Um das Angebot dieser Webseite optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet diese Webseite Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Okay

HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 02.12.2010, 22 Sa 59/10

   
Schlagworte: Urlaub: Krankheit, Krankheit: Urlaub, Urlaubsabgeltung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Aktenzeichen: 22 Sa 59/10
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 02.12.2010
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Freiburg, Urteil vom 22.06.2010, 7 Ca 63/10
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg -

Kam­mern Frei­burg

 

Verkündet

am 02.12.2010

Ak­ten­zei­chen:

22 Sa 59/10

7 Ca 63/10 (ArbG Frei­burg
- Kn. Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen) (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!)

Göde
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

 

In dem Rechts­streit

- Be­klag­te/Be­ru­fungskläge­rin -

Proz.-Bev.: Rechts­anwälte

ge­gen

- Kläge­rin/Be­ru­fungs­be­klag­te -

Proz.-Bev.:

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg
- Kam­mern Frei­burg - 22. Kam­mer -
durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt Dr. Schmie­gel,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Bau­er
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Hil­mes
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 25.10.2010

für Recht er­kannt:

1. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frei­burg - Kam­mern Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen - vom 22.06.2010, Az. 7 Ca 63/10 ab­geändert.

Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

Die Kläge­rin wird ver­ur­teilt, an die Be­klag­te 5.740,80 € zu be­zah­len.

2. Die Kläge­rin hat die Kos­ten des Ver­fah­rens zu tra­gen.

3. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

- 2 -

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um die Ab­gel­tung von Ur­laubs­ansprüchen.

Die Kläge­rin war vom 15.03.1997 bis 31.07.2009 als Fach­verkäufe­r­in bei der Be­klag­ten be-schäftigt. Sie er­hielt zu­letzt ei­nen St­un­den­lohn von 9,20 € brut­to. Die Wo­chen­ar­beits­zeit be­trug 39 St­un­den, wo­bei zwi­schen den Par­tei­en strei­tig ist, ob die Kläge­rin je­weils an sechs Ta­gen 6,5 St­un­den ar­bei­te­te oder an fünf Ta­gen 7,8 St­un­den.

Nach dem Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en vom 20.03.1997 (AS 1/26 f) gal­ten im Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en die je­weils gülti­gen Be­stim­mun­gen des Man­tel­ta­rif­ver­trags für das Bäck­er­hand­werk in Ba­den-Würt­tem­berg. Es wur­de aus­drück­lich ge­re­gelt, dass bei ta­rif­ver­trags­lo­sem Zu­stand bis zum Ab­schluss ei­nes neu­en Ta­rif­ver­trags die Be­stim­mun­gen des al­ten Ta­rif­ver­trags als ver­ein­bart gel­ten.

In dem hier maßgeb­li­chen Man­tel­ta­rif­ver­trag in der Fas­sung vom 12.12.1991 (im Fol­gen­den MTV) heißt es:

„§ 11 Ur­laub

1. Je­der Ar­beit­neh­mer hat in je­dem Ka­len­der­jahr (= Ur­laubs­jahr) An­spruch auf be­zahl­ten Er­ho­lungs­ur­laub, so­weit ihm nicht für das lau­fen­de Ka­len­der­jahr von ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber Ur­laub gewährt wur­de.

3. Im Lau­fe des Ka­len­der­jah­res ein­tre­ten­de oder aus­schei­den­de Ar­beit­neh­mer ha­ben An­spruch auf an­tei­li­gen Ur­laub, so­weit sie an­spruchs­be­rech­tigt sind (vgl. Zif­fer 4.). Der An­spruch beträgt für je­den vol­len Mo­nat des Ar­beits­verhält­nis­ses ein Zwölf­tel des Jah­res­ur­laubs. Bruch­tei­le von Ur­laubs­ta­gen, die min­des­tens ei­nen hal­ben Tag er­ge­ben, sind auf vol­le Ta­ge auf­zu­run­den. Schei­det ein Ar­beit­neh­mer nach erfüll­ter War­te­zeit in der zwei­ten Jah­reshälf­te aus, so hat er An­spruch auf den ge­setz­li­chen Jah­res­ur­laub (Bun­des­ur­laubs­ge­setz 18 Werk­ta­ge).

6. Der Ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den. Die Über­tra­gung des Ur­laubs auf das nächs­te Ka­len­der­jahr ist statt­haft, wenn drin­gen­de be­trieb­li­che oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründe dies recht­fer­ti­gen. Im Fal­le der Über­tra­gung ist der Ur­laub in den ers­ten drei Mo­na­ten des fol­gen­den Jah­res gel­tend zu ma­chen und zu gewähren. Der Ur­laubs­an­spruch er­lischt am 31. März, so­fern er nicht vor­her er­folg­los gel­tend ge­macht wor­den ist....

12. Das Ur­laubs­ent­gelt be­misst sich nach dem durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst, den der Ar­beit­neh­mer in den letz­ten ab­ge­rech­ne­ten drei Mo­na­ten - bei wöchent­li­cher Lohn­zah­lung in den letz­ten drei­zehn Wo­chen - vor Be­ginn des Ur­laubs er­hal­ten hat. ...

