kern­be­stand an Struk­tur­prin­zi­pi­en hin­aus mo­di­fi­zie­ren, ist es Sa­che des Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­bers das Grund­ge­setz ent­spre­chend ab­zuändern. Die Fach­ge­rich­te hin­ge­gen sind un­ter Berück­sich­ti­gung des Hier­ar­chie­verhält­nis­ses zwi­schen Ver­fas­sungs­recht und ein­fa­chem Recht an die Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes und die Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­bun­den.

Hier­von aus­ge­hend verstößt - wie be­reits oben dar­ge­stellt - ein Streik­recht für Be­am­te in Deutsch­land ge­gen die her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums nach Art. 33 Abs. 5 GG. Die Treue­pflicht der Be­am­ten­schaft - ein da­mit nicht zu ver­ein­ba­ren­des Streik­recht - und das die­ser Treue­pflicht (als Sy­nal­lag­ma) kor­re­spon­die­ren­de Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip gehören zu dem Kern­be­stand an ver­fas­sungs­recht­li­chen Struk­tur­prin­zi­pi­en, die die Funk­tio­na­lität des deut­schen Staa­tes si­cher­stel­len sol­len und die ei­ner an­de­ren in­halt­li­chen Aus­ge­stal­tung durch bloße Aus­le­gung ent­zo­gen sind. Dies gilt für das Streik­ver­bot der Be­am­ten­schaft als Ge­samt­heit, so dass we­gen der sta­tus­be­zo­ge­nen Aus­prägung des Be­am­ten­rechts - wie be­reits oben dar­ge­stellt - auch ei­ne funk­ti­ons­be­zo­ge­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach den gel­ten­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maßstäben nicht möglich ist. Auch wenn z.B. Leh­rer - wie die Kläge­rin - nicht schwer­punktmäßig ho­heit­lich ge­prägte Auf­ga­ben wahr­neh­men, kommt den be­am­te­ten Leh­rern ein Streik­recht ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu. Die Treue­pflicht der Be­am­ten­schaft, die in ei­ner Viel­zahl von be­am­ten­recht­li­chen Be­stim­mun­gen ih­re kon­kre­te Aus­prägung er­fah­ren hat (vgl. §§ 34 ff. LBG NRW a.F.; §§ 33 ff. Be­am­tStG etc.) dif­fe­ren­ziert nicht nach dem je­wei­li­gen Tätig­keits­be­reich des Be­am­ten. Die recht­li­che Stel­lung der Be­am­ten ist gleich, und zwar un­abhängig da­von, ob sie in ih­rem kon­kre­ten Tätig­keits­be­reich ho­heit­li­che Auf­ga­ben wahr­neh­men oder nicht. Auf die Fra­ge, ob der je­wei­li­ge Be­am­te in sei­ner kon­kre­ten Funk­ti­on ho­heit­lich in Rech­te an­de­rer ein­greift, kommt es mit­hin nicht an. Auch die Fort­ent­wick­lungs­klau­sel in Art. 33 Abs. 5 GG ändert hier­an nichts. Denn Ände­run­gen, die - wie

- 60 -

hier - mit dem Kern­be­stand der Grund­struk­tu­ren des von Art. 33 Abs. 5 GG geschütz­ten Be­rufs­be­am­ten­tums nicht in Ein­klang ge­bracht wer­den können, ver­s­toßen auch wei­ter­hin ge­gen die Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes.

Vgl. auch VG Os­nabrück, Ur­teil vom 19. Au­gust 2011 - 9 A 1/11 -, a. a. O.; Kutz­ki, a. a. O., S. 169 f.; Sei­fert, a. a. O., S. 373 f.

b. Auch aus an­de­ren völker- und eu­ro­pa­recht­li­chen Übe­r­ein­kom­men und Re­ge­lun­gen lässt sich ein Streik­recht für deut­sche Be­am­te nicht ab­lei­ten.

aa. Ins­be­son­de­re den ILO-Übe­r­ein­kom­men der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on Nr. 87 (Übe­r­ein­kom­men über die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit und den Schutz des Ver­ei­ni­gungs­rechts, 1948),

vgl. im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter:
http://www.ilo.org/ilo­lex/ger­man/docs/gc087.htm,

und Nr. 98 (Übe­r­ein­kom­men über die An­wen­dung der Grundsätze des Ver­ei­ni­gungs­rechts und des Rechts zu Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen, 1949),

vgl. im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter:
http://www.ilo.org/ilo­lex/ger­man/docs/gc098.htm,

kom­men im Ver­gleich zur EM­RK im deut­schen Recht kei­ne über den Rang ei­nes ein­fa­chen Bun­des­ge­set­zes hin­aus­ge­hen­de Wir­kung zu (Art. 59 Abs. 2 GG) und sind da­her eben­falls an Art. 33 Abs. 5 GG zu mes­sen. Ab­ge­se­hen da­von sind die­se Ab­kom­men auf Be­am­te nicht an­wend­bar.

Vgl. Art. 6 ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr. 98; Stel­lung­nah­me der Bun­des­re­gie­rung zu dem ILO-Über-ein­kom­men Nr. 151, BT-Drucks. 10/2123, S. 8.

Das ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr. 151 (Übe­r­ein­kom­men über den Schutz des Ver­ei­ni­gungs­rechts und über Ver­fah­ren zur Fest­set­zung der Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen im öffent­li­chen Dienst, 1978),

vgl. im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter:
http://www.ilo.org/ilo­lex/ger­man/docs/gc151.htm,

- 61 -

ist von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht ra­ti­fi­ziert wor­den, weil nicht aus­zu­sch­ließen war, dass die In­ter­pre­ta­ti­on der Art. 7 und 8 die­ses Übe­r­ein­kom­mens durch die zuständi­gen Gre­mi­en der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on in ei­ner Wei­se er­fol­gen könne, dass die­se Be­stim­mun­gen mit der in­ner­staat­li­chen Rechts­la­ge nicht ver­ein­bar sind.

