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HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 20.03.2012, 3 Sa 505/11

   
Schlagworte: Schwerbehinderung, Kündigung, Verwirkung, Sonderkündigungsschutz
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Aktenzeichen: 3 Sa 505/11
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.03.2012
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Koblenz, Urteil vom 21.07.2011, 9 Ca 1297/10
   

Ak­ten­zei­chen:
3 Sa 505/11
9 Ca 1297/10
ArbG Ko­blenz
Ent­schei­dung vom 20.03.2012

Te­nor:
Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ko­blenz vom 21.07.2011 - 9 Ca 1297/10 - wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.
Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung.

Die Be­klag­te fer­tigt me­di­zi­ni­sche (Ein­weg-)Pro­duk­te (z.B. Ab­saug­schläuche) für den Ein­satz in Kran­kenhäusern, Sa­nitätshäusern, Apo­the­ken und im Home­ca­re-Be­reich. Hier­zu wer­den Ein­zel­kom­po­nen­ten aus ther­mo­plas­ti­schen Kunst­stof­fen in Spritz­guss- und Ex­tru­si­ons­ver­fah­ren her­ge­stellt. Die so ge­fer­tig­ten Kom­po­nen­ten wer­den zum ei­gent­li­chen End­pro­dukt (Me­di­zin­pro­dukt) kon­fek­tio­niert, ver­packt und ste­ri­li­siert. Die Be­klag­te beschäftigt in der Re­gel 16 bis 18 Ar­beit­neh­mer.

Die am 11. Fe­bru­ar 1953 ge­bo­re­ne, ver­hei­ra­te­te Kläge­rin war bei der Be­klag­ten auf­grund Ar­beits­ver­trags vom 28. Fe­bru­ar/5. März 2001 (Bl. 8, 9 d.A.) seit 6. März 2001 als Ar­bei­te­rin (Pro­duk­ti­ons­hel­fe­rin) beschäftigt; we­gen der Ein­zel­hei­ten der ver­ein­bar­ten Ar­beits­be­din­gun­gen wird auf den Ar­beits­ver­trag vom 28. Fe­bru­ar 2001/5. März 2001 (Bl. 8, 9 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Die Kläge­rin war im Jahr 2001 an 13 Ar­beits­ta­gen, im Jahr 2003 an 20 Ar­beits­ta­gen, im Jahr 2004 an 3 Ar­beits­ta­gen, im Jahr 2005 an 70 Ar­beits­ta­gen und im Jahr 2008 an 34 Ar­beits­ta­gen ar­beits­unfähig er­krankt; we­gen der ein­zel­nen Zeiträume der auf­ge­tre­te­nen Fehl­zei­ten wird auf den Schrift­satz der Be­klag­ten vom 26. Au­gust 2010 (S. 1 und 2 = Bl. 19, 20 d.A.) ver­wie­sen. Seit dem 20. April 2009 ist die Kläge­rin durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krankt.

Die Kläge­rin lei­tet bzw. litt in der Ver­gan­gen­heit an un­ter­schied­li­chen Krank­heits­bil­dern. Im Jahr 2005 wur­de sie am rech­ten Hand­ge­lenk ope­riert. Im Jahr 2008 er­krank­te sie er­neut am rech­ten Hand­ge­lenk und am Knie, wes­we­gen sie im Jahr 2009 je­weils ope­riert wur­de. Während ei­ner zu Be­ginn des Jah­res 2010 durch­geführ­ten Re­ha-Maßnah­me wur­de ei­ne Brust­krebs­er­kran­kung dia­gnos­ti­ziert, we­gen der am 5. April 2010 ei­ne Ope­ra­ti­on er­folg­te. In der Fol­ge­zeit wur­de bis Mit­te Ok­to­ber 2010 ei­ne Che­mo­the­ra­pie durch­geführt; ab No­vem­ber 2010 erhält die Kläge­rin Be­strah­lun­gen.

Mit Ren­ten­be­scheid vom 24. Ju­ni 2010 (Bl. 42 d.A.) wur­de der Kläge­rin auf ih­ren An­trag vom 20. Ja­nu­ar 2010 rück­wir­kend ab 1. Ja­nu­ar 2010 ei­ne be­fris­te­te Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung für die Zeit bis zum 31. De­zem­ber 2011 be­wil­ligt, die in­zwi­schen be­fris­tet bis zum 31. De­zem­ber 2013 verlängert wor­den ist.

Mit Schrei­ben vom 28. Ju­li 2010 (Bl. 7 d.A.), der Kläge­rin am glei­chen Tag zu­ge­gan­gen, kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin zum 31. Ok­to­ber 2010. Hier­ge­gen hat die Kläge­rin die vor­lie­gen­de Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben, die am 5. Au­gust 2010 beim Ar­beits­ge­richt Ko­blenz ein­ge­gan­gen ist.

Nach dem ihr am 18. Au­gust 2010 aus­ge­stell­ten Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis, der ab 7. Ju­ni 2010 gültig ist, ist die Kläge­rin als schwer­be­hin­der­ter Mensch mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 100 an­er­kannt (Bl. 43, 44 d.A.). Vor Aus­spruch der Kündi­gung hat­te die Kläge­rin die Be­klag­te nicht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie ei­nen An­trag auf Fest­stel­lung ih­rer Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft ge­stellt hat­te. Erst­mals mit Schrift­satz vom 15. Ok­to­ber 2010 hat die Kläge­rin der Be­klag­ten mit­ge­teilt, dass sie gemäß dem ihr er­teil­ten Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis schwer­be­hin­dert mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 100 sei.