14. Kann der Ur­laub we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht ge­nom­men wer­den, so ist er ab­zu­gel­ten....

18. ... Ab 1.1.2006 er­hal­ten al­le Ar­beit­neh­mer 36 Werk­ta­ge Ur­laub.

21. Für die Ar­beit­neh­mer, die re­gelmäßig an we­ni­ger als sechs Werk­ta­gen in der Wo­che beschäftigt wer­den, ist der Ur­laubs­an­spruch in sol­chen nach Ar­beits­ta­gen um­zu­rech­nen.

- 3 -

Die Be­rech­nungs­for­mel lau­tet: Ur­laubs­an­spruch in Werk­ta­gen x Zahl der Ar­beits­ta­ge je Wo­che / 6....

§ 21 Aus­schluss­fris­ten.

Al­le ge­gen­sei­ti­gen Ansprüche sind in­ner­halb ei­ner Frist von 6 Wo­chen nach Ent­ste­hen schrift­lich gel­tend zu ma­chen. Nach Ab­lauf die­ser Frist ist die Gel­tend­ma­chung die­ser Ansprüche aus­ge­schlos­sen."

Die Kläge­rin er­hielt ab 10.10.2007 Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung. Gemäß dem Be­scheid der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung vom 11.03.2008 (An­la­ge K1, AS 1/20) war die Ren­te be­fris­tet und soll­te mit dem 28.02.2009 en­den. Nach ei­nem wei­te­ren Be­scheid der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung vom 16.10.2008 wur­de die mit Be­scheid vom 03.03.2008 gewähr­te Ver­si­cher­ten­ren­te als Dau­er­ren­te wei­ter­gewährt (An­la­ge K2, AS 1/21). Die Kläge­rin war während des Be­zugs der Ren­te und über die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses hin­aus ar­beits­unfähig krank.

Die Kläge­rin er­hielt für die Jah­re 2007 bis 2009 kei­nen Ur­laub. Am 19.02.2009 for­der­te der Kläger­ver­tre­ter die Be­klag­ten­sei­te auf, die der Kläge­rin noch zu­ste­hen­de Ur­laubs­ab­gel­tung für die Ka­len­der­jah­re 2007 und 2008 ab­zu­rech­nen und aus­zu­zah­len (AS 11/43).

Mit der vor­lie­gen­den Kla­ge hat die Kläge­rin die Ab­gel­tung von je 30 Ar­beits­ta­gen für die Jah­re 2007 bis 2009 (be­zo­gen auf ei­ne Fünf-Ta­ge-Wo­che) gel­tend ge­macht. Sie hat ge­meint, dass nach der für die Par­tei­en gel­ten­den Ur­laubs­re­ge­lung nicht zwi­schen dem ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs­an­spruch und dem zusätz­li­chen Ur­laubs­an­spruch nach Ta­rif­ver­tragNer­trag zu un­ter-schei­den sei.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt:

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin € 7.066,97 brut­to nebst Zin­sen i. H. v. fünf Pro-zent­punk­ten über den Ba­sis­zins­satz der EZB hier­aus seit der Rechtshängig­keit der Kla­ge zu be­zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat vor­ge­tra­gen, in den Zei­ten ih­rer Er­werbs­unfähig­keit ha­be die Kläge­rin kei­nen Ur­laubs­an­spruch er­wor­ben; das Ar­beits­verhält­nis ha­be we­gen des Be­zugs von Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung ge­ruht. Die Recht­spre­chung des EuGH zur Ur­laubs­ab­gel­tung nach Ar­beits­unfähig­keit sei auf die Fälle des Be­zugs von un­be­fris­te­ter Er­werbs­unfähig­keits­ren­te nicht über­trag­bar. Ur­laubs­ansprüche könn­ten nicht über meh­re­re Jah­re an­ge­sam­melt wer­den. Die Kläge­rin könne al­len­falls die Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Ur­laubs ver­lan­gen.

- 4 -

Die Kla­ge wur­de der Be­klag­ten am 12.02.2010 zu­ge­stellt. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frei­burg - Kam­mern Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen - vom 22.06.2010 Be­zug ge­nom­men.

Durch die­ses Ur­teil hat das Ar­beits­ge­richt der Kla­ge in Höhe von 5.740,80 € nebst Zin­sen statt­ge­ge­ben. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, die Kläge­rin könne die Ab­gel­tung von 80 Ur­laubs-ta­gen ä 71,76 € brut­to ver­lan­gen. Auch während des Zeit­raums der vol­len Er­werbs­min­de­rung sei­en Ur­laubs­ansprüche ent­stan­den. Die Er­werbs­unfähig­keit auf Zeit führe nicht per se zum Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses. Da der Ur­laubs­an­spruch nicht im Ge­gen­sei­tig­keits­verhält­nis zur Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung ste­he, hätte selbst ein Ru­hen kei­nen Ein­fluss auf die Ent­ste­hung des An­spruchs. Gemäß § 11 Nr. 3 MN stünden der Kläge­rin für das Jahr 2009 nur 20 Ur­laubs­ta­ge (be­zo­gen auf ei­ne Fünf-Ta­ge-Wo­che) zu. Der Ur­laubs­an­spruch sei nicht ver­fal­len, da die Kläge­rin nicht in der La­ge ge­we­sen sei, den Ur­laub zu neh­men. Man­gels Dif­fe­ren­zie­rung gel­te dies nicht nur für den ge­setz­li­chen Ur­laub, son­dern auch für den darüber hin­aus ge­hen­den Ur­laubs­an­spruch.

