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HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

Säch­si­sches LAG, Ur­teil vom 04.06.2008, 9 Sa 658/07

   
Schlagworte: Eingruppierung, Oberarzt: Eingruppierung, TV-Ärzte
   
Gericht: Sächsisches Landesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 9 Sa 658/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 04.06.2008
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Leipzig, Urteil vom 11.09.2007, 5 Ca 2317/07
   

Säch­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Zwi­ckau­er Straße 54, 09112 Chem­nitz

Post­fach 7 04, 09007 Chem­nitz

 

Säch­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt


Az.: 9 Sa 658/07
5 Ca 2317/07 ArbG Leip­zig


Verkündet am 4. Ju­ni 2008

Im Na­men des Vol­kes

UR­TEIL

In dem Rechts­streit

...

hat das Säch­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt – Kam­mer 9 – durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt ... Vor­sit­zen­den und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn ... und Herrn ... auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 08.05.2008

für Recht er­kannt:

1. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 11.09.2007 – 5 Ca 2317/07 – wird auf Kos­ten des Be­klag­ten

zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um die zu­tref­fen­de Ein­grup­pie­rung der Kläge­rin.


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Die Kläge­rin ist seit dem 01.05.1986 beim Be­klag­ten bzw. des­sen Rechts­vorgänger beschäftigt. Aus­weis­lich des Ände­rungs­ver­tra­ges vom 07.08.1991 be­stimmt sich das Ar­beits­verhält­nis nach dem Ta­rif­ver­trag zur An­pas­sung des Ta­rif­rechts – Man­tel­ta­rif­li­che Vor­schrif­ten – (BAT-O) vom 10. De­zem­ber 1990 und den die­sen ergänzen­den, ändern-den oder er­set­zen­den Ta­rif­verträgen in der für den Be­reich der Ta­rif­ge­mein­schaft deut­scher Länder (TdL) je­weils gel­ten­den Fas­sung. Außer­dem fin­den die für den Ar­beit­ge­ber je­weils gel­ten­den sons­ti­gen ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge An­wen­dung. Nach die­sem Ände­rungs­ver­trag war die Kläge­rin in die Vergütungs­grup­pe I b der An­la­ge 1a/1b zum BAT-O ein­grup­piert. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det des Wei­te­ren der Ta­rif­ver­trag für Ärz­tin­nen und Ärz­te an Uni­ver­sitätskli­ni­ken (fort­an: TV-Ärz­te) vom 30.10.2006 An­wen­dung.

Mit Schrei­ben des Chef­arz­tes und Di­rek­tors der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik vom 06.01.2000 wur­de die Kläge­rin zur Funk­ti­ons­oberärz­tin er­nannt. Durch­ge­hend seit dem 01.01.2000 lei­tet die Kläge­rin zu­dem so­wohl die Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz als auch das OP-Ma­nage­ment. Der Be­klag­te hat­te von die­ser Auf­ga­ben­zu­wei­sung durch den Kli­nik­di­rek­tor Kennt­nis und nimmt die Tätig­kei­ten der Kläge­rin bis heu­te auch un­wi­der­spro­chen ent­ge­gen. Dem­ent­spre­chend ist die Kläge­rin auch im ärzt­li­chen Funk­ti­ons­plan der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik ... et­wa vom 13.11.2006 für den Be­reich „Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz und Am­bu­lan­te Ope­ra­tio­nen“ als ver­ant­wort­li­che Oberärz­tin auf­geführt.

Die Tätig­keit der Kläge­rin als Lei­te­rin der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz macht in et­wa 70 % ih­rer Ar­beits­zeit aus. In der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz wer­den teil­sta­ti­onäre, vor-und nach­sta­ti­onäre so­wie am­bu­lan­te Be­hand­lun­gen durch­geführt. Bei den Pa­ti­en­tin­nen han­delt es sich über­wie­gend um kom­pli­zier­te Fälle und mul­ti­mor­bi­de Pa­ti­en­ten, die von er­fah­re­nen nie­der­ge­las­se­nen Fachärz­ten und Chefärz­ten an­de­rer Kran­kenhäuser an die Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz über­wie­sen wer­den. Des Wei­te­ren gehören zum Auf­ga­ben­be­reich der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz das am­bu­lan­te Ope­rie­ren so­wie die Be­hand­lung und Be­gut­ach­tung be­son­de­rer Fälle (z. B. Se­xu­al­de­lik­te für die Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft).