Die Kläge­rin hat erst­in­stanz­lich vor­ge­tra­gen, aus den in der Ver­gan­gen­heit auf­ge­tre­te­nen krank­heits­be­ding­ten Fehl­zei­ten könne ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se nicht her­ge­lei­tet wer­den. Sämt­li­che Krank­heits­bil­der sei­en in­zwi­schen aus­ge­heilt. Aus­weis­lich des von ihr vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen At­tes­tes vom 21. De­zem­ber 2010 (Bl. 71 d.A.) zei­ge sich ihr rech­tes Knie­ge­lenk kom­plett un­auffällig. Sie sei be­schwer­de­frei und könne das Knie voll be­las­ten. Auch die Ar­thro­se des rech­ten Hand­ge­len­kes sei nicht wei­ter fort­ge­schrit­ten und führe gemäß dem vor­ge­leg­ten At­test vom 3. Fe­bru­ar 2011 (Bl. 79 d.A.) nicht zu ei­ner Ein­schränkung ih­rer Ar­beitsfähig­keit. Es sei falsch, dass sie an ei­nem "grau­en Star" lei­de (ärzt­li­ches At­test vom 9. No­vem­ber 2010, Bl. 80 d.A.). Ih­re seit dem 20. April 2009 be­ste­hen­de krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit las­se sich über­wie­gend auf die Krebs­er­kran­kung zurückführen, die je­doch ei­ner po­si­ti­ven Zu­kunfts­pro­gno­se un­ter­lie­ge. Es sei nach der­zei­ti­gem Sach­stand da­von aus­zu­ge­hen, dass sie bis zum 31. De­zem­ber 2011 wie­der vollständig ar­beitsfähig sei. Auf­grund der Er­kran­kung las­se sich nicht verläss­lich ab­lei­ten, dass sie in Zu­kunft in er­heb­li­chem Maß krank­heits­be­dingt aus­fal­len wer­de. Sie sei sehr wohl in der La­ge, die Tätig­keit an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne im Ste­hen aus­zuführen. Es wer­de be­strit­ten, dass die je­wei­li­gen Alu­mi­ni­um­kis­ten et­wa 10 Ki­lo wie­gen würden. In den Kis­ten befänden sich un­gefähr 100 Ab­saug­schläuche bei ei­nem Durch­mes­ser von 25 mm. Pro­ble­ma­tisch wer­de das He­ben der Kis­te über Brusthöhe, um ei­ne ent­spre­chen­de Pa­let­te zu pa­cken. Die­se Tätig­keit sei un­ter Ar­beits­schutz­be­din­gun­gen zu se­hen. Sie sei voll­umfäng­lich für das Ver­pa­cken von wei­chen Schlauch­pro­duk­ten ein­satzfähig. Auch in der Ver­gan­gen­heit ha­be sie Schlauch­pro­duk­te ge­wi­ckelt und in Tüten ver­packt, wo­bei es sich um ei­ne sit­zen­de Tätig­keit han­de­le. Da die Ma­schi­ne zu 90 % mit Schlauch­pro­duk­ten bestückt wer­de, sei sie in der La­ge, die Tätig­keit aus­zuführen. Wei­ter­hin könne sie an den Hand­ar­beitsplätzen voll­schich­tig ein­ge­setzt wer­den, und zwar un­abhängig da­von, ob Pro­duk­te ge­steckt, mon­tiert oder ge­wi­ckelt wer­den müss­ten. Sie sei in der La­ge, den Schlauch in ei­ner übli­chen und an­ge­mes­se­nen Zeit zu wi­ckeln. Auf­grund der be­ste­hen­den Seh­kraft könne sie auch die Mon­ta­ge vor­neh­men. In Be­zug auf den Be­reich der End­ver­pa­ckung gel­te das glei­che wie für die Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne. Rich­tig sei al­ler­dings, dass sie im La­ger­be­reich - un­strei­tig - nicht ein­satzfähig sei. Ei­ne er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen lie­ge nicht vor. Die Be­klag­te könne ihr ei­nen an­ge­mes­se­nen Ar­beits­platz im Pro­duk­ti­ons­be­reich an­bie­ten, auf dem kei­ne wei­te­ren Ent­gelt­fort­zah­lun­gen zu er­war­ten sei­en. Ar­beits­me­di­zi­ni­sche Über­prüfun­gen für ih­ren Ein­satz als Pro­duk­ti­ons­hel­fe­rin sei­en nie durch­geführt wor­den. Wei­ter­hin sei zu berück­sich­ti­gen, dass ein Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nicht statt­ge­fun­den ha­be. Im Übri­gen sei die Kündi­gung man­gels Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes gemäß § 85 SGB IX un­wirk­sam.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis durch die Kündi­gung vom 28. Ju­li 2010, zu­ge­gan­gen am 28. Ju­li 2010, nicht auf­gelöst wor­den ist,
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, sie zu den bis­he­ri­gen Be­din­gun­gen als Pro­duk­ti­ons­hel­fe­rin über den Ab­lauf der Kündi­gungs­frist hi-naus wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,
die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat er­wi­dert, die Kündi­gung sei so­zi­al ge­recht­fer­tigt, weil die Kläge­rin dau­er­haft ar­beits­unfähig sei und die ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung des­halb nicht mehr er­brin­gen könne. Im Übri­gen sei nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung be­reits dann so­zi­al ge­recht­fer­tigt, wenn bei der Kündi­gung die Wie­der­her­stel­lung der Ar­beitsfähig­keit un­ge­wiss sei und die Krank­heit be­reits über ei­nen länge­ren Zeit­raum an­ge­dau­ert ha­be. Die­se Un­ge­wiss­heit ste­he dann ei­ner fest­ste­hen­den dau­ern­den Ar­beits­unfähig­keit gleich. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sei­en in der Per­son der Kläge­rin erfüllt. Die Kläge­rin sei be­reits seit dem Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses im­mer wie­der auf­grund ih­rer Er­kran­kun­gen krank­ge­schrie­ben wor­den. Nach ih­rer un­un­ter­bro­chen be­ste­hen­den Ar­beits­unfähig­keit seit dem 20. April 2009 sei nicht mehr da­mit zu rech­nen, dass sie ih­re Ar­beitsfähig­keit je­mals wie­der er­lan­gen wer­de. Nach dem von der Kläge­rin vor­ge­tra­ge­nen Krank­heits­ver­lauf, ins­be­son­de­re der Ope­ra­ti­on we­gen Brust­krebs, ste­he fest, dass sie zum Zeit­punkt der Kündi­gung be­reits seit länge­rer Zeit ar­beits­unfähig er­krankt ge­we­sen sei und die Krank­heit vor­aus­sicht­lich für nicht ab­seh­ba­re Zeit an­dau­ern wer­de. Die Kläge­rin lei­de wei­ter an ei­nem grau­en Star und an chro­ni­schen Er­kran­kun­gen der Hand- so­wie Knie­ge­len­ke. Da es sich bei den Krank­hei­ten um sol­che mit pro­gre­dien­ter Ver­laufs­form han­de­le, wer­de die Kläge­rin ei­nen Zu­stand der Ar­beitsfähig­keit nicht wie­der er­rei­chen. Sämt­li­che bei ihr zur Verfügung ste­hen­den Ar­beitsplätze, die der Qua­li­fi­ka­ti­on der Kläge­rin entsprächen, könne die­se auf­grund ih­rer körper­li­chen Ein­schränkun­gen nicht mehr ausführen. In Be­zug auf die Mon­ta­ge von Ab­saug­schläuchen ha­be die Kläge­rin be­reits früher mit­ge­teilt, die­se Tätig­keit nicht ausführen zu wol­len. Im Übri­gen sei die Kläge­rin zu ei­ner sol­chen Tätig­keit nicht in der La­ge, weil es ihr krank­heits­be­dingt an der not­wen­di­gen Fin­ger­fer­tig­keit feh­le. Die Tätig­keit an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne wer­de im Ste­hen aus­geführt. Die Alu­mi­ni­um­kis­ten, die nach der Befüllung ge­ho­ben wer­den müss­ten, sei­en bis zu 14 kg schwer. Die Kis­ten sei­en von ei­ner Höhe von 20 cm auf ei­ne Höhe von 50 cm und da­mit um 30 cm höher zu brin­gen. Selbst­verständ­lich sei auch die­se Tätig­keit un­ter Ar­beits­schutz­be­din­gun­gen zu se­hen, ge­gen die auch nicht ver­s­toßen wer­de, weil pro Schicht ca. 20 Kis­ten um­ge­sta­pelt wer­den müss­ten. Auf­grund ih­res krank­heits­be­ding­ten körper­li­chen Zu­stan­des sei die Kläge­rin dau­er­haft nicht da­zu in der La­ge, die­se Tätig­keit an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne aus­zuführen. Wei­ter­hin sei die Kläge­rin auf­grund ih­rer Er­kran­kun­gen nicht in der La­ge, die Tätig­kei­ten an den Hand­ar­beitsplätzen aus­zuführen. Ins­be­son­de­re könne sie auf­grund ih­rer ein­ge­schränk­ten Seh­kraft und feh­len­den Fin­ger­fer­tig­keit die Mon­ta­ge der klei­nen Tei­le nicht vor­neh­men. In der End­ver­pa­ckung würden die bis ca. 9 kg wie­gen­den Kar­tons bis auf ei­ne Höhe von knapp zwei Me­ter ge­sta­pelt. Auch hier sei die Tätig­keit im Ste­hen un­ter In­an­spruch­nah­me von Mus­kel­kraft er­for­der­lich, wo­zu die Kläge­rin krank­heits­be­dingt nicht in der La­ge sei. Mit­hin sei sie zu der Fest­stel­lung ge­langt, dass al­ter­na­ti­ve Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten für die Kläge­rin nicht zur Verfügung stünden. Die Durchführung ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments wäre des­halb überflüssig ge­we­sen, weil dies auf­grund der ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen der Kläge­rin un­ter kei­nen Umständen zu ei­nem po­si­ti­ven Er­geb­nis hätte führen können. Es sei ihr nicht zu­zu­mu­ten, dass auf­grund der Be­ein­träch­ti­gun­gen, an de­nen die Kläge­rin lei­de, Mon­ta­ge­feh­ler entstünden, die die Qua­lität der Pro­duk­te er­heb­lich be­ein­träch­ti­gen würden. Da­bei sei ins­be­son­de­re zu be­ach­ten, dass die Be­nut­zung ih­rer Pro­duk­te im Ein­zel­fall über den Ge­sund­heits­zu­stand von Pa­ti­en­ten ent­schei­de.