Das Ur­teil wur­de der Be­klag­ten am 01.07.2010 zu­ge­stellt. Am 15.07.2010 for­der­te der Kläger­ver­tre­ter die Be­klag­ten­sei­te zur Zah­lung auf. Dar­auf­hin zahl­te die Be­klag­te den ti­tu­lier­ten Be­trag an die Kläge­rin, oh­ne dass die­se zu­vor die Zwangs­voll­stre­ckung be­trie­ben hat­te.

Die Be­klag­te leg­te am 15.07.2010 Be­ru­fung ein, die sie am 23.08.2010 be­gründe­te.

Sie hat in der Be­ru­fung vor­ge­tra­gen, die Ent­schei­dung des EuGH vom 20.01.2009 sei auf den Fall, dass das Ar­beits­verhält­nis we­gen des Be­zugs von Er­werbs­unfähig­keits­ren­te ge­ruht hat, nicht an­wend­bar. An­ders als bei ei­ner länger an­dau­ern­den Er­kran­kung könne das Ar­beits­verhält­nis nicht je­der­zeit wie­der auf­ge­nom­men wer­den, son­dern würden die Rech­te und Pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis von vorn­her­ein vollständig aus­ge­setzt. Ein et­wai­ger Ab­gel­tungs­an­spruch set­ze vor­aus, dass der Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich in der La­ge wäre, sei­nen Ur­laub tatsächlich in An­spruch zu neh­men. Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG recht­fer­ti­ge kei­ne An­samm­lung von Ur­laubs­ansprüchen über meh­re­re Jah­re hin­weg. Die Be­klag­te be­ruft sich - in zwei­ter In­stanz erst­mals - auf die Aus­schluss­frist nach § 21 MN so­wie auf Verjährung. Sie meint, die Ver­fall­frist und die Verjährungs­frist begönnen mit dem Ab­lauf des Über­tra­gungs­zeit­raums. Die Be­klag­te be­haup­tet, sie ha­be die Zah­lung auf die ti­tu­lier­te For­de­rung zur Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung ge­leis­tet.

- 5 -

Die Be­klag­te be­an­tragt nun­mehr:

1. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frei­burg 7 Ca 63/2010 vom 22.06.2010 wird auf­ge­ho­ben und die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

2. Die Kläge­rin wird ver­ur­teilt, an die Be­klag­te den aus dem Ur­teil 7 Ca 63/2010 voll­streck­ten Be­trag in Höhe von 5.740,80 € zurück­zu­be­zah­len.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin meint, hin­sicht­lich des Ur­laubs­an­spruchs be­ste­he kein Un­ter­schied zwi­schen ei­ner Dau­er­er­kran­kung und ei­ner durch ei­ne Dau­er­er­kran­kung be­ding­te, mit be­fris­te­ter Wir­kung fest­ge­stell­te Er­werbs­unfähig­keit. Die Ent­schei­dung des EuGH vom 20.01.2009 sei auf den vor­lie­gen­den Sach­ver­halt über­trag­bar. Der Ren­ten­be­zug berühre we­der den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses noch die Ver­pflich­tung zur Gewährung von Ur­laub. Auch wenn ein Ar­beit­neh­mer in ei­nem Ka­len­der­jahr über­haupt nicht ar­bei­tet, ste­he ihm ein Ur­laubs­an­spruch zu. Es kom­me nicht dar­auf an, ob die Kläge­rin zum Zeit­punkt ih­res Aus­schei­dens ar­beitsfähig war. Der An­wend­bar­keit der ta­rif­ver­trag­li­chen Ver­fall­klau­sel stünde Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 als zwin­gen­des Ar­beit­neh­mer­schutz­recht ent­ge­gen. Die Be­ru­fung auf die Ver­fall­klau­sel und die Verjährung sei ver­spätet. Da die Be­klag­te die Zah­lung aus frei­en Stücken ge­leis­tet ha­be, könne sie kei­ne Rück­zah­lung ver­lan­gen.

We­gen der Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stands wird auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie auf die Pro­to­kol­le über die münd­li­chen Ver­hand­lun­gen ver­wie­sen (§ 313 Abs. 2 S. 2 ZPO).

Ent­schei­dungs­gründe

I.

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist statt­haft, da der Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des 600,00 € über­steigt, § 64 Abs. 2 lit. b ArbGG. Die Be­ru­fung ist auch zulässig. Sie wur­de frist- und form-ge­recht ein­ge­legt und be­gründet, §§ 66 Abs. 1 S. 1, 64 Abs. 6 S. 1 ArbGG in Ver­bin­dung mit §§ 519, 520 ZPO. Ins­be­son­de­re setzt sich die Be­ru­fung hin­rei­chend mit den Gründen aus­ein­an­der, auf­grund de­rer das Ar­beits­ge­richt der Kla­ge teil­wei­se statt­ge­ge­ben hat.