In der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz er­folg­ten im Jahr 2006 3144 Kon­sul­ta­tio­nen. Es wur­den wei­te­re 341 Pa­ti­en­tin­nen aus an­de­ren sta­ti­onären Ein­rich­tun­gen al­ler Fach­ge­bie­te des Uni­ver­sitätskli­ni­kums kon­si­li­a­risch vor­ge­stellt. Fer­ner wur­den 2006 523 am­bu­lan­te
 


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Ope­ra­tio­nen durch­geführt. In der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz wer­den 80 % al­ler Ope­ra­tio­nen der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik so­wohl prä- als auch post­sta­ti­onär be­han­delt (2006 ins­ge­samt 2072 Ein­grif­fe, da­von 1112 große und 960 klei­ne Ope­ra­tio­nen). Dort ar­bei­ten ne­ben der Kläge­rin grundsätz­lich zwei Fachärz­tin­nen und zwei As­sis­ten­tin­nen in Wei­ter­bil­dung zum Fach­arzt für Gynäko­lo­gie und Ge­burts­hil­fe.

Die In­di­ka­ti­ons­stel­lung für die präope­ra­ti­ven er­for­der­li­chen Un­ter­su­chun­gen er­folgt durch die Kläge­rin oder in Zu­sam­men­ar­beit mit der Kläge­rin. Al­le Pa­ti­en­ten, bei de­nen ei­ne größere Ope­ra­ti­on an­steht, un­ter­sucht die Kläge­rin selbst und stellt die Dia­gno­se. Nach Vor­lie­gen al­ler not­wen­di­gen Vor­un­ter­su­chungs­be­fun­de stellt die Kläge­rin die Ope­ra­ti­ons­in­di­ka­ti­on und legt die The­ra­pie fest, z. B. Art der Ope­ra­ti­on, Art des Ope­ra­ti­ons­zu­gangs etc. Erst da­nach kann ei­ne Ope­ra­ti­ons­aufklärung in­di­ka­ti­ons­be­zo­gen er­fol­gen. An­sch­ließend ver­gibt die Kläge­rin den ge­nau­en Ope­ra­ti­ons­ter­min.

Die post­sta­ti­onäre Nach­be­hand­lung um­fasst Be­fund­be­spre­chun­gen und Erörte­rung (z. B. his­to­lo­gi­scher Be­fund, Wund­kon­trol­le, Fa­den­ent­fer­nung, Wund­pfle­ge, Be­ra­tung über Ver­hal­tens­wei­se, Be­spre­chung mit der Pa­ti­en­tin, ob ei­ne Nach­be­hand­lung und wenn ja in wel­cher Form – Che­mo­the­ra­pie, Nach­be­strah­lung – er­for­der­lich ist) so­wie die Ver­an­las­sung der ge­ge­be­nen­falls er­for­der­li­chen wei­te­ren Be­hand­lun­gen. Im Not­fall (z. B. star­ke Blu­tung, aku­ter Bauch, Ei­leiter­schwan­ger­schaft), der so­fort ope­riert wer­den muss, wird die Ope­ra­ti­ons­in­di­ka­ti­on ei­gen­ver­ant­wort­lich und aus­sch­ließlich durch die Kläge­rin ge­stellt. Die Pa­ti­en­tin kommt dann aus der Am­bu­lanz so­fort in den Ope­ra­ti­ons­saal.

In der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz müssen die Ärz­tin­nen in Wei­ter­bil­dung, wenn kein Fach­arzt an­we­send ist, der Kläge­rin al­le Pa­ti­en­tin­nen vor­stel­len, ins­be­son­de­re die, die sich ei­nem ope­ra­ti­ven Ein­griff un­ter­zie­hen müssen. Ein Fach­arzt muss der Kläge­rin al­le Pa­ti­en­tin­nen vor­stel­len, die sich ei­ner großen Ope­ra­ti­on un­ter­zie­hen müssen und al­le Pa­ti­en­ten, bei de­nen sei­tens des Fach­arz­tes Fra­gen z. B. hin­sicht­lich Dia­gnos­tik, Klas­si­fi­zie­rung der Krank­heit und The­ra­pie­fest­le­gung be­ste­hen. Wenn ei­ne Fachärz­tin z. B. ei­nen Be­fund fest­stellt, den sie nicht ein­ord­nen bzw. kei­ne Dia­gno­se stel­len kann, wird um­ge­hend die Kläge­rin ge­ru­fen.