Das Ar­beits­ge­richt hat zunächst Be­weis er­ho­ben durch Ver­neh­mung des Zeu­gen G.. Hin­sicht­lich des Er­geb­nis­ses der Zeu­gen­ver­neh­mung wird auf das Sit­zungs­pro­to­koll vom 3. Fe­bru­ar 2011 ver­wie­sen. So­dann hat das Ar­beits­ge­richt Be­weis er­ho­ben durch Ein­ho­lung ei­nes ar­beits­me­di­zi­ni­schen Sach­verständi­gen­gut­ach­tens. Dies­bezüglich wird auf das Gut­ach­ten des Sach­verständi­gen Dr. R. K. vom 23. Mai 2011 (Bl. 98 bis 121 d.A.) Be­zug ge­nom­men. Mit Ur­teil vom 21. Ju­li 2011 - 9 Ca 1297/10 - hat das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung aus­geführt, dass die Kündi­gung aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen so­zi­al ge­recht­fer­tigt und auch nicht we­gen feh­len­der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes rechts-un­wirk­sam sei. Nach den von der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­ge­stell­ten Grundsätzen ha­be die Kläge­rin ihr Recht ver­wirkt, sich nachträglich auf ih­re Schwer­be­hin­de­rung zu be­ru­fen und die feh­len­de Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zur Kündi­gung gemäß § 85 SGB IX gel­tend zu ma­chen, weil sie die Be­klag­te über den von ihr ge­stell­ten An­trag auf Fest­stel­lung ih­rer Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft nicht in­ner­halb an­ge­mes­se­ner Frist nach Aus­spruch der Kündi­gung in­for­miert ha­be. Die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner so­zi­al ge­recht­fer­tig­ten Kündi­gung aus in der Per­son der Kläge­rin lie­gen­den Gründen sei­en vor­lie­gend ge­ge­ben. Be­zo­gen auf den Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung be­ste­he ei­ne ne­ga­ti­ve Zu­kunfts­pro­gno­se. Nach dem Vor­trag bei­der Par­tei­en kämen als Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten für die Kläge­rin im Hin­blick auf ih­re Qua­li­fi­ka­ti­on le­dig­lich fünf Ar­beitsplätze im Be­trieb der Be­klag­ten in Be­tracht, nämlich die Mon­ta­ge von Ab­saug­schläuchen, der Ein­satz an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne, sog. "Hand­ar­beitsplätze", die End­ver­pa­ckung und das La­ger. Im Be­reich des La­gers sei die Kläge­rin im Hin­blick auf ih­re Be­last­bar­keit un­strei­tig nicht ein­setz­bar. Im Be­reich der Mon­ta­ge von Ab­saug­schläuchen ha­be die Kläge­rin nach der Zeu­gen­ver­neh­mung selbst aus­geführt, dass sie we­gen der dort ver­wand­ten Kle­be­mit­tel und ei­ner be­ste­hen­den All­er­gie auf die­sem Ar­beits­platz nicht ein­ge­setzt wer­den könne. Die Ar­beits­abläufe bei den Ar­beitsplätzen Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne und End­ver­pa­ckung sei­en von ih­ren Be­las­tun­gen her nach den Be­kun­dun­gen des Zeu­gen G. im We­sent­li­chen gleich. Es han­de­le sich je­weils um ei­ne voll­schich­tig im Ste­hen zu er­brin­gen­de Tätig­keit, die es mit sich brin­ge, dass Ver­pa­ckungs­kis­ten mit ei­nem Ge­wicht von bis zu 10 bis 14 Ki­lo an­zu­he­ben und zu sta­peln sei­en. Im Be­reich der sog. Hand­ar­beitsplätze sei­en nach den Be­kun­dun­gen des Zeu­gen G. zu 85 % wie­der­um Bau­tei­le zu kon­fek­tio­nie­ren, bei de­nen das Lösungs­mit­tel ver­wandt wer­de, wel­ches auch am Ar­beits­platz der Kon­fek­tio­nie­rung von Ab­saug­schläuchen ver­wandt wer­de, wo­ge­gen die Kläge­rin nach ei­ge­nem Vor­trag wie­der­um all­er­gisch re­agie­re. Der Sach­verständi­ge sei zu dem Er­geb­nis ge­kom­men, dass ein kon­ti­nu­ier­li­cher Ein­satz der Kläge­rin mit ei­ner wirt­schaft­lich ver­wert­ba­ren Ar­beits­leis­tung an den Ar­beitsplätzen Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne, Hand­ar­beitsplätze und End­ver­pa­ckung nicht möglich sei. Auch pro­spek­tiv sei der Sach­verständi­ge zu der Einschätzung ge­langt, dass die Kläge­rin al­len­falls noch ei­ne Eig­nung für körper­lich leich­te Tätig­kei­ten im Be­reich des all­ge­mei­nen Ar­beits­mark­tes be­sit­ze. Da­bei ha­be der Sach­verständi­ge den Be­griff "körper­lich leich­te Ar­beit" da­hin de­fi­niert, dass die­ser al­len­falls Ge­wich­te bis 6 kg be­inhal­te. Das Gut­ach­ten sei auch un­ter Hin­zu­zie­hung der die Kläge­rin be­han­deln­den Ärz­te nach Vor­ga­be des Be­weis­be­schlus­ses ausführ­lich un­ter Dar­stel­lung der durch­geführ­ten Ana­mne­se und Würdi­gung der bei­ge­zo­ge­nen Un­ter­su­chungs­be­fun­de so­wie Durchführung zusätz­li­cher Un­ter­su­chung und Be­fra­gung der Kläge­rin er­stellt wor­den. In Würdi­gung des Gut­acht­en­er­geb­nis­ses er­ge­be sich, dass der Kläge­rin bei der Be­klag­ten die wei­te­re Er­brin­gung der ar­beits­ver­trags­gemäß ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tun­gen nicht möglich sei. Dass darüber hin­aus kei­ne wei­ter­ge­hen­den Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten bei der Be­klag­ten für die Kläge­rin vor­han­den sei­en, sei nach dem bei­der­sei­ti­gen Vor­brin­gen der Par­tei­en un­strei­tig und im Übri­gen auch an­ge­sichts der Größe des Un­ter­neh­mens der Be­klag­ten, die ins­ge­samt le­dig­lich 16 Ar­beit­neh­mer beschäfti­ge, verständ­lich. In­so­weit sei die Kündi­gung auch nicht im Hin­blick auf die feh­len­de Durchführung ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach § 84 Abs. 2 SGB IX rechts­un­wirk­sam. Die Be­klag­te ha­be sämt­li­che über­haupt im Hin­blick auf die Qua­li­fi­ka­ti­on der Kläge­rin in ih­rem Un­ter­neh­men in Be­tracht kom­men­den Ar­beitsplätze gewürdigt und im Ein­zel­nen vor­ge­tra­gen, wel­che Be­las­tun­gen hier bestünden und aus wel­chen Gründen ein Ein­satz der Kläge­rin nicht in Be­tracht kom­me, weil die­ser die Ar­beits­leis­tung unmöglich sei. Die von der Be­klag­ten dar­ge­stell­ten Be­las­tun­gen sei­en nach den Be­kun­dun­gen des Zeu­gen G. be­legt, des­sen Be­kun­dun­gen glaub­haft sei­en. Da­mit ste­he fest, dass ein Ein­satz der Kläge­rin auf den qua­li­fi­ka­ti­ons­be­dingt in Be­tracht kom­men­den Ar­beitsplätzen bei der Be­klag­ten nicht möglich sei. Dies führe zu ei­ner er­heb­li­chen Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen. Auch im Rah­men der vor­zu­neh­men­den In­ter­es­sen­abwägung über­wie­ge das In­ter­es­se der Be­klag­ten an ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zur Ver­mei­dung wei­te­rer Aus­tauschstörun­gen und im Sin­ne ei­ner ge­ord­ne­ten Per­so­nal­pla­nung.