Vgl. Stel­lung­nah­me der Bun­des­re­gie­rung zu dem ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr. 151, BT-Drucks. 10/2123, S. 8; Kutz­ki, a. a. O., S. 170; Sei­fert, a. a. O., S. 366.

bb. Auch aus un­mit­tel­bar gel­ten­den EU-Recht er­gibt sich kein Streik­recht der deut­schen Be­am­ten. Die EU-Verträge räum­en der Eu­ropäischen Uni­on nicht die Kom­pe­tenz ein, das Streik­recht zu re­geln. Art. 153 Abs. 5 AEUV, wo­nach die Re­ge­lun­gen in Art. 153 Abs. 1 bis 4 AEUV nicht für das Ar­beits­ent­gelt, das Ko­ali­ti­ons­recht, das Streik­recht so­wie das Aus­sper­rungs­recht gilt, schließt ei­ne der­ar­ti­ge Kom­pe­tenz aus­drück­lich aus. Auch aus Art. 6 Abs. 1 EUV i.V.m. der Grund­rech­te­char­ta (EU-GRChar­ta), die nun­mehr den Rang des EU-Primärrechts hat, er­gibt sich kein Streik­recht für Be­am­te. Zwar be­inhal­tet Art. 12 Abs. 1 EU-GRChar­ta das Ver­ei­ni­gungs­recht und Art. 28 EU-GRChar­ta das Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen und Kol­lek­tiv­maßnah­men, das auch das Streik­recht er­fasst. Nach Maßga­be des Art. 51 Abs. 1 EU-GRChar­ta bin­det die Eu­ropäische Grund­rech­te­char­ta in ers­ter Li­nie aber nur die Or­ga­ne der Eu­ropäischen Uni­on. Für die Mit­glied­staa­ten sind die Verbürgun­gen der Grund­rech­te­char­ta „aus­sch­ließlich bei der Durchführung des Rechts der Uni­on“ zu be­ach­ten. Gemäß Art. 6 EUV wer­den durch die Be­stim­mun­gen der Char­ta die in den Verträgen fest­ge­leg­ten Zuständig­kei­ten in kei­ner Wei­se er­wei­tert. Die Re­ge­lung des in­ner­staat­li­chen Be­am­ten­rechts stellt kei­ne Durchführung des EU-Rechts dar. Es ver­bleibt hier­bei bei der ori­ginären Kom­pe­tenz der Mit­glied­staa­ten (Art. 4 Abs. 1 EUV). Da die Eu­ropäische Uni­on mit Blick auf den in Art. 5 Abs. 1 Satz 1 EUV ge­re­gel­ten Grund­satz der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung kei­ne Re­ge­lungs­kom­pe­tenz für das Ar­beits­kampf­recht hat, kann ei­ne sol­che auch nicht über Art. 28 EU-GRChar­ta be­gründet wer­den.

- 62 -

Vgl. VG Os­nabrück, Ur­teil vom 19. Au­gust 2011 - 9 A 1/11 -, a. a. O; Lind­ner, a. a. O., S. 309; Kutz­ki, a. a. O., S. 170.

3.) Die Ar­beits­nie­der­le­gung der Kläge­rin we­gen der Teil­nah­me an den Warn­streiks am 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 und 10. Fe­bru­ar 2009 war auch nicht durch § 103 LBG a.F. ge­recht­fer­tigt. Nach § 103 Abs. 1 Satz 1 LBG a.F. ha­ben die Be­am­ten das Recht, sich in Ge­werk­schaf­ten oder Be­rufs­verbänden zu­sam­men­zu­sch­ließen, und nach Ab­satz 2 die­ser Re­ge­lung darf kein Be­am­ter we­gen der Betäti­gung für sei­ne Ge­werk­schaft oder sei­nen Be­rufs­ver­band dienst­lich ge­maßre­gelt oder be­nach­tei­ligt wer­den. Die­se ein­fach­ge­setz­li­che Re­ge­lung steht je­doch un­ter dem Vor­be­halt, dass die ge­werk­schaft­li­chen Betäti­gun­gen mit den ver­fas­sungs­recht­lich ge­re­gel­ten und höher­ran­gi­gen her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums (Art. 33 Abs. 5 GG) im Ein­klang ste­hen, was je­doch im Fal­le ei­nes Streiks - wie oben dar­ge­stellt - nicht der Fall ist.

Vgl. hier­zu auch: Hil­de­brandt/Demm­ler/Bach­mann, Be­am­ten­ge­setz für das Land NRW,

§ 103 Rd­nr. 1. § 103 LBG a.F. gewährt da­mit kein Ar­beits­kampf­recht für Be­am­te.

V. Da­durch, dass die Kläge­rin am 28. Ja­nu­ar, 5. Fe­bru­ar und 10. Fe­bru­ar 2009 an den Warn­streiks teil­nahm und un­ent­schul­digt ih­rer Un­ter­richts­pflicht nicht nach­kam, hat sie die un­ter II. 1 bis 4 dar­ge­stell­ten Dienst­pflich­ten schuld­haft ver­letzt. Ins­be­son­de­re kann sie sich nicht auf ei­nen das Ver­schul­den aus­sch­ließen­den Ver­bots­irr­tum (vgl. § 17 Abs. 1 Satz 1 StGB) be­ru­fen. Durch die Gespräche mit der Kon­rek­to­rin ih­rer Schu­le vom 23. Ja­nu­ar 2009, mit der Schul­lei­te­rin am 26. Ja­nu­ar 2009 und auf­grund des Schrei­bens der Schul­lei­te­rin vom 9. Fe­bru­ar 2009 ist die Kläge­rin aus­drück­lich auf die Un­zulässig­keit ih­rer ge­plan­ten und un­ge­neh­mig­ten Streik­teil­nah­me hin­ge­wie­sen wor­den. Ih­re ab­wei­chen­de Hal­tung konn­te die Kläge­rin auch nicht auf ei­ne ge­genläufi­ge Recht­spre­chung stützen. Die we­sent­li­chen, hier in­ter­es­sie­ren­den Ent­schei­dun­gen des EGMR sind erst nach dem re­le­van­ten Zeit­raum er­gan­gen und ge­ben noch da­zu - wie aus­geführt wur­de - für ein Streik­recht der Be­am­ten in Deutsch­land nichts her. Sons­ti­ge An-

- 63 -

halts­punk­te für ei­ne Schuld­unfähig­keit oder ei­ne ver­min­der­te Schuldfähig­keit be­ste­hen nicht und sind sei­tens der Kläge­rin auch nicht vor­ge­tra­gen wor­den.

VI. Das be­klag­te Land hat ge­gen die Kläge­rin zu Recht mit der streit­be­fan­ge­nen Dis­zi­pli­nar­verfügung vom 10. Mai 2010 ei­ne Geld­buße i.H.v. 1.500,00 Eu­ro verhängt.

1. Die vom be­klag­ten Land verhäng­te Dis­zi­pli­nar­maßnah­me ist im Hin­blick auf die Schwe­re des von der Kläge­rin be­gan­ge­nen ein­heit­li­chen in­ner­dienst­li­chen Dienst­ver­ge­hens an­ge­mes­sen.