Das OP-Ma­nage­ment hin­ge­gen be­inhal­tet die kom­plet­te OP-Or­ga­ni­sa­ti­on für die Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik, an­ge­fan­gen bei der Ter­min­ver­ga­be in der Am­bu­lanz über die Ver­ga­be


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von OP-Ter­mi­nen für große Ope­ra­tio­nen bis zur Er­stel­lung der Ope­ra­ti­ons­pro­gram­me. Hin­zu kommt die Ein­tei­lung al­ler Ärz­te, Stu­den­ten und Hos­pi­tan­ten. Die Lei­tung des OP-Ma­nage­ments nimmt in et­wa 20 % der Ar­beits­zeit der Kläge­rin in An­spruch, während ih­re rest­li­chen Ar­beits­auf­ga­ben (Ober­arzt­diens­te, wöchent­li­che Sprech­stun­de im Zen­trum für Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin etc.) ca. 10 % ih­rer Ar­beits­zeit aus­ma­chen.

Die Kläge­rin for­der­te den Be­klag­ten mit Schrei­ben vom 01.08.2006 zur Ein­grup­pie­rung in die Ent­gelt­grup­pe Ä 3 ab dem 01.07.2006 auf. Mit Schrei­ben vom 14.03.2007 teil­te der me­di­zi­ni­sche Vor­stand des Uni­ver­sitätskli­ni­kums ... der Kläge­rin mit, dass die­se die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Ein­grup­pie­rung in die Ent­gelt­grup­pe Ä 3 TV-Ärz­te nicht erfülle.

Die Kläge­rin hat erst­in­stanz­lich die Auf­fas­sung ver­tre­ten, sie ha­be An­spruch auf Vergütung nach der Ent­gelt­grup­pe Ä 3 Stu­fe 3 der Ent­gelt­ta­bel­le zu § 15 TV-Ärz­te. Als Lei­te­rin so­wohl der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz als auch des OP-Ma­nage­ments sei ihr vom Ar­beit­ge­ber die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für die­se Teil­be­rei­che über­tra­gen wor­den. Un­strei­tig sei der Kli­nik­di­rek­tor ver­ant­wort­lich für die me­di­zi­ni­sche Lei­tung der Kli­nik. Hier­zu gehöre aber auch die Schaf­fung ei­ner Struk­tur der Kli­nik und die Ein­tei­lung der Ar­beit­neh­mer hier­zu. Un­strei­tig ha­be der Kli­nik­di­rek­tor der Kläge­rin die ent­spre­chen­den Auf­ga­ben über­tra­gen. Der Be­klag­te könne sich nun­mehr nicht auf ei­ne an­geb­li­che Wei­sungs­be­fug­nis des Rek­tors zurück­zie­hen, die die­ser ge­genüber den Ärz­ten der Kli­ni­ken der me­di­zi­ni­schen Fa­kultät noch nie persönlich aus­geübt ha­be. Die­se Auf­ga­be sei viel­mehr ori­ginäre Auf­ga­be der Kli­nik­di­rek­to­ren und wer­de je­den­falls in der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik seit Jah­ren vom Kli­nik­di­rek­tor wahr­ge­nom­men.