- 6 -

II.

Die Kla­ge ist zulässig und in vol­lem Um­fang be­gründet. Die Be­klag­te ist nicht zur Ab­gel­tung von Ur­laubs­ansprüchen ver­pflich­tet.

Zwar ent­stan­den auch während des Be­zugs der Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung Ur-laubs­ansprüche der Kläge­rin (1.). Sie ver­fie­len während des Be­stands des Ar­beits­verhält­nis­ses we­der zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums (2.) noch auf­grund Verjährung oder Aus­schluss­frist (3.). Trotz fort­be­ste­hen­der Ar­beits­unfähig­keit konn­te die Kläge­rin bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses die Ab­gel­tung die­ser Ur­laubs­ansprüche ver­lan­gen (4.). Je­doch ver­fie­len die Ab­gel­tungs­ansprüche nach § 21 MTV (5.). So­weit die Be­klag­te be­reits Ur­laubs­ab­gel­tung für das Jahr 2009 an die Kläge­rin ge­zahlt hat, muss die Kläge­rin dies zurück­zah­len (6.).

1. Gemäß § 11 Abs. 1 MW, § 1 BUrIG hat­te die Kläge­rin für je­des Ka­len­der­jahr An­spruch auf be­zahl­ten Ur­laub.

a) Der Ur­laubs­an­spruch für das Jahr 2007 ent­stand am 01.01.2007 in vol­ler Höhe. Die Ar-beits­unfähig­keit der Kläge­rin und der Be­zug von Ren­te we­gen Er­werbs­min­de­rung berühr­ten folg­lich das Ent­ste­hen des An­spruchs oh­ne­hin nicht.

b) Aber auch der Ur­laubs­an­spruch für die Jah­re 2008 und 2009 ent­stand un­ge­ach­tet des Ren­ten­be­zugs. Das Ent­ste­hen des Ur­laubs­an­spruchs setzt le­dig­lich das Be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus, nicht aber, dass der Ar­beit­neh­mer im lau­fen­den Ka­len­der­jahr ar­bei­tet oder ar­beitsfähig ist (BAG 24.03.2010 - 9 AZR 983/07 un­ter B I). Der Be­zug der Ren­te we­gen Er­werbs­min­de­rung ändert dar­an nichts. Der Ren­ten­be­zug ist ein so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Sach­ver­halt (§ 43 SGB VI), der kei­ne Aus­wir­kun­gen auf den Be­stand oder den In­halt des Ar­beits­verhält­nis­ses der Par­tei­en hat.

Ins­be­son­de­re führ­te we­der die an­dau­ern­de Ar­beits­unfähig­keit noch der Ren­ten­be­zug zum Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses. Das Ru­hen ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ist nicht Fol­ge der Ar­beits­unfähig­keit bzw. Er­werbs­min­de­rung, son­dern setzt ei­ne ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en über die Su­s­pen­die­rung der wech­sel­sei­ti­gen Haupt­pflich­ten un­ter Auf­recht­er­hal­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus (BAG 11.10.1995 - 10 AZR 985/94 un­ter II 3 a; Per­so­nal­buch 2010IReinecke, Stich­wort „Er­werbs­min­de­rung", Rn. 2). Ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung ha­ben die Par­tei­en we­der aus­drück­lich noch kon­klu­dent ge­trof­fen. Die Kläge­rin war durch­ge­hend ar­beits­unfähig krank und schon al­lein des­halb nicht zur Ar­beits­leis­tung ver­pflich­tet. Es gibt kei­nen Sach­ver­halt, der als kon­klu­den­te Ver­ein­ba­rung aus­ge­legt wer­den könn­te. Über den Ren­ten­be­zug hin­aus gibt es kei­ne Umstände, aus de­nen sich er­ge­ben könn­te, dass das recht­lich an sich fort­be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis tatsächlich

- 7 -

nur for­ma­ler Na­tur sein und nach dem Wil­len und den Vor­stel­lun­gen bei­der Par­tei­en kei­ne ir­gend­wie ge­ar­te­ten recht­li­chen Bin­dun­gen im Hin­blick auf ei­ne Wie­der­auf­nah­me der Ar­beit be­gründen soll (zu die­ser Vor­aus­set­zung BAG 11.10.1995 - 10 AZR 985/94 un­ter II 3 c). § 33 Abs. 2 S. 6 TVöD oder ei­ne ver­gleich­ba­re Vor­schrift, die das Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses an­ord­net, gilt im Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht.

Da das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht ruh­te, kann da­hin­ste­hen, wie sich ein Ru­hen auf die Ur­laubs­ansprüche aus­wirkt (da­zu LAG Ba­den-Würt­tem­berg 29.04.2010 - 11 Sa 64/09 un­ter 1 b ei­ner­seits, LAG Köln 29.04.2010 - 6 Sa 103/10 an­de­rer­seits).