Nach Maßga­be des § 59 Abs. 3 Satz 1 LDG NRW prüft das Ge­richt bei der Kla­ge ge­gen ei­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung ne­ben der Rechtmäßig­keit auch die Zweckmäßig­keit der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung. Aus der ver­gleich­ba­ren Vor­schrift des § 60 Abs. 3 BDG lei­tet das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt,

vgl. BVerwG, Ur­teil vom 15. De­zem­ber 2005 - 2 A 4.04 -, Schütz/Mai­wald, Be­am­ten­recht in Bund und Ländern, ES/B II 1.1 Nr. 13 = Buch­holz 235.1 § 24 BDG Nr. 1,

ab, dass das Ge­richt nicht auf die Prüfung der Fra­ge be­schränkt ist, ob das der Kläge­rin mit der Dis­zi­pli­nar­verfügung zum Vor­wurf ge­mach­te Ver­hal­ten (Le­bens­sach­ver­halt) tatsächlich vor­liegt und als Dienst­ver­ge­hen zu würdi­gen ist. Das Ge­richt hat viel­mehr un­ter Be­ach­tung des Ver­schlech­te­rungs­ver­bots auch darüber zu ent­schei­den, wel­ches die an­ge­mes­se­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me ist. An­ders als sonst bei ei­ner An­fech­tungs­kla­ge ist das Ge­richt da­nach nicht gemäß § 113 Abs. 1 Satz 1 Vw­GO dar­auf be­schränkt, ei­ne rechts­wid­ri­ge Verfügung auf­zu­he­ben; es trifft in An­wen­dung der in § 13 Abs. 1 LDG NRW nie­der­ge­leg­ten Grundsätze in­ner­halb der durch die Verfügung vor­ge­ge­be­nen Ober­gren­ze viel­mehr ei­ne ei­ge­ne Er­mes­sens­ent­schei­dung. Der Hin­weis des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auf den wort­glei­chen § 13 BDG be­sagt, dass auch bei ei­ner Kla­ge ge­gen ei­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung über die Dis­zi­pli­nar­maßnah­me un­ter Berück­sich­ti­gung der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens, des Persönlich­keits­bil­des des Be­am­ten so­wie der Be­ein­träch­ti­gung des Ver­trau­ens des Dienst­herrn oder der All­ge­mein­heit nach pflicht­gemäßem Er­mes­sen zu ent­schei­den ist.

- 64 -

Vgl. OVG NRW, Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 21d A 2259/07.O -.

Wel­che Dis­zi­pli­nar­maßnah­me im Ein­zel­fall er­for­der­lich ist, rich­tet sich gemäß § 13 Abs. 2 Satz 1 bis 3 LDG NRW nach der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens un­ter an­ge­mes­se­ner Berück­sich­ti­gung der Persönlich­keit des Be­am­ten und des Um­fangs der durch das Dienst­ver­ge­hen her­bei­geführ­ten Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung.

Ei­ne ob­jek­ti­ve und aus­ge­wo­ge­ne Zu­mes­sungs­ent­schei­dung setzt vor­aus, dass die sich aus § 13 Abs. 2 Satz 1 bis 3 LDG NRW er­ge­ben­den Be­mes­sungs­kri­te­ri­en mit den ih­nen im Ein­zel­fall zu­kom­men­den Ge­wicht er­mit­telt (vgl. § 21 Abs. 1 Satz 2 LDG NRW) und in die Ent­schei­dung ein­ge­stellt wer­den. Die­ses Er­for­der­nis be­ruht letzt­lich auf dem im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gel­ten­den Schuld­prin­zip und dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit. Da­nach muss die ge­gen den Be­am­ten aus­ge­spro­che­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler be­las­ten­den und ent­las­ten­den Umstände des Ein­zel­falls in ei­nem ge­rech­ten Verhält­nis zur Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens und zum Ver­schul­den des Be­am­ten ste­hen.

Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 8. De­zem­ber 2004 - 2 BvR 52/02 -, NJW 2005, 1344, 1346.

Bei der Aus­le­gung des Be­griffs "Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens" ist maßge­bend auf das Ei­gen­ge­wicht der Ver­feh­lung ab­zu­stel­len. Hierfür können be­stim­mend sein ob­jek­ti­ve Hand­lungs­merk­ma­le (ins­be­son­de­re Ei­gen­art und Be­deu­tung der Dienst­pflicht­ver­let­zung, z.B. Kern- oder Ne­ben­pflicht­ver­let­zung, so­wie be­son­de­re Umstände der Tat­be­ge­hung, z.B. Häufig­keit und Dau­er ei­nes wie­der­hol­ten Fehl­ver­hal­tens), sub­jek­ti­ve Hand­lungs­merk­ma­le (ins­be­son­de­re Form und Ge­wicht der Schuld des Be­am­ten, Be­weg­gründe für sein Ver­hal­ten) so­wie un­mit­tel­ba­re Fol­gen des Dienst­ver­ge­hens für den dienst­li­chen Be­reich und für Drit­te (z.B. ma­te­ri­el­ler Scha­den).

Wenn es in § 13 Abs. 2 Satz 2 LDG NRW heißt, das Persönlich­keits­bild des Be­am­ten sei an­ge­mes­sen zu berück­sich­ti­gen, so be­deu­tet dies, dass es für die Be­stim­mung der Dis­zi­pli­nar­maßnah­me auch auf die persönli­chen Verhält­nis­se und

- 65 -

das sons­ti­ge dienst­li­che Ver­hal­ten des Be­am­ten vor, bei und nach dem Dienst­ver­ge­hen an­kommt, ins­be­son­de­re so­weit es mit sei­nem bis­her ge­zeig­ten Persönlich­keits­bild übe­rein­stimmt oder da­von ab­weicht.