Die Kläge­rin hat erst­in­stanz­lich die bis zur Kla­ge­er­he­bung an­ge­fal­le­nen Dif­fe­renz­beträge zwi­schen der von ihr für sich in An­spruch ge­nom­me­nen Ent­gelt­grup­pe und der vom Be­klag­ten aus­ge­kehr­ten Vergütung durch Zah­lungs­kla­ge gel­tend ge­macht, da­ne­ben zu­dem ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge er­ho­ben und des­halb zu­letzt fol­gen­de Anträge ge­stellt:

1. Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 10.800,00 € brut­to zuzüglich Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz

- aus 800,00 € seit 31.07.2006,
- aus wei­te­ren 800,00 € seit 31.08.2006,
- aus wei­te­ren 800,00 € seit 30.09.2006,
- aus wei­te­ren 800,00 € seit 31.10.2006,
 


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- aus wei­te­ren 800,00 € seit 30.11.2006,
- aus wei­te­ren 800,00 € seit 31.12.2006,
- aus wei­te­ren 1.200,00 € seit 31.01.2007,
- aus wei­te­ren 1.200,00 € seit 28.02.2007,
- aus wei­te­ren 1.200,00 € seit 31.03.2007,
- aus wei­te­ren 1.200,00 € seit 30.04.2007 und
- aus wei­te­ren 1.200,00 seit 31.05.2007 zu zah­len.

2. Es wird fest­ge­stellt, dass der Be­klag­te ver­pflich­tet ist, die Kläge­rin nach der Ent­gelt­grup­pe Ä 3, Stu­fe 3 der Ent­gelt­ta­bel­le zu § 15 TV-Ärz­te zu vergüten.


Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Bei der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz han­de­le es sich nicht um ei­nen selbstständi­gen Teil-und Funk­ti­ons­be­reich oder gar ei­ne Ab­tei­lung, viel­mehr um ei­ne rei­ne Sprech­stun­de, wel­che das Uni­ver­sitätskli­ni­kum ... als Fach­kran­ken­haus durchführen müsse. Die Kläge­rin sei bei ih­rer Tätig­keit in der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz zu­dem Herrn Ober­arzt ... un­ter­stellt und tref­fe in me­di­zi­nisch schwie­ri­gen Fällen auch nicht die ab­sch­ließen­de Ent­schei­dung.

So­fern sich im BAT bzw. BAT-O be­reits der Be­griff „Funk­ti­ons­be­reich“ be­fun­den ha­be, so ha­be mit der nun­meh­ri­gen For­mu­lie­rung „Teil- oder Funk­ti­ons­be­rei­che“ der An­wen­dungs­be­reich kei­nes­wegs er­wei­tert wer­den sol­len. Zu­dem hätten die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nun­mehr ganz be­wusst ei­ne „Über­tra­gung durch den Ar­beit­ge­ber“ ge­for­dert. Oh­ne ei­ne ak­ti­ve Be­tei­li­gung des Ar­beit­ge­bers könne da­her die Kläge­rin die von ihr für sich in An­spruch ge­nom­me­ne Ein­grup­pie­rung nicht erfüllen. Ar­beit­ge­ber der Kläge­rin sei aber nicht das Uni­ver­sitätskli­ni­kum bzw. der Kli­nik­di­rek­tor ..., son­dern der Frei­staat Sach­sen/Uni­ver­sität ... Die­ser ha­be der Kläge­rin je­doch kei­ner­lei me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung über­tra­gen.
 


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Mit Ur­teil vom 11.09.2007 hat das Ar­beits­ge­richt

- den Be­klag­ten ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 10.800,00 € brut­to zuzüglich Zin­sen hier­aus i. H. v. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 18.06.2007 zu zah­len,

- fest­ge­stellt, dass der Be­klag­te ver­pflich­tet ist, die Kläge­rin nach der Ent­gelt­grup­pe Ä 3, Stu­fe 3 der Ent­gelt­ta­bel­le zu § 15 TV-Ärz­te zu vergüten,

- die Kla­ge bezüglich des darüber hin­aus­ge­hen­den Zins­an­spruchs im Übri­gen ab­ge­wie­sen.

We­gen der Ein­zel­hei­ten die­ser Ent­schei­dung wird auf das Ur­teil (Bl. 60 – 69 d. A.) Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen das ihm am 05.10.2007 zu­ge­stell­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts hat der Be­klag­te am 19.10.2007 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit am 28.11.2007 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz be­gründet.

Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts be­ru­he auf ei­ner Rechts­ver­let­zung. Das Ar­beits­ge­richt ha­be den TV-Ärz­te un­rich­tig an­ge­wen­det. Es ver­ken­ne u. a. die Grundsätze be­tref­fend die Aus­le­gung von Ta­rif­verträgen.