2. Dass der Ur­laubs­an­spruch gemäß § 11 Abs. 6 S. 2 MW, § 7 Abs. 3 S. 2 BUrIG aus Gründen, die in der Per­son der Kläge­rin lie­gen, über­tra­gen wer­den konn­te, steht zwi­schen den Par­tei­en außer Streit. Der Ur­laubs­an­spruch ist ent­ge­gen § 11 Abs. 6 S. 4 MW auch nicht zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums (= 31.03. des Fol­ge­jahrs) er­lo­schen:

Ent­spre­chend dem Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 24.03.2009 (9 AZR 983/07 un­ter B III 3 a gg) ist § 7 Abs. 3 BUrIG richt­li­ni­en­kon­form da­hin aus­zu­le­gen, dass die zeit­li­chen Be­schränkun­gen des Ur­laubs­an­spruchs im Fall der krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des Be­zugs- und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums nicht be­ste­hen. Mit die­ser Aus­le­gung lässt sich § 7 Abs. 3 BUrIG mit Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88/EG ver­ein­ba­ren. Die­se Richt­li­nie steht nämlich ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen, nach de­nen der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub bei Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums auch dann er­lischt, wenn der Ar­beit­neh­mer während des ge­sam­ten Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von krank­ge­schrie­ben war und sei­ne Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses fort­be­stand, wes­halb er sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ausüben konn­te (EuGH 20.01.2009 - C-350/06, C-520/06). Es ent­spricht Wort­laut, Sys­te­ma­tik und Zweck der in­ner­staat­li­chen Re­ge­lun­gen, wenn die Zie­le des Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88/EG und der re­gelmäßig an­zu­neh­men­de Wil­le des na­tio­na­len Ge­setz­ge­bers zur ord­nungs­gemäßen Um­set­zung von Richt­li­ni­en berück­sich­tigt wer­den (näher zur richt­li­ni­en­kon­for­men Rechts­fort­bil­dung durch te­leo­lo­gi­sche Re­duk­ti­on BAG 24.03.2009 ¬9 AZR 983/07). Die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung gilt in glei­cher Wei­se für § 11 Abs. 6 MTV.

Aus­ge­hend von die­ser Rechts­la­ge sind die Ur­laubs­ansprüche der Kläge­rin nicht er­lo­schen. Die Kläge­rin war spätes­tens ab Herbst 2007 durchgängig ar­beits­unfähig krank und des­halb nicht in der La­ge, ih­re Ur­laubs­ansprüche zu rea­li­sie­ren. Dies ist die Si­tua­ti­on, in der die Ur­laubs­ansprüche nicht mit dem En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums erlöschen. Der Be­zug der

- 8 -

Ren­te we­gen Er­werbs­min­de­rung hat auch hier gar kei­ne Aus­wir­kung auf die Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis.

3. Während des Be­stands des Ar­beits­verhält­nis­ses sind die Ansprüche we­der ver­fal­len noch verjährt.

Es kann da­hin­ste­hen, ob an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (20.01.2009 - 9 AZR 650/07 un­ter A II 1 b dd; 21.06.2005 - 9 AZR 200/04 un­ter II 4 d aa) fest­zu­hal­ten ist, wo­nach Verjährungs- und Aus­schluss­fris­ten auf Ur­laubs­ansprüche im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis ge­ne­rell kei­ne An­wen­dung fin­den. In der kon­kre­ten Si­tua­ti­on der Par­tei­en grei­fen während des Laufs des Ar­beits­verhält­nis­ses we­der Verjährungs- noch Aus­schluss­fris­ten:

a) Nach § 21 MTV sind al­le ge­gen­sei­ti­gen Ansprüche bin­nen 6 Wo­chen nach ih­rem Ent­ste­hen schrift­lich gel­tend zu ma­chen; nach Ab­lauf die­ser Frist ist die Gel­tend­ma­chung die­ser Ansprüche aus­ge­schlos­sen. Die­se Aus­schluss­frist fin­det im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis auf Ur­laubs­ansprüche kei­ne An­wen­dung. Sie be­ginnt we­der mit dem Be­ginn noch mit dem En­de des Ur­laubs­jahrs bzw. dem Ab­lauf des Über­tra­gungs­zeit­raums:

- Der Ur­laubs­an­spruch ent­steht nach erfüll­ter War­te­zeit je­weils mit Be­ginn des Ur­laubs­jah­res (BAG 11.07.2006 - 9 AZR 535/05 un­ter 1 2 b bb). Al­ler­dings sind die Ar­beit­neh­mer nicht ge­hal­ten, den Ur­laubs­an­spruch in den ers­ten sechs Wo­chen des Ka­len­der­jah­res gel­tend zu ma­chen, son­dern ist der Ur­laub im ge­sam­ten Ka­len­der­jahr zu gewähren (§ 7 Abs. 3 S. 1 BUrIG, § 11 Abs. 6 S. 1 MTV).

- Das En­de des Ur­laubs­jahrs berührt den Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin für die Jah­re 2007 und 2008 nicht, da der Ur­laubs­an­spruch aus Gründen, die in der Per­son der Kläge­rin lie­gen, auf das ge­sam­te ers­te Quar­tal des Fol­ge­jah­res über­tra­gen wird (§ 7 Abs. 3 S. 2 und 3 BUrIG, § 11 Abs. 6 S. 2 und 3 MTV).