In An­wen­dung die­ser Grundsätze pflich­tet der er­ken­nen­de Se­nat dem be­klag­ten Land dar­in bei, dass sich die Kläge­rin mit dem hier vor­lie­gend zu be­ur­tei­len­den Ver­hal­ten ei­nes schwe­ren ein­heit­li­chen in­ner­dienst­li­chen Dienst­ver­ge­hens im Kern­be­reich ih­res Pflich­ten­krei­ses schul­dig ge­macht hat. Der Kläge­rin ob­lag es, auch am 28. Ja­nu­ar, 5. Fe­bru­ar und 10. Fe­bru­ar 2009 ih­rer Un­ter­richts- und Dienst­ver­pflich­tung nach­zu­kom­men und ge­genüber den ihr an­ver­trau­ten Schülern den staat­li­chen Bil­dungs- und Er­zie­hungs­auf­trag (§ 2 SchulG NRW) zu erfüllen. Trotz meh­re­rer Hin­wei­se ih­rer Vor­ge­setz­ten, dass die Teil­nah­me an den Warn­streiks ei­nen Ver­s­toß ge­gen ih­re be­am­ten­recht­li­chen Dienst- und Treue­pflich­ten dar­stellt, ist sie dem Dienst fern­ge­blie­ben. Ne­ben der Qua­lität die­ses Ver­s­toßes ge­gen ih­re Dienst­pflich­ten fällt bei der Be­mes­sung der Dis­zi­pli­nar­maßnah­me auch ins Ge­wicht, dass es sich um ei­ne wie­der­hol­te Ver­feh­lung han­delt. Die Kläge­rin ist im vor­lie­gen­den Fall nicht le­dig­lich ei­ne Schul­stun­de dem Dienst fern­ge­blie­ben. Sie ist viel­mehr an drei kom­plet­ten Schul­ta­gen dem Dienst oh­ne Ge­neh­mi­gung des Dienst­herrn fern­ge­blie­ben. Durch die Streik­teil­nah­me der Kläge­rin wa­ren an den drei Ta­gen ins­ge­samt 12 Un­ter­richts­stun­den be­trof­fen, von de­nen acht St­un­den er­satz­los aus­fie­len. Al­lein an ih­rem ers­ten Streik­tag, dem 28. Ja­nu­ar 2009 fie­len die ers­te und zwei­te Un­ter­richt­stun­de (Sport in der Klas­se 7c) so­wie die fünf­te und sechs­te Un­ter­richts­stun­de (Sport in der Klas­se 5d) er­satz­los aus. Die­ses Ver­hal­ten zeigt ein be­son­ders ho­hes Maß an Pflicht­ver­ges­sen­heit und Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit auf. Die Kläge­rin hat sich nicht dar­um gekümmert, ob die Be­treu­ung der ihr an­ver­trau­ten Schüle­rin­nen und Schüler eben­so wie der durch ihr Ver­hal­ten ver­ur­sach­te Un­ter­richts­aus­fall von an­de­ren Leh­rern, die dem Streik­auf­ruf der GEW nicht ge­folgt wa­ren, über­nom­men wer­den konn­te. Hier­durch ist das Ver­trau­en des Dienst­herrn, aber auch der All­ge­mein­heit - wie der El­tern und Schüler - in ih­re Zu­verlässig­keit und in ihr Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein als be­am­te­te Leh­re­rin in er­heb­li­chem Maße be­ein­träch­tigt wor­den. Die Kläge­rin hat ih­re ei­ge­nen u.a. wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen - ins­be­son­de­re auch den Ar­beits­kampf für ei­ne höhe­re Be­sol­dung - über ih­re Dienst­pflich­ten ge-

- 66 -

stellt und dies auf dem Rücken der Schüle­rin­nen und Schüler aus­ge­tra­gen, die ih­rer­seits ih­rer Schul­pflicht (§§ 34 ff. SchulG NRW) nach­ge­kom­men wa­ren. Da­bei fällt be­son­ders die Hartnäckig­keit der Kläge­rin ins Ge­wicht, die sich auch an­ge­sichts des von ihr ver­ur­sach­ten Un­ter­richts­aus­falls am ers­ten Streik­tag so­wie der im Vor­feld geführ­ten Gespräche mit ih­rer Kon­rek­to­rin so­wie ih­rer Schul­lei­te­rin nicht da­von hat ab­hal­ten las­sen, sich über ih­re Dienst­pflich­ten hin­weg­zu­set­zen und rechts­wid­rig an den Streik­maßnah­men an drei Ta­gen teil­zu­neh­men.

Für die Kläge­rin spricht, dass sie bis­lang we­der straf­recht­lich noch dis­zi­pli­nar­recht­lich vor­be­las­tet ist. Für die Kläge­rin spricht auch, dass sie sich in der Fol­ge­zeit dar­um bemüht hat, Ver­tre­tungs­un­ter­richt zu über­neh­men. Ins­ge­samt hat sie 17 Schul­stun­den Ver­tre­tungs­un­ter­richt ge­leis­tet, die nicht über Mehr­ar­beit vergütet wur­den. Al­ler­dings wur­den von ihr nicht die­je­ni­gen Un­ter­richts­stun­den in den Klas­sen nach­ge­holt, die am 28. Ja­nu­ar 2009, 5. Fe­bru­ar 2009 und 10. Fe­bru­ar 2009 we­gen ih­rer Streik­teil­nah­me aus­ge­fal­len wa­ren bzw. fach­fremd er­teilt wor­den sind. Wei­te­re in den Umständen des Fal­les oder in der Persönlich­keit der Kläge­rin lie­gen­de durch­grei­fen­de Mil­de­rungs­gründe sind we­der er­sicht­lich noch vor­ge­tra­gen.

Un­ter Abwägung al­ler für und ge­gen die Kläge­rin spre­chen­den Ge­sichts­punk­te ist die Verhängung ei­ner Dis­zi­pli­nar­maßnah­me un­ab­weis­bar, um die be­gan­ge­ne Dienst­pflicht­ver­let­zung zu ahn­den und die Kläge­rin künf­tig zur Ein­hal­tung ih­rer Dienst­pflich­ten im In­ter­es­se ei­nes ord­nungs­gemäßen Schul­be­triebs an­zu­hal­ten. Ih­re Be­teue­rung, sich künf­tig rechtmäßig zu ver­hal­ten, reicht nicht. Die verhäng­te Dis­zi­pli­nar­maßnah­me ist auch er­for­der­lich, um an­de­re Leh­rer künf­tig von der rechts­wid­ri­gen Teil­nah­me an Streik­maßnah­men ab­zu­hal­ten. Mit Blick auf die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens ei­ner­seits und un­ter Berück­sich­ti­gung des Bemühens der Kläge­rin, we­nigs­tens ih­ren Dienst „nach­zu­leis­ten“ er­weist sich die verhäng­te Geld­buße i.H.v. 1.500,00 Eu­ro als an­ge­mes­se­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me. Die Geld­buße als ein­ma­li­ge Pflich­te­ner­mah­nung genügt auch nach Auf­fas­sung des Se­nats im vor­lie­gen­den Fall, um die Kläge­rin künf­tig zur Ein­hal­tung ih­rer Dienst­pflich­ten zu be­we­gen. Auch die Höhe der verhäng­ten Geld­buße er­weist sich als an­ge­mes­sen. Nach Maßga­be des 7 Abs. 1 LDG NRW kann ei­ne Geld­buße bis zur Höhe der mo­nat­li­chen Dienst­bezüge auf­er­legt wer­den. Hin­ter die-