Die mit der Ein­grup­pie­rung als Ober­arzt ver­bun­de­nen fi­nan­zi­el­len Kon­se­quen­zen würden es na­he le­gen, ein sub­stan­ti­el­les Maß an me­di­zi­ni­scher Ver­ant­wor­tung zu for­dern. Das Kri­te­ri­um der me­di­zi­ni­schen Ver­ant­wor­tung sei da­her im Sin­ne von „lei­ten“ zu ver­ste­hen. Auch genüge nicht nur ir­gend­ei­ne me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung. Viel­mehr müsse es sich um die me­di­zi­ni­sche Letzt­ver­ant­wor­tung han­deln. Ein ein­grup­pie­rungs­re­le­van­ter Teil- oder Funk­ti­ons­be­reich müsse zu­dem ei­ne ge­wis­se Größe er­rei­chen, was bei der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz aber ge­ra­de nicht der Fall sei. In die­sem Zu­sam­men­hang sei auf die Vor­ga­ben des Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­tra­ges zurück­zu­grei­fen. Die­ser ma­che die Ein­grup­pie­rung in ei­ne höhe­re Vergütungs­grup­pe von der Wei­sungs- und Auf­sichts­be­fug­nis ge­genüber min­des­tens fünf an­de­ren Ärz­ten abhängig. An die­ser An­zahl ha­be sich
 


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da­her auch die Aus­le­gung des Merk­mals „me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für ei­nen Teil-oder Funk­ti­ons­be­reich“ zu ori­en­tie­ren. Fünf Fachärz­te sei­en der Kläge­rin aber ge­ra­de nicht un­ter­stellt.

Die im Ta­rif­ver­trag gewähl­te For­mu­lie­rung „vom Ar­beit­ge­ber über­tra­gen“ ma­che außer-dem ei­ne aus­drück­li­che Über­tra­gung durch den Ar­beit­ge­ber not­wen­dig. Ei­ne nur kon­klu­den­te Über­tra­gung der ein­grup­pie­rungs­re­le­van­ten Tätig­kei­ten genüge nicht. Der Chef­arzt und Di­rek­tor der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik ... sei je­den­falls nicht Ar­beit­ge­ber der Kläge­rin. Zwar kom­me grundsätz­lich auch ei­ne Ver­tre­tung des Ar­beit­ge­bers in Be­tracht. Per­so­nal­ent­schei­dun­gen sei­en bei dem Uni­ver­sitätskli­ni­kum Leip­zig AöR aber eben nur in Rück­spra­che mit der Per­so­nal ver­wal­ten­den Stel­le durch­zuführen. Aus ei­ge­ner Macht­voll­kom­men­heit sei ei­ne Über­tra­gung me­di­zi­ni­scher Ver­ant­wor­tung durch den Chef­arzt nicht möglich. Für den Be­klag­ten sei es nicht zu­mut­bar, würde dem Chef­arzt ei­ner Kli­nik die Be­fug­nis zu­ge­stan­den, oh­ne Rück­spra­che mit der Ver­wal­tung Ober­arzttätig­kei­ten zu­zu­wei­sen und so den Be­klag­ten in nicht un­er­heb­li­chem Um­fang fi­nan­zi­ell zu ver­pflich­ten. Die Per­so­nal­ho­heit lie­ge im­mer noch beim Rek­tor der Uni­ver­sität ... bzw. den ver­tre­tungs­be­fug­ten Vorständen des Uni­ver­sitätskli­ni­kums ..., AöR.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 11.09.2007 – 5 Ca 2317/07 – ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Den Über­le­gun­gen des Erst­ge­richts in der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung pflich­tet sie bei, den Ausführun­gen des Be­klag­ten im Be­ru­fungs­rechts­zug tritt sie ent­ge­gen.

Die Be­ru­fung des Be­klag­ten sei be­reits un­zulässig, da sie ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teil so­wohl in tatsäch­li­cher als auch in recht­li­cher Hin­sicht ver­mis­sen las­se.
 


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Die Auf­fas­sung des Be­klag­ten, ein Teil­be­reich set­ze ei­ne be­stimm­te An­zahl un­ter­stell­ter Ärz­te vor­aus, las­se sich dem Ta­rif­ver­trag nicht an­satz­wei­se ent­neh­men.