- Sch­ließlich ob­lag es der Kläge­rin nicht, den Ur­laubs­an­spruch bin­nen sechs Wo­chen nach Ab­lauf des Über­tra­gungs­zeit­raums gel­tend zu ma­chen. In die­sem Zeit­raum konn­te der Ur­laubs­an­spruch we­gen der Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin nämlich gar nicht erfüllt wer­den. Auf­grund der fort­dau­ern­den Ar­beits­unfähig­keit ent­fal­tet das En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums gar kei­ne Wir­kung auf den Ur­laubs­an­spruch, an die die Aus­schluss­frist an­knüpfen könn­te. Die Gel­tend­ma­chung ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs schied zum da­ma­li­gen Zeit­punkt eben­falls aus, da der Ur­laubs­an­spruch nur bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, nicht aber im lau­fen­den Ar­beits­verhält­nis ab­zu­gel­ten ist (§ 7 Abs. 4 BUrIG, § 11 Abs. 14 S. 1 MTV).

- 9 -

Die Fra­ge, ob die Ver­fall­frist im Zeit­punkt der Wie­der­ge­ne­sung zu lau­fen be­ginnt (so Gaul/Jos­ten/Strauf, BB 2009, 497, [499]; Pi­cker, ZTR 2009, 230, 239; Bau­er, NJW 2009, 631, 635; Schlach­ter, RdA Bei­la­ge 2009, 36) kann hier of­fen blei­ben, da die Kläge­rin bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ar­beits­unfähig krank blieb.

b) Aus den glei­chen Gründen kommt auch ei­ne Verjährung des Ur­laubs­an­spruchs im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis nicht in Be­tracht.

Selbst wenn man aber der ge­gen­tei­li­gen Auf­fas­sung des LAG Düssel­dorf (18.08.2010 - 12 Sa 650/10) fol­gen möch­te, wo­nach die Verjährung des Ur­laubs­an­spruchs mit dem Schluss des Ur­laubs­jah­res be­ginnt, ist der An­spruch nicht verjährt: Die Verjährung betrüge gemäß § 195 BGB drei Jah­re und begänne frühes­tens mit Schluss des Ur­laubs­jah­res, für den Ur­laubs­an­spruch aus 2007 al­so am 31.12.2007. Die Er­he­bung der Kla­ge am 12.02.2010 hemm­te ei­ne et­wai­ge Verjährung (§ 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB, § 253 Abs. 1 ZPO) zu ei­nem Zeit­punkt, als die dreijähri­ge Verjährungs­frist noch nicht ab­ge­lau­fen war.

c) Sch­ließlich ist der Ur­laubs­an­spruch nicht gemäß Art. 9 Abs. 1 des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on vom 24.06.1970 über den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­fal­len. Nach die­ser Vor­schrift ist der Teil des Jah­res­ur­laubs, der min­des­tens zwei un­un­ter­bro­che­ne Ar­beits­wo­chen um­fasst, spätes­tens ein Jahr und der übri­ge Teil spätes­tens 18 Mo­na­te nach Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res zu gewähren und zu neh­men. Selbst wenn der Ver­fall des Ur­laubs­an­spruchs auf­grund des IAO-Übe­r­ein­kom­mens auch im Fall lang­an­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit eu­ro­pa­recht­lich zulässig sein mag (vgl. da­zu den Vor­la­ge­be­schluss des LAG Hamm vom 15.04.2010 - 16 Sa 1176/09), fehlt es im na­tio­na­len Recht an ei­ner Norm, die den Ver­fall an­ord­net. Ar­ta 9 Abs. 1 des IAO-Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 ist ei­ne völker­recht­li­che Norm, die im na­tio­na­len Recht nicht un­mit­tel­bar an­wend­bar ist. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat dem Übe­r­ein­kom­men zwar durch Ge­setz vom 30.04.1975 zu­ge­stimmt. Hier­durch ist das Übe­r­ein­kom­men aber nicht in­ner­staat­li­ches Recht in dem Sin­ne ge­wor­den, dass sei­ne Vor­schrif­ten nor­ma­tiv auf al­le Ar­beits­verhält­nis­se in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­wir­ken. Es gibt kein in­ner­staat­li­ches Ge­setz, das die Vor­ga­ben des Übe­r­ein­kom­mens in­so­fern ausführt und sub­jek­ti­ve Rech­te und Pflich­ten ein­zel­ner be­gründet (BAG vom 07.12.1993 - 9 AZR 683/92).

4. Gemäß § 7 Abs. 4 BUrIG, § 11 Abs. 14 S. 1 MTV war der Ur­laubs­an­spruch, der der Kläge­rin bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­stand und der ihr we­gen der Be­en­di­gung nicht mehr gewährt wer­de konn­te, bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ab­zu­gel­ten.