- 67 -

sem Höchst­be­trag der Geld­buße ist der Dienst­herr deut­lich zurück­ge­blie­ben. Die Geld­buße um­fasst in et­wa die Hälf­te der mo­nat­li­chen Brut­to-Dienst­bezüge der Kläge­rin. Ein nied­ri­ge­rer Be­trag kam mit Blick auf den be­son­ders hartnäcki­gen Ge­hor­sams­ver­s­toß und die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens, ins­be­son­de­re un­ter Berück­sich­ti­gung der Tat­sa­che, dass die Kläge­rin ih­re Dienst- und Un­ter­richts­pflicht an ins­ge­samt drei Ta­gen ver­wei­gert hat, nicht in Be­tracht. Be­son­de­re - zu berück­sich­ti­gen­de - fi­nan­zi­el­le Be­las­tun­gen sind sei­tens der Kläge­rin nicht gel­tend ge­macht wor­den. Der Be­trag i.H.v. 1.500,00 Eu­ro (je Tag der Streik­teil­nah­me von 500,00 Eu­ro) ist ge­genüber der Kläge­rin als Pflich­ten­mah­nung er­for­der­lich und auch an­ge­mes­sen. Die in der Dis­zi­pli­nar­maßnah­me lie­gen­de Härte für die Be­am­tin ist nicht un­verhält­nismäßig. Sie be­ruht auf dem ihr zu­re­chen­ba­ren vor­an­ge­gan­ge­nen Fehl­ver­hal­ten, wo­bei es für sie vor­her­seh­bar war, was sie da­mit aufs Spiel setz­te.

C. Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ist ent­ge­gen der An­sicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Düssel­dorf nicht nach § 33 LDG NRW ein­zu­stel­len.

I. Ent­ge­gen der An­sicht des Ver­wal­tungs­ge­richts hätte das vor­lie­gen­de Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren nicht nach § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG NRW von dem Dienst­herrn der Kläge­rin ein­ge­stellt wer­den müssen. Nach Maßga­be die­ser Re­ge­lung wird das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­stellt, wenn das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren oder ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me aus sons­ti­gen Gründen un­zulässig ist. Die­se Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen lie­gen im vor­lie­gen­den Fall je­doch nicht vor. Der Auf­fang­tat­be­stand nach § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG NRW be­trifft Ver­fah­rens­feh­ler und kommt zum Tra­gen, wenn ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren nicht wirk­sam ein­ge­lei­tet wur­de, z.B. ei­ne un­zuständi­ge Behörde ge­han­delt hat oder nicht er­kenn­bar ist, auf wel­chen Sach­ver­halt das Dienst­ver­ge­hen gestützt wird, und ei­ne späte­re Hei­lung der Ver­fah­rens­feh­ler nicht er­folgt ist bzw. aus Rechts­gründen nicht ein­tre­ten konn­te. Auch dann, wenn trotz Ver­brauchs der Dis­zi­pli­nar­be­fug­nis ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wird oder wenn die Vor­aus­set­zun­gen des persönli­chen (§ 1 LDG NRW) oder sach­li­chen (§ 2 LDG NRW) Gel­tungs­be­reichs feh­len oder weg­ge­fal­len sind, kommt ei­ne Ein­stel­lung nach § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG in Be­tracht.

- 68 -

Vgl. zum wort­glei­chen § 32 Abs. 1 Nr. 4 BDG: Witt­kow­ski, in: Ur­ban/Witt­kow­ski, BDG, 2011, § 32 Rd­nr. 7; Gan­sen, Dis­zi­pli­nar­recht in Bund und Ländern, Bd. 1, § 32 Rd­nr. 10; Hum­mel, in: Hum­mel/ Köhler/May­er, BDG, § 32 Rd­nr. 9 u. 10.

Ein sol­cher Sach­ver­halt liegt hier nicht vor. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren selbst er­kannt, dass hier die zuständi­ge Behörde ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ge­gen die Kläge­rin nach § 17 LDG NRW ein­zu­lei­ten hat­te, da die Kläge­rin - ei­ne Be­am­tin - ein Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen hat­te, und dass der Dis­zi­pli­nar­maßnah­me auch nicht die Re­ge­lun­gen in den §§ 14, 15 LDG NRW i.V.m. § 17 Abs. 2 LDG NRW ent­ge­gen ge­stan­den ha­ben. Die An­nah­me des Ver­wal­tungs­ge­richts, im vor­lie­gen­den Fall sei ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me „aus sons­ti­gen Gründen“ un­zulässig, nämlich „we­gen Ver­s­toßes ge­gen die EM­RK“, teilt der er­ken­nen­de Se­nat aus meh­re­ren Gründen nicht. Zum ei­nen stellt das ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­te Streik­ver­bot für Be­am­te in der Bun­des­re­plik Deutsch­land - wie be­reits oben dar­ge­legt - kei­nen Ver­s­toß ge­gen Art. 11 EM­RK dar. Zum an­de­ren ver­kennt das Ver­wal­tungs­ge­richt die Rang­ord­nung der EM­RK im deut­schen Rechts­sys­tem als ein­fa­ches Bun­des­ge­setz, das letzt­lich an dem Grund­ge­setz als höher­ran­gi­ger Norm zu mes­sen ist. Selbst wenn man aus der EM­RK und der Recht­spre­chung des EGMR ein ge­ne­rel­les Streik­recht für deut­sche Be­am­te - oder zu­min­dest für die­je­ni­gen, die kei­ne ho­heits­recht­li­che Funk­tio­nen ausüben - ab­lei­ten woll­te, hin­dert dies in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land den je­wei­li­gen Dienst­herrn recht­lich nicht, ge­gen Be­am­te - die ih­rer Dienst- und Ge­hor­sams­pflicht we­gen ei­nes Streiks nicht nach­kom­men - ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten und ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me zu verhängen oder gar zum Zwe­cke der Ent­fer­nung aus dem Be­am­ten­verhält­nis ge­gen den Be­am­ten ei­ne Dis­zi­pli­nar­k­la­ge zu er­he­ben. Der Se­nat hat be­reits oben aus­geführt, dass die Re­ge­lun­gen der EM­RK und die Recht­spre­chung des EGMR möglichst scho­nend in das vor­han­de­ne dog­ma­tisch aus­dif­fe­ren­zier­te na­tio­na­le Rechts­sys­tem an­zu­pas­sen sind, wo­bei sich die Gren­zen der völker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung aus dem Grund­ge­setz selbst er­ge­ben. Das Völker­recht ver­mag die Rechts­wirk­sam­keit der im Grund­ge­setz ver­an­ker­ten und geschütz­ten Kern­struk­tur­prin­zi­pi­en nicht aus­zu­he­beln.

- 69 -

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 4. Mai 2011 - 2 BvR 2333/08 -, a. a. O; Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O.