Ge­gen das ihr am 8. Au­gust 2011 zu­ge­stell­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts hat die Kläge­rin mit Schrift­satz vom 1. Sep­tem­ber 2011, beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz am 5. Sep­tem­ber 2011 ein­ge­gan­gen, Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se in­ner­halb der an­trags­gemäß bis zum 8. No­vem­ber 2011 verlänger­ten Be­ru­fungs­be­gründungs­frist mit Schrift­satz vom 8. No­vem­ber 2011, beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz am glei­chen Tag ein­ge­gan­gen, be­gründet.

Die Kläge­rin trägt vor, sie ha­be ihr Recht, die Nich­tig­keit der Kündi­gung nach § 85 SGB IX gel­tend zu ma­chen, nicht ver­wirkt. Sie ha­be An­fang Au­gust 2010 die An­walts­kanz­lei der Rechts­anwältin­nen H., F. und He. in A. auf­ge­sucht. Das ers­te Gespräch ha­be noch die jun­ge Rechts­anwältin He. geführt, die ih­re Da­ten auf­ge­nom­men und die Kündi­gung so­wie ins­be­son­de­re den An­trag auf Schwer­be­hin­de­rung für sich (Hand­ak­te) ko­piert ha­be. Die Rechts­anwältin He. ha­be dann die von der Rechts­anwältin H. un­ter­schrie­be­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­fer­tigt, wo­bei of­fen­sicht­lich der Um­stand, dass sie vor­ab ei­nen An­trag auf Schwer­be­hin­de­rung ge­stellt ha­be, in der Kla­ge­schrift ver­ges­sen wor­den sei. Sie sei auch nicht darüber be­lehrt wor­den, dass sie den Be­scheid über die An­er­ken­nung als Schwer­be­hin­der­te un­verzüglich ih­rem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vor­zu­le­gen ha­be. Nach dem Aus­schei­den der Rechts­anwältin He. aus der An­walts­so­zietät sei der Schwer­be­hin­der­ten­an­trag von den an­de­ren Anwältin­nen in der Hand­ak­te nicht be­ach­tet wor­den. Für die Ver­wir­kung be­deu­tet dies, dass sie sich zu kei­nem Zeit­punkt il­loy­al ge­genüber ih­rem Ar­beit­ge­ber ver­hal­ten ha­be. Sie ha­be zu kei­nem Zeit­punkt sich den Um­stand zu nut­zen ma­chen wol­len, dass sie schwer­be­hin­dert sei, um die Kündi­gung der Be­klag­ten zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt zu Fall zu brin­gen. Wei­ter­hin sei die Kündi­gung so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt. Die Kündi­gung sei ab­so­lut "ins Blaue hin­ein" er­folgt. Die der Be­klag­ten zum maßgeb­li­chen Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung nicht be­kann­te Krebs­er­kran­kung sei auch nicht mit in die Be­ur­tei­lung der ne­ga­ti­ven Pro­gno­se auf­zu­neh­men. Nach der Fest­stel­lung des Sach­verständi­gen sei mit ei­ner Ände­rung des Ge­sund­heits­zu­stan­des im Ja­nu­ar 2012 zu rech­nen, wo­nach ihr leich­te körper­li­che Ar­bei­ten zu­zu­trau­en sei­en. Ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se sei da­her gar nicht möglich. Ent­ge­gen der vom Ar­beits­ge­richt vor­ge­nom­me­nen Prüfung sei für die ne­ga­ti­ve Ge­sund­heits­pro­gno­se in der Re­gel ein Zeit­raum von 24 Mo­na­ten ein­zu­be­zie­hen, wo­bei der Zeit­raum Ja­nu­ar 2012 noch in­ner­halb die­ser Frist lie­ge. Sie wer­de im Ja­nu­ar 2012 in der La­ge sein, die ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung zu er­brin­gen. Die Che­mo­the­ra­pie sei zu­frie­den­stel­lend ver­lau­fen. Al­le Krank­hei­ten sei­en aus­ge­heilt. Die bis­he­ri­ge Tätig­keit an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne wer­de sie mit Ein­schränkun­gen ausüben können. Zwar wer­de sie nicht in der La­ge sein, Pa­ke­te an­zu­he­ben oder zu sta­peln, die schwe­rer als 10 kg sei­en. Das sei auch nicht not­wen­dig, weil aus­rei­chend an­de­re Mit­ar­bei­ter vor­han­den sei­en. Leich­te­re Ver­pa­ckungs­kis­ten von 6 bis 8 kg könne sie selbst an­he­ben. Ei­ne er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen bei ei­nem Ar­beits­aus­fall bis zum 31. De­zem­ber 2011 lie­ge nicht vor. Der Be­klag­ten sei es zu­zu­mu­ten, den Aus­fall bis zum 31. De­zem­ber 2011 mit ei­ner Er­satz­kraft zu über­win­den, um da­mit be­trieb­li­che Be­ein­träch­ti­gun­gen zu über­brücken. Das Ar­beits­ge­richt ha­be zu­dem die In­ter­es­sen­abwägung ein­sei­tig zu ih­ren Las­ten durch­geführt und ei­ner ge­ord­ne­ten Per­so­nal­pla­nung ein höhe­res Ge­wicht als ih­rer lan­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit und ih­rem Al­ter bei­ge­mes­sen. Auch wenn be­trieb­li­che Umstände für ih­re Er­kran­kung nicht ver­ant­wort­lich sei­en, wäre es der Be­klag­ten je­doch zu­zu­mu­ten, die Mit­tei­lung der be­han­deln­den Ärz­te im De­zem­ber 2011 ab­zu­war­ten, um dann ih­re Ent­schei­dung über die Kündi­gung zu tref­fen. Die Be­klag­te ha­be nicht vor­ge­tra­gen, ob der Min­de­rung ih­rer Leis­tungsfähig­keit ab dem 1. Ja­nu­ar 2012 durch or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men (Ände­rung des Ab­laufs, Um­ge­stal­tung des Ar­beits­plat­zes, Um­ver­tei­lung der Auf­ga­ben) be­geg­net wer­den könne. Ob sie wie­der in den Be­triebs­ab­lauf in­te­griert wer­den könne, las­se sich nicht mehr fest­stel­len, weil das be­trieb­li­che Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nicht durch­geführt wor­den sei. Ver­blei­ben­de Zwei­fel gin­gen zu Las­ten der Be­klag­ten.

Die Kläge­rin be­an­tragt,
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ko­blenz vom 21. Ju­li 2011 - 9 Ca 1297/10 - ab­zuändern und
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis durch die Kündi­gung vom 28. Ju­li 2010 nicht auf­gelöst wor­den ist,
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, sie zu den bis­he­ri­gen Be­din­gun­gen als Pro­duk­ti­ons­hel­fe­rin wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Die Be­klag­te be­an­tragt,
die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie er­wi­dert, das Ar­beits­ge­richt ha­be zu Recht an­ge­nom­men, dass die Kläge­rin ihr Recht, die Nich­tig­keit der Kündi­gung we­gen der feh­len­den Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes gel­tend zu ma­chen, ver­wirkt ha­be. Der dies­bezügli­che Vor­trag der Kläge­rin sei un­er­heb­lich, weil der Kläge­rin das Un­ter­las­sen der von ihr be­auf­trag­ten Rechts­anwältin nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­ge­rech­net wer­de. Die Kündi­gung sei gemäß den zu­tref­fen­den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen so­zi­al ge­recht­fer­tigt. Ins­be­son­de­re sei fest­ge­stellt wor­den, dass die Kläge­rin an ei­ni­gen Ar­beitsplätzen we­gen der dort aus­tre­ten­den Kleb­stoff­ga­se auf­grund ei­ner bei ihr be­ste­hen­den All­er­gie nicht ein­satzfähig sei. Die Kündi­gung sei nicht "ins Blaue hin­ein" er­folgt, son­dern des­halb, weil die Kläge­rin auf den mögli­chen Ar­beitsplätzen nicht mehr ein­ge­setzt wer­den könne. Sie sei der ihr ob­lie­gen­den Dar­le­gungs- und Be­weis­last in vol­lem Um­fan­ge nach­ge­kom­men. Das Sach­verständi­gen­gut­ach­ten ha­be ih­re An­ga­ben bestätigt, wo­nach die Kläge­rin an den von ihr an­ge­bo­te­nen Ar­beitsplätzen nicht mehr ein­satzfähig sei. Nach den Ausführun­gen des Sach­verständi­gen sei die Kläge­rin mögli­cher­wei­se für leich­te Tätig­kei­ten auf dem all­ge­mei­nen Ar­beits­markt zu ge­brau­chen, während ei­ne Tätig­keit in ih­rem Un­ter­neh­men in je­dem Fall auch ab Ja­nu­ar 2012 nicht mehr möglich sei. Auch der Ein­satz an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne er­for­de­re ei­ne vol­le Ar­beits­kraft, die über die vol­le körper­li­che Leis­tungsfähig­keit verfüge. Ein­schränkun­gen sei­en nicht rea­li­sier­bar. Ent­ge­gen der Be­haup­tung der Kläge­rin lie­ge ei­ne Be­ein­träch­ti­gung be­trieb­li­cher In­ter­es­sen sehr wohl vor. Im Hin­blick dar­auf, dass es sich um ei­nen re­la­tiv klei­nen Be­trieb han­de­le, ge­nieße die Pla­nungs­si­cher­heit für das Per­so­nal ei­ne höhe­re Prio­rität als in ei­nem sehr großen Be­trieb. Es sei für sie nicht oh­ne wei­te­res möglich, ständig da­mit rech­nen zu müssen, dass länger er­krank­te Mit­ar­bei­ter wie­der die Ar­beit auf­neh­men, und für die Zwi­schen­zeit Per­so­nal vor­zu­hal­ten. Das Ar­beits­ge­richt sei auf­grund der von ihm vor­ge­nom­me­nen In­ter­es­sen­abwägung zu dem rich­ti­gen Er­geb­nis ge­langt, dass ihr In­ter­es­se an der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses über­wie­ge.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die Schriftsätze der Par­tei­en nebst An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­pro­to­kol­le Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe
Die gemäß § 64 Abs. 1 und 2 Buchst. b und c ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Kläge­rin ist form- so­wie frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den (§§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG i.V.m. 519, 520 ZPO).