- 10 -

Die Ur­laubs­ab­gel­tung setzt nicht vor­aus, dass der Ur­laub im Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gewährt wer­den kann. Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ent­steht nämlich mit dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses als rei­ner Geld­an­spruch. Die­se auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung im Sin­ne von Art. 7 Abs. 2 der sog. Ar­beits­zeit­richt­li­nie 2003/88/EG ge­rich­te­te For­de­rung bleibt in ih­rem Be­stand un­berührt, wenn die Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers bis zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums am 31. März des dem Ur­laubs­jahr fol­gen­den Jah­res fort­dau­ert (BAG 04.05.2010 - 9 AZR 183/09; LAG Ba­den-Würt­tem­berg 29.04.2010 - 11 Sa 64/09 un­ter 3 a). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die früher ver­tre­te­ne Sur­ro­gats­theo­rie auf­ge­ge­ben (BAG 24.03.2009 - 9 AZR 983/07). Es kommt des­halb nicht dar­auf an, dass die Kläge­rin über den 31.07.2009 hin­aus ar­beits­unfähig krank war.

5. Der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ist al­ler­dings gemäß § 21 MTV ver­fal­len.

a) Die Auf­ga­be der Sur­ro­gats­theo­rie führt zu­gleich da­zu, dass der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch den Verjährungs- und Aus­schluss­fris­ten un­terfällt. Der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ent­steht als ei­genständi­ger An­spruch mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Er wird von den Fris­ten, die für den Ur­laubs­an­spruch gel­ten, nicht berührt. Statt des­sen han­delt es sich um ei­nen „nor­ma­len" Zah­lungs­an­spruch, der den all­ge­mein gel­ten­den Fris­ten un­terfällt (LAG Ber­lin-Bran­den­burg 07.10.2010 un­ter 2.3; LAG München 29.07.2010 - 3 Sa 217/10 un­ter II 2 a, b; LAG Köln 20.04.2010 - 12 Sa 1448/09 un­ter 13; Gaul/Jos­ten/Strauf, BB 2009, 497, 499).

b) Die Aus­schluss­frist des § 21 MTV ist kraft ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me im Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en an­wend­bar. Da es sich um ei­ne ta­rif­li­che Aus­schluss­frist han­delt und auf den ge­sam­ten Ta­rif­ver­trag Be­zug ge­nom­men wird, un­ter­liegt die Aus­schluss­frist kei­ner In­halts­kon­trol­le gemäß § 307 BGB (§§ 310 Abs. 4 S. 3, 307 Abs. 3 BGB).

c) Die Berück­sich­ti­gung der Aus­schluss­frist ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil die Be­klag­te sich erst in der Be­ru­fungs­be­gründung dar­auf be­ru­fen hat. Ab­ge­se­hen da­von, dass die An­wend­bar­keit des Ta­rif­ver­trags be­reits erst­in­stanz­lich un­strei­tig war, konn­te die Be­klag­te in der Be­ru­fungs­be­gründung neu­en Vor­trag leis­ten (§ 72 Abs. 4 S. 1 ArbGG). Die Be­ru­fung auf die Aus­schluss­frist verzöger­te den Rechts­streit nicht.

d) Die Kläge­rin hat den An­spruch auf Ab­gel­tung des Ur­laubs für das Jahr 2009 erst­mals mit der Er­he­bung der Kla­ge am 12.02.2010 gel­tend ge­macht. Zu die­sem Zeit­punkt war die Aus­schluss­frist von sechs Wo­chen, be­rech­net ab Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (31.07.2009) be­reits ab­ge­lau­fen.

- 11 -

Auch der An­spruch auf Ab­gel­tung des Ur­laubs der Jah­re 2007 und 2008 ist gemäß § 21 MTV ver­fal­len:

Zwar mach­te die Kläge­rin die­se Ansprüche durch das Schrei­ben vom 19.02.2009 gel­tend. Zu die­sem Zeit­punkt war der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch noch nicht ent­stan­den. Nach Auf­ga­be der Sur­ro­gats­theo­rie können der An­spruch auf Ur­laubs­gewährung im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis und der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung im be­en­de­ten Ar­beits­verhält­nis nicht ein­heit­lich be­trach­tet wer­den. Der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ent­stand erst mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.07.2009 (vgl. BAG 23.03.2010 - 9 AZR 128/09).

Die Gel­tend­ma­chung ei­nes An­spruchs vor sei­nem Ent­ste­hen wahrt die Aus­schluss­frist nicht (BAG 09.03.2005 - 5 AZR 385/02 un­ter III 1 a; 16.06.2010 - 4 AZR 924/08 un­ter II 1 b bb). Ei­ne Gel­tend­ma­chung vor dem Ent­ste­hen des An­spruchs wi­derspräche dem Zweck der Aus­schluss­frist. Sind die rechts­er­zeu­gen­den Tat­sa­chen nach der Be­haup­tung des An­spruch­stel­lers noch nicht ein­ge­tre­ten, ist un­ge­wiss, ob und ggf. wann und in wel­chem Um­fang Ansprüche über­haupt ent­ste­hen. Im Zeit­punkt der Gel­tend­ma­chung konn­te der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch nicht erfüllt wer­den. Es war zum da­ma­li­gen Zeit­punkt nicht be­kannt, wann das Ar­beits­verhält­nis en­den würde und wel­che Höhe der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch im Zeit­punkt der Be­en­di­gung ha­ben würde. Bei­spiels­wei­se hätten sich et­wai­ge Ge­halts­erhöhun­gen im Zeit­raum zwi­schen der Gel­tend­ma­chung und der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch auf die Höhe der Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche für die ab­ge­lau­fe­nen Jah­re aus­wir­ken können. Der Zweck der Aus­schluss­frist, zu ei­ner ra­schen Klärung von Ansprüchen bei­zu­tra­gen, kann durch ei­ne Gel­tend­ma­chung vor Ent­ste­hen des An­spruchs nicht erfüllt wer­den.