Das Streik­ver­bot für Be­am­te, und zwar un­abhängig da­von, wel­che Funk­ti­on sie ausüben, ist - wie oben dar­ge­stellt - ein her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums und gehört zu dem Kern­ge­halt des Grund­ge­set­zes, der zu­gleich die Gren­ze - auch die Aus­le­gungs­gren­ze - für völker­recht­li­che Re­ge­lun­gen dar­stellt. Vor die­sem Hin­ter­grund sind auch die Gründe der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung wi­dersprüchlich und in der Sa­che in­kon­se­quent, weil das Ver­wal­tungs­ge­richt ei­ner­seits selbst da­von aus­geht, dass ein Streik­recht der Kläge­rin als Be­am­tin ver­fas­sungs­recht­lich aus­ge­schlos­sen ist, sich dar­an auch mit Blick „auf das eu­ropäische Recht“ nichts ände­re und die Kläge­rin mit ih­rer Streik­teil­nah­me schuld­haft ein Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen ha­be, aber dass die­ses Dienst­ver­ge­hen - an­ge­sichts ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die EM­RK - nicht ge­ahn­det wer­den dürfe und des­halb nach § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG NRW ein­zu­stel­len ge­we­sen sei. Die­ses Ar­gu­men­ta­ti­on be­inhal­tet ei­nen Zir­kel­schluss und würde das Dis­zi­pli­nar­recht - das eben­falls als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­kert ist -,

vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 22. No­vem­ber 2001 - 2 BvR 2138/00 -, NVwZ 2002, 467, und vom 22. Mai 1975 - 2 BvL 13/73 -, BVerfGE 39, 334; BVerwG, Ur­teil vom 23. Fe­bru­ar 1994 - 1 D 65.91 -, a. a. O.,

sinn­los ma­chen, denn es hätte letzt­lich zur Kon­se­quenz, dass sich ein Be­am­ter be­wusst und schuld­haft dienst­pflicht­wid­rig verhält, sein Ver­hal­ten je­doch dienst­recht­lich fol­gen­los blie­be. Dies ist mit dem Sinn und Zweck des Dis­zi­pli­nar­rechts nicht zu ver­ein­ba­ren. Das Dis­zi­pli­nar­recht erfüllt als Mit­tel der Per­so­nalführung des Dienst­herrn in ers­ter Li­nie ei­ne Ord­nungs­funk­ti­on. Mit ihm re­agiert der Dienst­vor­ge­setz­te auf die durch ei­ne Dienst­pflicht­ver­let­zung ver­ur­sach­te Störung des be­am­ten­recht­li­chen Dienst- und Treue­verhält­nis­ses, die ge­eig­net ist, die Funk­ti­ons- und Leis­tungsfähig­keit der öffent­li­chen Ver­wal­tung und das An­se­hen der Be­am­ten­schaft zu be­ein­träch­ti­gen. Das Dis­zi­pli­nar­recht dient da­mit der Wah­rung des Ver­trau­ens des Dienst­herrn und der All­ge­mein­heit in die pflicht­gemäße Auf­ga­ben­erfüllung durch die Be­am­ten und da­mit letzt­lich dem all­ge­mei­nen In­te-

- 70 -

res­se an der Si­che­rung der In­te­grität des Be­rufs­be­am­ten­tums. Die Geld­buße (§ 7 Abs. 1 LDG NRW) - die hier als Dis­zi­pli­nar­maßnah­me von dem be­klag­ten Land ge­genüber der Kläge­rin verhängt wur­de - dient der Pflich­ten­mah­nung, in­dem sie die Be­am­tin selbst (spe­zi­al­präven­tiv), aber auch die übri­ge Be­am­ten­schaft (ge­ne­ral­präven­tiv) zu dienst­pflicht­gemäßem, ach­tungs- und ver­trau­ens­ge­rech­tem Ver­hal­ten auf­for­dert.

Vgl. zum Zweck des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens auch: BVerwG, Ur­tei­le vom 13. Ja­nu­ar 2011 - 2 WD 20.09 -, ju­ris, vom 14. Ok­to­ber 2009 - 2 WD 16.08 -, Buch­holz 449 § 17 SG Nr. 43, und vom 23. Ja­nu­ar 1973 - 1 D 25.72 -, BVerw­GE 46, 64; Müller, Grundzüge des Be­am­ten­dis­zi­pli­nar­rechts, 2010, Rd­nr. 13 ff.

Die­se Funk­ti­on des Dis­zi­pli­nar­rechts wäre nicht mehr mit Sinn erfüllt, wenn die durch die Streik­teil­nah­me er­folg­te Pflicht­ver­let­zung des Be­am­ten - hier der Kläge­rin - dis­zi­pli­nar­recht­lich fol­gen­los blie­be. Ent­ge­gen der An­sicht des Ver­wal­tungs­ge­richts ändert dar­an auch die Re­ge­lung des § 9 Satz 1 BBesG nichts, wo­nach ein Be­am­ter, der oh­ne Ge­neh­mi­gung schuld­haft dem Dienst fern­bleibt, für die Zeit des Fern­blei­bens sei­ne Bezüge ver­liert. Zum ei­nen wäre der An­wen­dungs­be­reich des § 9 Satz 1 BBesG nicht eröff­net, wenn dem Be­am­ten ein Streik­recht zustünde und ihm da­mit für die Streik­teil­nah­me ei­ne Ge­neh­mi­gung zum Fern­blei­ben vom Dienst sei­tens des Dienst­herrn zu er­tei­len wäre. Zum an­de­ren ver­kennt das Ver­wal­tungs­ge­richt, dass die Re­ge­lung des § 9 BBesG kei­ne dis­zi­pli­na­ri­sche Maßnah­me dar­stellt und ins­be­son­de­re nicht be­zweckt, den ge­ord­ne­ten äußeren Dienst­ab­lauf zu si­chern.

Vgl. Schin­kel/Sei­fert, in: Fürst, GKÖD, Be­sol­dungs­recht des Bun­des und der Länder, Bd. III, § 9 BBesG Rd­nr. 2.

Die mit dem Dis­zi­pli­nar­recht ver­folg­te spe­zi­al- und ge­ne­ral­präven­ti­ve Ziel­set­zung zur Si­cher­stel­lung und Funk­ti­ons­er­hal­tung des öffent­li­chen Dienst­be­triebs be­inhal­tet § 9 BBesG nicht. Es han­delt sich hier­bei aus­sch­ließlich um ei­ne be­sol­dungs­recht­li­che Rechts­fol­ge. Es geht um ei­ne Leis­tungsstörung. Der Be­am­te, der un­be­rech­tigt und schuld­haft sei­ne Ar­beits­zeit verkürzt, soll nicht bes­ser ge­stellt wer­den als der Be­am­te, der ent­spre­chend fest­ge­setz­te Teil­zeit­ar­beit leis­tet.