Die auch an­sons­ten zulässi­ge Be­ru­fung hat aber in der Sa­che kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die Kündi­gung vom 28. Ju­li 2010 ist wirk­sam und hat das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en zu dem in ihr vor­ge­se­he­nen Ter­min (31. Ok­to­ber 2010) be­en­det. Die Be­klag­te ist da­her auch nicht zur Wei­ter­beschäfti­gung der Kläge­rin ver­pflich­tet.

I. Die Kläge­rin kann sich nicht dar­auf be­ru­fen, dass die Kündi­gung man­gels Zu­stim­mung
des In­te­gra­ti­ons­am­tes nach §§ 85 SGB IX i.V.m. 134 BGB nich­tig sei.

Da­bei kann zu­guns­ten der Kläge­rin da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass ihr im Kündi­gungs­zeit­punkt der Son­derkündi­gungs­schutz nach §§ 85, 90 Abs. 2 a SGB IX zu­stand (zu den Vor­aus­set­zun­gen für das Ein­grei­fen des Son­derkündi­gungs­schut­zes vgl. BAG 09. Ju­ni 2011 - 2 AZR 703/09 - Rn. 18, NZA-RR 2011, 516).

Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend an­ge­nom­men, dass die Kläge­rin je­den­falls ih­ren be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz ver­wirkt hat, weil sie sich ge­genüber der Be­klag­ten nicht in­ner­halb ei­ner an­ge­mes­se­nen Frist von drei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung vom 28. Ju­li 2010 auf ei­ne be­reits fest­ge­stell­te oder zur Fest­stel­lung be­an­trag­te Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft be­ru­fen hat.

1. Ist der Ar­beit­neh­mer im Kündi­gungs­zeit­punkt be­reits als schwer­be­hin­der­ter Mensch an­er­kannt, steht ihm der Kündi­gungs­schutz gemäß §§ 85 ff. SGB IX nach dem Wort­laut des Ge­set­zes auch dann zu, wenn der Ar­beit­ge­ber von der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft oder dem An­er­ken­nungs­an­trag nichts wuss­te. Das er­gibt sich schon dar­aus, dass § 85 i.V.m. § 2 SGB IX mit der "Schwer­be­hin­de­rung" oh­ne­hin auf ei­nen ob­jek­ti­ven Grad der Be­hin­de­rung und nicht auf des­sen behörd­li­che Fest­stel­lung ab­stellt. Gleich­wohl trifft den Ar­beit­neh­mer bei Un­kennt­nis des Ar­beit­ge­bers von der Schwer­be­hin­de­rung bzw. der An­trag­stel­lung die Ob­lie­gen­heit, in­ner­halb ei­ner an­ge­mes­se­nen Frist, die in der Re­gel drei Wo­chen beträgt, auf den be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz hin­zu­wei­sen. Dies trägt dem Ver­wir­kungs­ge­dan­ken (§ 242 BGB) Rech­nung und ist aus Gründen des Ver­trau­ens­schut­zes ge­recht­fer­tigt. Der Ar­beit­ge­ber, der kei­ne Kennt­nis von dem be­ste­hen­den oder mögli­chen Schutz­tat­be­stand hat, hat kei­nen An­lass, ei­ne behörd­li­che Zu­stim­mung zur Kündi­gung ein­zu­ho­len. Je nach dem Stand des Ver­fah­rens beim Ver­sor­gungs­amt ist ihm dies so­gar unmöglich. Das Er­for­der­nis, sich zeit­nah auf den be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz zu be­ru­fen, ist ge­eig­net, ei­ner Über­for­de­rung des Ar­beit­ge­bers vor­zu­beu­gen. Die­ser müss­te an­de­ren­falls vor Kündi­gun­gen stets vor­sorg­lich ei­nen An­trag auf Zu­stim­mung beim In­te­gra­ti­ons­amt stel­len, da­mit nicht der be­son­de­re Schutz­tat­be­stand ggf. erst nach länge­rer Pro­zess­dau­er of­fen­bar wird. Das Er­for­der­nis trägt zu­gleich dem Ge­bot der Rechts­si­cher­heit Rech­nung (st. Rspr., vgl. zu­letzt BAG 09. Ju­ni 2011 - 2 AZR 703/09 - Rn. 21 und 22, NZA-RR 2011, 516). Da­nach muss sich der Ar­beit­neh­mer, wenn er sich den Son­derkündi­gungs­schutz nach § 85 SGB IX er­hal­ten will, nach Zu­gang der Kündi­gung in­ner­halb ei­ner an­ge­mes­se­nen Frist, die drei Wo­chen beträgt, ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber auf sei­ne be­reits fest­ge­stell­te oder zur Fest­stel­lung be­an­trag­te Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft be­ru­fen. Un­terlässt der Ar­beit­neh­mer die ent­spre­chen­de Mit­tei­lung, so hat er den be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz ver­wirkt. Die Drei-Wo­chen-Frist ist ei­ne Re­gel­frist, die den Ver­wir­kungs­tat­be­stand kon­kre­ti­siert. Aus­rei­chend ist, wenn der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist des § 4 S. 1 KSchG die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung nach § 85 SGB IX ge­richt­lich gel­tend macht, auch wenn die Zu­stel­lung der recht­zei­tig ein­ge­reich­ten Kla­ge­schrift erst da­nach er­folgt (BAG 23. Fe­bru­ar 2010 - 2 AZR 659/08 - Rn. 16 und 21, NZA 2011, 411).

2. Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen hat die Kläge­rin den be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz als schwer­be­hin­der­ter Mensch je­den­falls ver­wirkt.