e) Die Kläge­rin kann sich nicht auf Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te im Hin­blick dar­auf be­ru­fen, dass die Aus­schluss­fris­ten nach der frühe­ren höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung für Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche nicht gal­ten.

Nach der frühe­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts wären die Ur­laubs­ansprüche der Kläge­rin für die Jah­re 2007 bis 2009 ver­fal­len, weil die Kläge­rin bis zum En­de des je­wei­li­gen Über­tra­gungs­zeit­raums nicht ar­beitsfähig war. Erst auf­grund der Recht­spre­chungsände­rung stand der Kläge­rin bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch zu. In Kennt­nis der Recht­spre­chungsände­rung konn­te die Kläge­rin je­doch nicht dar­auf ver­trau­en, dass die Aus­schluss­frist wei­ter­hin kei­ne An­wen­dung fin­den würde.

- 12 -

6. Da das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil, das gemäß § 61 Abs. 1 S. 1 ArbGG vorläufig voll­streck­bar war, auf­ge­ho­ben wur­de, ist die Kläge­rin gemäß § 717 Abs. 2 S. 1 BGB zum Er­satz des Scha­dens ver­pflich­tet, der der Be­klag­ten durch die zur Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung ge­mach­te Leis­tung ent­stan­den ist. Die Zah­lung der Be­klag­ten er­folg­te nicht aus frei­en Stücken zur Erfüllung des An­spruchs, son­dern nach Er­lass des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils und nach­fol­gen­der Zah­lungs­auf­for­de­rung. Dar­in liegt die Leis­tung zur Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung.

Zur Wie­der­her­stel­lung des frühe­ren Zu­stands zählt hier die Rück­zah­lung des ge­leis­te­ten Be­trags.

III.

Die Kläge­rin muss den Brut­to­be­trag in­klu­si­ve Ar­beit­neh­mer­an­teil zur So­zi­al­ver­si­che­rung und Lohn­steu­er an die Be­klag­te zurück­zah­len. Zwar ist es strei­tig, ob der Ar­beit­neh­mer bei ei­ner Ent­geltrück­zah­lungs­ver­pflich­tung den zu viel er­hal­te­nen Net­to­be­trag oder den ge­sam­ten Brut­to­be­trag zurücker­stat­ten muss (da­zu Per­so­nal­buch 2010/Grie­se, Stich­wort Ent­geltrück­zah­lung, Rn. 11 ff). Während es ins­be­son­de­re bei ei­ner Über­zah­lung, die der Ar­beit­neh­mer nicht ver­an­lasst hat, für in­ter­es­sen­ge­recht ge­hal­ten wird, dem Ar­beit­ge­ber den Auf­wand und das Ri­si­ko der Rück­ab­wick­lung in steu­er­li­cher und so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Hin­sicht auf­zubürden (so Groß, ZIP 1987, 5), hat im Fal­le des § 717 Abs. 2 ZPO die Kläge­rin die Ri­si­ken und Nach­tei­le, die sich aus der An­dro­hung der vorläufi­gen Voll­stre­ckung er­ge­ben, zu tra­gen. An­ders als bei ei­nem Be­rei­che­rungs­an­spruch, bei dem darüber ge­strit­ten wer­den kann, was die Kläge­rin er­langt hat, geht es bei ei­nem Scha­dens­er­satz­an­spruch um die Re­sti­tu­ti­on des frühe­ren Zu­stands beim Gläubi­ger.

Die Kläge­rin hat als un­ter­le­ge­ne Par­tei die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen, § 91 Abs. 1 S. 1 ZPO.

Die Re­vi­si­on wird gemäß § 72 Nr. 1 ArbGG zu­ge­las­sen. In der Fol­ge der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 23.03.2010 (9 AZR 128/09) über die Auf­ga­be der Sur­ro­gats­theo­rie hat die Fra­ge der An­wen­dung von Aus­schluss­fris­ten auf Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche rechts-grundsätz­li­che Be­deu­tung.

- 13 -

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann die Kläge­rin schrift­lich Re­vi­si­on ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

ein­ge­hen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­on und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un¬er­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

a. Rechts­anwälte,
b. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
c. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.

In den Fällen der lit. b und c müssen die han­deln­den Per­so­nen die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

 

Dr. Schmie­gel

Bau­er

Hil­mes

Weitere Auskünfte erteilen Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hensche@hensche.de
Christoph Hildebrandt
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hildebrandt@hensche.de
Nina Wesemann
Rechtsanwältin
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Kontakt:
040 / 69 20 68 04
wesemann@hensche.de

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 22 Sa 59/10