- 71 -

Vgl. BVerwG, Ur­teil vom 25. Sep­tem­ber 2003 - 2 C 49.02 -, NVwZ-RR 2004. 273; Sch­weg­mann/ Sum­mer, Bun­des­be­sol­dungs­ge­setz, Teil II/1, § 9 BBesG Rd­nr. 3c.

Auch die Be­haup­tung des Ver­wal­tungs­ge­richts, es sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die Be­am­ten „das ver­fas­sungs­recht­li­che Streik­ver­bot auch dann be­ach­ten, wenn ein Ver­s­toß kei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me nach sich zieht“, weil die Be­am­ten in be­son­de­rer Wei­se ver­pflich­tet sei­en, Ver­fas­sung und Ge­set­ze zu be­fol­gen“, ist durch Bei­spie­le nicht be­legt und durch zahl­rei­che Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren wi­der­legt. Wenn dies so wäre, dürf­te es über­haupt kei­ne Dienst­ver­ge­hen ge­ben und das Dis­zi­pli­nar­recht wäre überflüssig, da sich nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts al­le Be­am­ten an die Ge­set­ze hal­ten würden. Bei le­bens­na­her Be­trach­tung hätte die Nichts­ank­tio­nie­rung ei­nes Dienst­ver­ge­hens - wie hier die un­ge­neh­mig­te Streik­teil­nah­me durch Be­am­te - zur Fol­ge, dass der Dienst­herr die loya­le Pflich­ten­erfüllung durch sei­ne Be­am­ten nicht mehr si­cher­stel­len könn­te. Es liegt auf der Hand, dass ei­ne Viel­zahl von Be­am­ten - wie hier die Leh­rer­schaft - künf­tig an zahl­rei­chen Streik­auf­ru­fen der Be­rufs­verbände teil­neh­men würden, wenn sie in dem Wis­sen han­deln, dass sie zwar ein Dienst­ver­ge­hen be­ge­hen, aber kei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­men zu befürch­ten ha­ben. Die un­ge­neh­mig­te Teil­nah­me von über 1800 be­am­te­ten Leh­rern an Warn­streiks in Schles­wig-Hol­stein im Jahr 2010,

vgl. „Mehr als 1800 Leh­rer we­gen Streik ab­ge­straft“, in: Spie­gel On­line v. 6. No­vem­ber 2011, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://www.spie­gel.de/schul­spie­gel/0,1518,79619 0,00.html; „We­gen Streik: Dis­zi­pli­nar­ver­wei­se für mehr als 1800 Leh­rer, in Stutt­gar­ter Nach­rich­ten v. 6. No­vem­ber 2011, im In­ter­net all­ge­mein zugäng­lich un­ter: http://www.stutt­gar­ter-nach­rich-ten.de/in­halt.schles­wig-hol­stein-we­gen-streik:-dis­zi­pli­nar­ver­wei­se-fu­er-mehr-als-1800-leh-rer.387e1b22-7a64-43a5-a847-69662a30c1a1.html,

zeigt, dass in die­sem Sek­tor ei­ne ge­wis­se Streik­be­reit­schaft vor­han­den ist und dass dem Dienst­herrn dis­zi­pli­nar­recht­li­che Maßnah­men zur Verfügung ste­hen müssen, um auf sei­ne Be­am­ten ein­wir­ken zu können und um so­mit ei­nen ord-

- 72 -

nungs­gemäßen Schul­be­trieb und die Funk­ti­onsfähig­keit des öffent­li­chen Diens­tes si­cher­zu­stel­len. So­fern man der­ar­ti­ge Dienst­ver­ge­hen - wie vom Ver­wal­tungs­ge­richt an­ge­nom­men - nicht ahn­den könn­te, würde hier­durch die ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­te Treue­pflicht des Be­am­ten aus­ge­he­belt und die Funk­ti­onsfähig­keit des öffent­li­chen Diens­tes in be­son­de­rer Wei­se gefähr­det. Ins­be­son­de­re auch mit Blick auf die Leh­rer wäre zu befürch­ten, dass durch ei­ne Streik­teil­nah­me auch der be­am­te­ten Leh­rer der Schul­be­trieb so­wie der staat­li­che Er­zie­hungs- und Bil­dungs­auf­trag mas­siv be­ein­träch­tigt würde. Der Staat wäre nicht mehr in der La­ge das Recht der Schüle­rin­nen und Schüler auf Bil­dung so­wie auch de­ren Be­treu­ung un­ein­ge­schränkt zu gewähr­leis­ten.

Vgl. in der Sa­che zu­tref­fend: VG Os­nabrück, Ur-teil vom 19. Au­gust 2011 - 9 A 1/11 -, a. a. O.

II. Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren hätte auch nicht nach § 33 Abs. 1 Nr. 2 LDG NRW ein­ge­stellt wer­den müssen. Da­nach wird das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­stellt, wenn ein Dienst­ver­ge­hen zwar er­wie­sen ist, ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me je­doch nicht an­ge­zeigt er­scheint. Die­ser Re­ge­lung trägt dem im Dis­zi­pli­nar­recht ne­ben an­de­ren Grundsätzen auch an­wend­ba­ren Op­por­tu­nitätsprin­zip Rech­nung und ermöglicht ei­ne Abwägung zwi­schen ei­ner ge­ringfügi­gen Ver­feh­lung und ei­nem sonst ein­wand­frei­en Ver­hal­ten des Be­am­ten. Die Re­ge­lung ba­siert un­mit­tel­bar auf § 13 Abs. 1 LDG NRW, wo­nach die Ent­schei­dung über ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me un­ter Be­ach­tung der dort ge­nann­ten Kri­te­ri­en nach pflicht­gemäßem Er­mes­sen er­geht, und ist mit ihr in­so­weit tat­be­stand­lich iden­tisch. Ob ei­ne Dis­zi­pli­nar­maßnah­me „an­ge­zeigt er­scheint“ ist des­halb aus­sch­ließlich nach den Kri­te­ri­en des § 13 Abs. 1 LDG NRW zu be­wer­ten.

Vgl. zum wort­glei­chen § 32 Abs. 1 Nr. 2 BDG: Witt­kow­ski, in: Ur­ban/Witt­kow­ski, a. a. O, BDG § 32 Rd­nr. 5; Hum­merl/Köhler/May­er, a. a. O., BDG, § 32 Rd­nr. 6; Gan­sen, a. a. O., BDG, § 32 Rd­nr. 8.