Die Kläge­rin hat die Be­klag­te un­strei­tig nicht in­ner­halb von drei Wo­chen nach dem am 28. Ju­li 2010 er­folg­ten Zu­gang der Kündi­gung auf ei­ne be­reits fest­ge­stell­te oder zur Fest­stel­lung be­an­trag­te Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft hin­ge­wie­sen. Ein sol­cher Hin­weis fin­det sich ins­be­son­de­re auch nicht in der Kla­ge­schrift vom 5. Au­gust 2010, die der Be­klag­ten am 11. Au­gust 2010 zu­ge­stellt wor­den ist. Ent­ge­gen den Ausführun­gen der Kläge­rin in der Be­ru­fungs­be­gründung ist un­er­heb­lich, dass der Um­stand, dass sie vor­ab ei­nen An­trag auf Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft ge­stellt ha­be, in der Kla­ge­schrift of­fen­sicht­lich ver­ges­sen wor­den sein soll. Ein der­ar­ti­ges Ver­schul­den ih­rer da­ma­li­gen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten ist der Kläge­rin nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­zu­rech­nen (vgl. LAG Schles­wig-Hol­stein 06. Ju­li 2010 - 1 Sa 403 e/09 - Rn. 32, [ju­ris]; vgl. auch BAG 11. No­vem­ber 2008 - 2 AZR 472/08 - NZA 2009, 692). Da­nach kann sich die Kläge­rin man­gels recht­zei­ti­ger Gel­tend­ma­chung ei­ner fest­ge­stell­ten bzw. zur Fest­stel­lung be­an­trag­ten Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft nicht mehr dar­auf be­ru­fen, dass die Kündi­gung nach §§ 85 SGB IX, 134 BGB nich­tig sei.

II. Die Kündi­gung ist aus Gründen in der Per­son der Kläge­rin gemäß § 1 Abs. 2 KSchG
so­zi­al ge­recht­fer­tigt.

1. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (vgl. BAG 12. Ju­li 2007 - 2 AZR 716/06 - Rn. 26 ff., NZA 2008, 173; 19. April 2007 - 2 AZR 239/06 - Rn. 18, NZA 2007, 1041; 12. April 2002 - 2 AZR 148/01 - Rn. 41, NZA 2002, 1081) ist ei­ne auf ei­ner lang an­hal­ten­den Er­kran­kung be­ru­hen­de or­dent­li­che Kündi­gung in drei Stu­fen zu prüfen:

Da­nach ist zunächst - ers­te Stu­fe - ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se hin­sicht­lich des vor­aus­sicht­li­chen Ge­sund­heits­zu­stan­des des er­krank­ten Ar­beit­neh­mers er­for­der­lich. Es müssen - ab­ge­stellt auf den Kündi­gungs­zeit­punkt und die bis­her aus­geübte Tätig­keit - ob­jek­ti­ve Tat­sa­chen vor­lie­gen, die die Be­sorg­nis ei­ner wei­te­ren, länge­ren Er­kran­kung recht­fer­ti­gen. Steht fest, dass der Ar­beit­neh­mer die ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung über­haupt nicht mehr er­brin­gen kann oder ist die Wie­der­her­stel­lung sei­ner Ar­beits­kraft völlig un­ge­wiss, ist ei­ne sol­che ne­ga­ti­ve Pro­gno­se ge­recht­fer­tigt. Da­bei steht die Un­ge­wiss­heit der Wie­der­her­stel­lung der Ar­beitsfähig­keit ei­ner krank­heits­be­ding­ten dau­ern­den Leis­tungs­unfähig­keit dann gleich, wenn in den nächs­ten 24 Mo­na­ten mit ei­ner an­de­ren Pro­gno­se nicht ge­rech­net wer­den kann. In die­sem Fall kann in der Re­gel oh­ne wei­te­res von ei­ner er­heb­li­chen Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen - zwei­te Stu­fe - aus­ge­gan­gen wer­den. Der Ar­beit­ge­ber ist dann auf un­ab­seh­ba­re Zeit ge­hin­dert, sein Di­rek­ti­ons­recht ausüben zu können und die Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers ab­zu­ru­fen. Ei­ne ord­nungs­gemäße Pla­nung des Ein­sat­zes des Ar­beit­neh­mers kann nicht mehr er­fol­gen. Es be­ste­hen des­halb kei­ne schutzwürdi­gen In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers mehr an der Auf­recht­er­hal­tung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses. Dies gilt auch im Hin­blick auf die not­wen­di­ge In­ter­es­sen­abwägung (drit­te Stu­fe). Sie ist zwar auch bei ei­ner Kündi­gung we­gen dau­ern­der oder auf nicht ab­seh­ba­re Zeit be­ste­hen­der Ar­beits­unfähig­keit er­for­der­lich, kann aber nur bei Vor­lie­gen ei­ner be­son­de­ren Schutz­bedürf­tig­keit des Ar­beit­neh­mers zu dem Er­geb­nis führen, dass der Ar­beit­ge­ber trotz der er­heb­li­chen Störung des Ar­beits­verhält­nis­ses des­sen Fort­set­zung bil­li­ger­wei­se wei­ter hin­neh­men muss (BAG 18. Ja­nu­ar 2007 - 2 AZR 759/05 - Rn. 23, [ju­ris]).

2. Nach die­sen Grundsätzen ist im Streit­fall ein per­so­nen­be­ding­ter Kündi­gungs­grund
ge­ge­ben.

a) Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend ei­ne ne­ga­ti­ve Ge­sund­heits­pro­gno­se be­zo­gen auf den Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung fest­ge­stellt.

Un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten In­halts der Ver­hand­lun­gen und des Er­geb­nis­ses der erst­in­stanz­lich durch­geführ­ten Be­weis­auf­nah­me steht zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer (§ 286 ZPO) fest, dass im maßgeb­li­chen Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung die Pro­gno­se be­gründet war, dass die be­reits seit dem 20. April 2009 durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krank­te Kläge­rin auch in Zu­kunft je­den­falls auf nicht ab­seh­ba­re Zeit ar­beits­unfähig er­krankt sein wird, d.h. zu­min­dest in den nächs­ten 24 Mo­na­ten nach Aus­spruch der Kündi­gung mit ei­ner an­de­ren Pro­gno­se nicht ge­rech­net wer­den kann.

Im Zeit­punkt der Kündi­gung vom 28. Ju­li 2010 war die Kläge­rin be­reits seit mehr als 15 Mo­na­ten durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krankt. Die Kläge­rin hat in ih­rer Be­ru­fungs­be­gründung selbst vor­ge­tra­gen, dass sie ih­re bis­he­ri­ge Tätig­keit an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne nicht mehr un­ein­ge­schränkt wird ausüben können, weil sie ins­be­son­de­re nicht mehr in der La­ge sein wer­de, Pa­ke­te, die schwe­rer als 10 Ki­lo sei­en, an­zu­he­ben oder zu sta­peln. Der Zeu­ge G. hat bei sei­ner Ver­neh­mung vor dem Ar­beits­ge­richt glaub­haft bestätigt, dass die am Ar­beits­platz "Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne" zu he­ben­den Alu­mi­ni­um­kis­ten ca. 10 bis 14 kg schwer sei­en und es sich um ei­ne ste­hen­de Tätig­keit han­de­le. Bei ei­ner voll­schich­ti­gen Tätig­keit von acht St­un­den sei­en ar­beitstäglich ca. 25 Kis­ten zu he­ben. Nach den Be­kun­dun­gen des Zeu­gen G. sind die Ar­beits­abläufe bei den Ar­beitsplätzen "Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne" und "End­ver­pa­ckung" im we­sent­li­chen gleich. Da­von ist auch die Kläge­rin in ih­rem Schrift­satz vom 10. Ja­nu­ar 2011 aus­ge­gan­gen. In Be­zug auf die sog. "Hand­ar­beitsplätze" hat der Zeu­ge G. be­kun­det, dass an die­sem Ar­beits­platz ca. 85 % al­ler Bau­tei­le mit dem Lösungs­mit­tel kon­fek­tio­niert würden, wel­ches auch an dem Ar­beits­platz der Kon­fek­tio­nie­rung von Ab­saug­schläuchen ver­wandt wer­de. Die Kläge­rin hat im Ter­min vom 3. Fe­bru­ar 2011 vor dem Ar­beits­ge­richt nach den Be­kun­dun­gen des Zeu­gen G. zum Ar­beits­platz "Mon­ta­ge von Ab­saug­schläuchen" selbst erklärt, dass sie nach dem von ihr vor­ge­leg­ten All­er­gie­pass we­gen der ver­wand­ten Kle­be­mit­tel auf die­sem Ar­beits­platz nicht ein­ge­setzt wer­den könne. Im Hin­blick dar­auf hat das Ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, dass im Be­reich der sog. Hand­ar­beitsplätze zu 85 % Bau­tei­le zu kon­fek­tio­nie­ren sei­en, bei de­nen das Lösungs­mit­tel ver­wandt wer­de, wel­ches auch am Ar­beits­platz der Kon­fek­tio­nie­rung von Ab­saug­schläuchen ein­ge­setzt wer­de, wo­ge­gen die Kläge­rin nach ei­ge­nem Vor­trag wie­der­um all­er­gisch re­agie­re. Die­se Fest­stel­lung des Ar­beits­ge­richts hat die Kläge­rin in ih­rer Be­ru­fungs­be­gründung nicht an­ge­grif­fen.