Im vor­lie­gen­den Fall hat die Kläge­rin - wie oben dar­ge­stellt - durch die Teil­nah­me an Warn­streiks an drei Ta­gen, ob­wohl sie zu­vor durch die Kon­rek­to­rin und die Schul­lei­te­rin zur Wahr­neh­mung ih­rer Dienst­pflich­ten an­ge­hal­ten wor­den ist, ein schwer­wie­gen­des als Ein­heit zu wer­ten­des in­ner­dienst­li­ches Dienst­ver­ge­hen be-

- 73 -

gan­gen, das die Verhängung ei­ner Dis­zi­pli­nar­maßnah­me aus spe­zi­al- und ge­ne­ral­präven­ti­ven Zwe­cken er­for­dert. Mit Blick auf die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens kommt ei­ne Ein­stel­lung nach § 33 Abs. 1 Nr. 2 LDG NRW von vorn­her­ein nicht in Be­tracht.

D. Die Ne­ben­ent­schei­dun­gen be­ru­hen auf den §§ 74 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 4 LDG NRW, §§ 154 Abs. 1, 167 Abs. 1 Vw­GO, §§ 708 Nr. 11, 711 ZPO.

Ein Grund, die Re­vi­si­on zu­zu­las­sen, be­steht nicht, §§ 67, 3 Abs. 1 LDG NRW, § 132 Abs. 2 Vw­GO. Ins­be­son­de­re ist die Re­vi­si­on nicht we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der Rechts­sa­che (§ 132 Abs. 2 Nr. 1 Vw­GO) zu­zu­las­sen. Es ent­spricht ständi­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung,

vgl. BVerfG, Be­schlüsse vom 19. Sep­tem­ber 2007 - 2 BvF 3/02 -, a. a. O., vom 30. März 1977 - 2 BvR 1039/75 u.a. -, a. a. O., und vom 11. Ju­ni 1958 - 1 BvR 1/52 u.a. -,a. a. O.; BVerwG, Ur­tei­le vom 23. Fe­bru­ar 1994 - 1 D 65.91 -, a. a. O., - 1 D 48.92 -, a. a. O., vom 10. Mai 1984 - 2 C 18.82 -, a. a. O., vom 3. De­zem­ber 1980 - 1 D 86.79 -, a. a. O., vom 22. No­vem­ber 1979 - 1 D 84.78 -, a. a. O., und vom 16. No­vem­ber 1978 - 1 D 82.77 -,a. a. O.; Be­schluss vom 19. Sep­tem­ber 1977 - 1 DB 12.77 -, a. a. O.,

dass in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor dem Hin­ter­grund des Art. 33 Abs. 5 GG Be­am­ten ein Streik­recht nicht zu­steht. Ein neu­er­li­cher Klärungs­be­darf er­gibt sich auch nicht mit Blick auf die EM­RK und die Recht­spre­chung des EGMR, da die EM­RK - selbst wenn man aus de­ren Art. 11 ent­ge­gen der oben dar­ge­stell­ten Auf­fas­sung des Se­nats ein Streik­recht ab­lei­ten woll­te - in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung,

Vgl. BVerfG, Ur­teil vom 4. Mai 2011 - 2 BvR 2333/08 u.a. -, a. a. O.; Be­schlüsse vom 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 -, a. a. O., und vom 29. Mai 1990 - 2 BvR 254/88 u.a. -, a. a. O.,

- 74 -

nur den Rang ei­nes ein­fa­chen Bun­des­ge­set­zes hat und da­mit an den Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes - hier Art. 33 Abs. 5 GG - zu mes­sen ist.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on kann durch Be­schwer­de an­ge­foch­ten wer­den.

Die Be­schwer­de ist bei Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Ae­gi­dii­kirch­platz 5, 48143 Müns­ter, in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich ein­zu­le­gen. Die Be­schwer­de muss das an­ge­foch­te­ne Ur­teil be­zeich­nen.


Die Be­schwer­de ist in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils zu be­gründen. Die Be­gründung ist bei dem oben ge­nann­ten Ge­richt schrift­lich ein­zu­rei­chen.


Statt in Schrift­form können die Ein­le­gung und die Be­gründung der Be­schwer­de auch in elek­tro­ni­scher Form nach Maßga­be der Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten und den Fi­nanz­ge­rich­ten im Lan­de Nord­rhein-West­fa­len - ERV­VO VG/FG – vom 1. De­zem­ber 2010 (GV. NRW. S. 648) er­fol­gen.

Im Be­schwer­de­ver­fah­ren müssen sich die Be­tei­lig­ten durch Pro­zess­be­vollmäch­tig­te ver­tre­ten las­sen; dies gilt auch für die Ein­le­gung der Be­schwer­de und für die Be­gründung. Die Be­tei­lig­ten können sich durch ei­nen Rechts­an­walt oder ei­nen Rechts­leh­rer an ei­ner staat­li­chen oder staat­lich an­er­kann­ten Hoch­schu­le ei­nes Mit­glied­staa­tes der Eu­ropäischen Uni­on, ei­nes an­de­ren Ver­trags­staa­tes des Ab­kom­mens über den eu­ropäischen Wirt­schafts­raum oder der Schweiz, der die Befähi­gung zum Rich­ter­amt be­sitzt, als Be­vollmäch­tig­ten ver­tre­ten las­sen. Auf die zusätz­li­chen Ver­tre­tungsmöglich­kei­ten für Behörden und ju­ris­ti­sche Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts ein­sch­ließlich der von ih­nen zur Erfüllung ih­rer öffent­li­chen Auf­ga­ben ge­bil­de­ten Zu­sam­men­schlüsse wird hin­ge­wie­sen (vgl. § 67 Abs. 4 Satz 4 der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung - Vw­GO - und § 5 Nr. 6 des Einführungs­ge­set­zes zum Rechts­dienst­leis­tungs­ge­setz - RD­GEG -).

Vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sind auch die in § 67 Ab­satz 2 Nr. 5 Vw­GO be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ein­sch­ließlich der von ih­nen ge­bil­de­ten ju­ris­ti­schen Per­so­nen gemäß § 67 Ab­satz 2 Satz 2 Nr. 7 Vw­GO als Be­vollmäch­tig­te zu­ge­las­sen, je­doch nur in An­ge­le­gen­hei­ten, die Rechts­verhält­nis­se im Sin­ne des § 52

- 75 -

Nr. 4 Vw­GO be­tref­fen; die hier ge­nann­ten Be­vollmäch­tig­ten müssen durch Per­so­nen mit der Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­deln.


Rich­te­rin am OVG Flo­cken-haus ist dienst­unfähig krank und kann da­her ih­re Un­ter­schrift nicht beifügen.
Dr. Scha­chel 

Hoff­mann 

Dr. Scha­chel

Weitere Auskünfte erteilen Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hensche@hensche.de
Christoph Hildebrandt
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hildebrandt@hensche.de
Nina Wesemann
Rechtsanwältin
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Kontakt:
040 / 69 20 68 04
wesemann@hensche.de

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 3d A 317/11.O