Nach dem vom Ar­beits­ge­richt ein­ge­hol­ten Sach­verständi­gen­gut­ach­ten sind die zur Verfügung ste­hen­den Ar­beitsplätze "Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne, Hand­ar­beitsplätze, End­ver­pa­ckung" für die Kläge­rin aus ar­beits­me­di­zi­ni­scher Sicht nur noch be­dingt ge­eig­net. Für Ja­nu­ar 2012 sei der Kläge­rin pro­spek­tiv al­len­falls die Eig­nung für körper­lich leich­te Tätig­kei­ten des all­ge­mei­nen Ar­beits­mark­tes zu­zu­trau­en. Hierfür müss­ten al­ler­dings die wei­te­ren ge­nann­ten Rah­men­be­din­gun­gen erfüllt sein. Körper­lich leich­te Ar­beit be­deu­te: Ge­wich­te bis 6 kg, ma­xi­mal 60 Mi­nu­ten pro Schicht he­ben oder 30 Mi­nu­ten pro Schicht tra­gen. So­mit wäre ein kon­ti­nu­ier­li­cher Ein­satz mit ei­ner wirt­schaft­lich ver­wert­ba­ren Ar­beits­leis­tung an den ge­nann­ten Ar­beitsplätzen bei der Be­klag­ten nicht möglich. In An­be­tracht der dar­ge­stell­ten Pro­gno­se des Grund­lei­dens könne man der Kläge­rin nur na­he­le­gen, die Wei­ter­gewährung der Ren­te zu be­an­tra­gen.

Die Be­ru­fungs­kam­mer schließt sich der Würdi­gung des Ar­beits­ge­richts an, wo­nach der Kläge­rin auf­grund ih­rer Er­kran­kung die wei­te­re Er­brin­gung der ver­trag­lich ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung nicht möglich ist bzw. je­den­falls in ab­seh­ba­rer Zeit nicht mit ei­ner an­de­ren Pro­gno­se ge­rech­net wer­den kann. Die dia­gnos­ti­zier­te Brust­krebs­er­kran­kung und die des­we­gen im April 2010 er­folg­te Ope­ra­ti­on mit ih­ren ge­sund­heit­li­chen Fol­gen sind be­zo­gen auf den Zeit­punkt des Kündi­gungs­zu­gangs am 28. Ju­li 2010 als ob­jek­tiv vor­lie­gen­de Umstände zu berück­sich­ti­gen, auch wenn die­se der Be­klag­ten bei Aus­spruch der Kündi­gung nicht be­kannt wa­ren. Nach den Ausführun­gen des Sach­verständi­gen und den vom Zeu­gen G. glaub­haft dar­ge­stell­ten Be­las­tun­gen an den in Be­tracht kom­men­den Ar­beitsplätzen ist ein kon­ti­nu­ier­li­cher Ein­satz der Kläge­rin mit ei­ner wirt­schaft­lich ver­wert­ba­ren Ar­beits­leis­tung im Be­trieb der Be­klag­ten nicht möglich.

b) Die dar­auf be­ru­hen­de er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen lässt sich nicht durch an­de­re lei­dens­ge­rech­te Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten ver­mei­den. Im Streit­fall ist gemäß der An­nah­me des Ar­beits­ge­richts da­von aus­zu­ge­hen, dass auch ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nicht zu ei­ner Beschäfti­gungsmöglich­keit für die Kläge­rin geführt hätte.

aa) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG 12. Ju­li 2007 - 2 AZR 716/06 - NZA 2008, 173; 23. April 2008 - 2 AZR 1012/06 - NZA-RR 2008, 515) ist die Durchführung ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach § 84 Abs. 2 SGB IX kei­ne for­mel­le Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung für den Aus­spruch ei­ner krank­heits­be­ding­ten Kündi­gung. Viel­mehr stellt die Re­ge­lung des § 84 Abs. 2 SGB IX ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung des dem ge­sam­ten Kündi­gungs­schutz­recht in­ne­woh­nen­den Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes dar. Da­bei ist das be­trieb­li­che Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment an sich zwar kein mil­de­res Mit­tel. Hier­durch können aber sol­che mil­de­ren Mit­tel, z.B. die Um­ge­stal­tung des Ar­beits­plat­zes oder ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung zu geänder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen auf ei­nem an­de­ren - ggf. durch Um­set­zun­gen "frei­zu­ma­chen­den" - Ar­beits­platz er­kannt und ent­wi­ckelt wer­den. Hat der Ar­beit­ge­ber kein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment durch­geführt, darf er sich durch sei­ne dem Ge­setz wi­der­spre­chen­de Untätig­keit kei­ne dar­le­gungs- und be­weis­recht­li­chen Vor­tei­le ver­schaf­fen. In die­sem Fall darf er sich nicht dar­auf be­schränken, pau­schal vor­zu­tra­gen, er ken­ne kei­ne al­ter­na­ti­ven Ein­satzmöglich­kei­ten für den er­krank­ten Ar­beit­neh­mer bzw. es ge­be kei­ne "frei­en Ar­beitsplätze", die der er­krank­te Ar­beit­neh­mer auf­grund sei­ner Er­kran­kung noch ausfüllen könne. Es be­darf viel­mehr ei­nes um­fas­sen­de­ren kon­kre­ten Sach­vor­trags des Ar­beit­ge­bers zu ei­nem nicht mehr mögli­chen Ein­satz des Ar­beit­neh­mers auf dem bis­her in­ne­ge­hab­ten Ar­beits­platz ei­ner­seits und war­um an­de­rer­seits ei­ne lei­dens­ge­rech­te An­pas­sung und Verände­rung aus­ge­schlos­sen ist oder der Ar­beit­neh­mer nicht auf ei­nem (al­ter­na­ti­ven) an­de­ren Ar­beits­platz bei geänder­ter Tätig­keit ein­ge­setzt wer­den könne. Al­ler­dings kann ei­ne Kündi­gung nicht al­lein des­halb we­gen Ver­s­toßes ge­gen das Verhält­nismäßig­keits­prin­zip als so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt qua­li­fi­ziert wer­den, weil das be­trieb­li­che Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nicht durch­geführt wur­de. Es müssen viel­mehr auch bei gehöri­ger Durchführung des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments über­haupt Möglich­kei­ten ei­ner al­ter­na­ti­ven (Wei­ter-)Beschäfti­gung be­stan­den ha­ben, die ei­ne Kündi­gung ver­mie­den hätten. Im Um­kehr­schluss folgt dar­aus wei­ter, dass ein un­ter­las­se­nes be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment ei­ner Kündi­gung dann nicht ent­ge­gen­steht, wenn sie auch durch das be­trieb­li­che Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nicht hätte ver­mie­den wer­den können (BAG 23. April 2008 - 2 AZR 1012/06 - Rn. 26 und 27, NRA-RR 2008, 515).

bb) Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht an­ge­nom­men, dass der sub­stan­ti­ier­te Vor­trag der Be­klag­ten den vor­ste­hen­den An­for­de­run­gen genügt.

Die Be­klag­te hat in Be­zug auf al­le Ar­beitsplätze, die im Hin­blick auf die Qua­li­fi­ka­ti­on der Kläge­rin über­haupt in Be­tracht kom­men, im Ein­zel­nen dar­ge­legt, wel­che Be­las­tun­gen je­weils be­ste­hen und aus wel­chen Gründen die Kläge­rin an dem be­tref­fen­den Ar­beits­platz nicht ein­ge­setzt wer­den kann. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend an­ge­nom­men, dass die von der Be­klag­ten dar­ge­stell­ten Be­las­tun­gen nach den Be­kun­dun­gen des Zeu­gen G. be­legt sind. Hier­ge­gen hat auch die Kläge­rin in ih­rer Be­ru­fungs­be­gründung kei­ne Einwände mehr er­ho­ben. Gemäß den obi­gen Ausführun­gen steht zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer fest, dass zum Zeit­punkt des Kündi­gungs­zu­gangs die ne­ga­ti­ve Pro­gno­se be­gründet war, dass die Kläge­rin je­den­falls auf un­ab­seh­ba­re Zeit ih­re ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung als Pro­duk­ti­ons­hel­fe­rin aus ge­sund­heit­li­chen Gründen an den in Be­tracht kom­men­den Ar­beitsplätzen im Be­trieb der Be­klag­ten nicht mehr er­brin­gen kann. Die Be­klag­te hat vor­ge­tra­gen, dass auch die Durchführung ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments überflüssig ge­we­sen wäre, weil dies auf­grund der ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen der Kläge­rin un­ter kei­nen Umständen zu ei­nem po­si­ti­ven Er­geb­nis geführt hätte. Die Kläge­rin hat in ih­rer Be­ru­fungs­be­gründung gerügt, dass die Be­klag­te nicht vor­ge­tra­gen ha­be, ob der Min­de­rung ih­rer Leis­tungsfähig­keit ab dem 1. Ja­nu­ar 2012 durch or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men (Ände­rung des Ab­laufs, Um­ge­stal­tung des Ar­beits­plat­zes, Um­ver­tei­lung der Auf­ga­ben) be­geg­net wer­den könne. In Be­zug auf ih­re bis­he­ri­ge Tätig­keit an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne hat sie dar­auf ver­wie­sen, dass sie zwar nicht zur An­he­bung oder Sta­pe­lung von Pa­ke­ten mit ei­nem Ge­wicht von mehr als 10 kg in der La­ge sein wer­de, dies aber auch nicht not­wen­dig sei, da aus­rei­chend an­de­re Mit­ar­bei­ter vor­han­den sei­en. Die Be­klag­te hat dar­auf ver­wie­sen, dass ein der­ar­ti­ger Ein­satz der Kläge­rin mit Ein­schränkun­gen an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne nicht rea­li­sier­bar sei. Der Zeu­ge G. hat bei sei­ner Ver­neh­mung be­kun­det, dass zwar der Ar­beits­ab­lauf au­to­ma­ti­siert wer­den könn­te, dann aber aus sei­ner Sicht der Ar­beits­platz ganz ent­fie­le. An der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne wird im Be­trieb der Be­klag­ten, die ins­ge­samt le­dig­lich 16 bis 18 Ar­beit­neh­mer beschäftigt, je­weils nur ei­ne Per­son ein­ge­setzt. Falls al­le an der Ver­pa­ckungs­ma­schi­ne an­fal­len­den Tätig­kei­ten, die mit den vom Zeu­gen G. dar­ge­stell­ten körper­li­chen Be­las­tun­gen ver­bun­den sind, je­weils von ei­nem an­de­ren Mit­ar­bei­ter über­nom­men wer­den müss­ten, der dann an sei­nem Ar­beits­platz aus­fal­len würde, führt dies je­den­falls zu kei­ner wirt­schaft­lich noch ver­wert­ba­ren Ar­beits­leis­tung der Kläge­rin, die der Be­klag­ten zu­ge­mu­tet wer­den kann. So­weit der Ar­beits­ab­lauf da­hin­ge­hend verändert wer­den kann, dass die Alu­mi­ni­um­kis­ten z.B. nur noch je­weils zur Hälf­te befüllt wer­den, hätte dies ei­ne ent­spre­chen­de Erhöhung der An­zahl der He­be­vorgänge von ca. 25 Kis­ten auf ca. 50 Kis­ten pro Ar­beits­tag zur Fol­ge, was eben­falls zu kei­ner körper­lich leich­te­ren Ar­beit führen würde, die von der Kläge­rin nach Maßga­be des Sach­verständi­gen­gut­ach­tens noch aus­geführt wer­den kann. Im Übri­gen ist we­der vor­ge­tra­gen noch sonst­wie er­sicht­lich, auf wel­che Wei­se ei­ne lei­dens­ge­rech­te Wei­ter­beschäfti­gung der Kläge­rin ermöglicht wer­den könn­te. Mit­hin ist im Streit­fall da­von aus­zu­ge­hen, dass sich auch bei Durchführung ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments kei­ne lei­dens­ge­rech­te Beschäfti­gungsmöglich­keit für die Kläge­rin er­ge­ben hätte.

c) Auch die In­ter­es­sen­abwägung führt nicht zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung.

Die Be­ru­fungs­kam­mer schließt sich der vom Ar­beits­ge­richt vor­ge­nom­me­nen In­ter­es­sen­abwägung an, auf die Be­zug ge­nom­men wird. Bei ei­ner Kündi­gung we­gen dau­ern­der bzw. auf nicht ab­seh­ba­rer Zeit be­ste­hen­der Ar­beits­unfähig­keit ist in al­ler Re­gel da­von aus­zu­ge­hen, dass der Ar­beit­ge­ber ei­ne wei­te­re er­heb­li­che Störung des Ar­beits­verhält­nis­ses auf nicht ab­seh­ba­re Zeit bil­li­ger­wei­se nicht mehr hin­zu­neh­men braucht (BAG 19. April 2007 - 2 AZR 239/06 - Rn. 36, NZA 2007, 1041; 18. Ja­nu­ar 2007 - 2 AZR 759/05 - Rn. 33, [ju­ris]). Selbst wenn man zu­guns­ten der Kläge­rin ne­ben ih­rer Be­triebs­zu­gehörig­keit seit 6. März 2001, ih­rem Le­bens­al­ter (geb. 11. Fe­bru­ar 1953) und ih­rer Un­ter­halts­ver­pflich­tung (ver­hei­ra­tet) auch ih­re Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft berück­sich­tigt, ist es der Be­klag­ten gleich­wohl auf­grund der auf nicht ab­seh­ba­re Zeit be­ste­hen­den Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin nicht zu­mut­bar, das Ar­beits­verhält­nis dau­er­haft fort­zu­set­zen. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend berück­sich­tigt, dass die Be­klag­te be­reits im Jahr 2005 und ab 2008 nicht un­er­heb­li­che Fehl­zei­ten der Kläge­rin hin­ge­nom­men hat, die Er­kran­kun­gen auch nicht auf be­trieb­li­chen Ur­sa­chen be­ru­hen und es sich bei der Be­klag­ten um ei­nen klei­ne­ren Pro­duk­ti­ons­be­trieb im me­di­zi­ni­schen Be­reich mit le­dig­lich 16 bis 18 Ar­beit­neh­mern han­delt. Das be­trieb­li­che In­ter­es­se der Be­klag­ten an ei­ner ord­nungs­gemäßen Per­so­nal­pla­nung wird durch die völli­ge Un­ge­wiss­heit, ob es in ab­seh­ba­rer Zeit über­haupt zu ei­ner Wie­der­her­stel­lung der Ar­beitsfähig­keit der bei Aus­spruch der Kündi­gung be­reits seit 15 Mo­na­ten durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krank­ten Kläge­rin kom­men kann, ganz er­heb­lich be­ein­träch­tigt. In An­be­tracht die­ser Umstände ist das Ar­beits­ge­richt zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, dass die In­ter­es­sen­abwägung zu­guns­ten der Be­klag­ten ausfällt.

Mit­hin hat das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist zum 31. Ok­to­ber 2010 sein En­de ge­fun­den. Die Be­klag­te ist da­her auch nicht zu der von der Kläge­rin be­gehr­ten Wei­ter­beschäfti­gung ver­pflich­tet.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.
Ei­ne Zu­las­sung der Re­vi­si­on war nicht ver­an­lasst, weil hierfür die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen (§ 72 Abs. 2 ArbGG) nicht vor­lie­gen.

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