Der Be­klag­te wer­de zu­dem kaum be­haup­ten wol­len, ge­genüber den Ärz­ten ei­ner Kli­nik ha­be der Rek­tor der Uni­ver­sität ... oder der Vor­stand des Uni­ver­sitätskli­ni­kums je­mals kon­kre­te An­wei­sun­gen zu Art, Um­fang und In­halt der zu er­brin­gen­den ärzt­li­chen Tätig­keit ge­ge­ben. Dies sei schon im­mer – und sei es auch bis heu­te – ori­ginäre Auf­ga­be der Kli­nik­di­rek­to­ren. Vor­lie­gend sei es der Kli­nik­di­rek­tor der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik ge­we­sen, der die Struk­tur sei­ner Kli­nik maßgeb­lich be­stimmt ha­be. We­der der Vor­stand des Uni­ver­sitätskli­ni­kums noch der Rek­tor oder ein an­de­rer Ver­tre­ter des Be­klag­ten hätten hier­auf in­halt­lich Ein­fluss ge­nom­men. Es sei ori­ginäre Auf­ga­be des Kli­nik­di­rek­tors, mit den ihm zur Verfügung ste­hen­den fi­nan­zi­el­len Mit­teln die Or­ga­ni­sa­ti­on der Kli­nik um­zu­set­zen.

We­gen des wei­te­ren tatsächli­chen Vor­brin­gens der Par­tei­en wird Be­zug ge­nom­men auf ih­re wech­sel­sei­ti­gen Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie das Pro­to­koll der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung vom 08.05.2008.

Ent­schei­dungs­gründe

A.

Die gem. § 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung ist gem. den §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, 519, 520 ZPO auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den und da­her ins­ge­samt zulässig.

In sei­ner 21-sei­ti­gen Be­ru­fungs­be­gründung rügt der Be­klag­te u. a., dass sich das Ar­beits­ge­richt in sei­nem Ur­teil nicht da­mit aus­ein­an­der­ge­setzt ha­be, dass die Kläge­rin kei­ne me­di­zi­ni­sche Letzt­ver­ant­wor­tung tra­ge. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts Leip­zig genüge auch nicht die Über­tra­gung der von der Kläge­rin aus­geübten Ar­beits­auf­ga­ben durch den Kli­nik­di­rek­tor der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik. Darüber hin­aus wei­che das Ar­beits­ge­richts in sei­ner Auf­fas­sung, dass auch die kon­klu­den­te Über­tra­gung durch den
 


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Ar­beit­ge­ber genüge, von der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ab. Da­nach er­for­de­re die aus­drück­li­che Über­tra­gung durch den Ar­beit­ge­ber ein Tätig­wer­den des zuständi­gen Or­gans, was aber nicht vor­lie­ge. Das Ar­beits­ge­richt Leip­zig ha­be auch den TV-Ärz­te un­rich­tig an­ge­wen­det. Es ver­ken­ne so­wohl die Grundsätze be­tref­fend die Aus­le­gung von Ta­rif­verträgen als auch die zi­vil­recht­li­chen Grundsätze hin­sicht­lich der Dar­le­gungs- und Be­weis­last.

Da­mit lässt die Be­ru­fungs­be­gründung er­ken­nen, in wel­chen Punk­ten tatsäch­li­cher oder recht­li­cher Art das an­ge­foch­te­ne Ur­teil nach An­sicht des Be­klag­ten un­rich­tig ist. Aus wel­chen Gründen der Be­klag­te die tatsächli­che und recht­li­che Würdi­gung des Ur­teils der ers­ten In­stanz für un­rich­tig hält (vgl. § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO), kann der Be­ru­fungs­be­gründung eben­falls ent­nom­men wer­den.

B.

Die Be­ru­fung ist je­doch un­be­gründet. Zu Recht hat das Ar­beits­ge­richt nach den Kla­ge­anträgen er­kannt. Der um­fang­rei­che Vor­trag des Be­klag­ten im Be­ru­fungs­rechts­zug recht­fer­tigt auch in sei­ner Ge­samt­heit kei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung.

I. Die Kla­ge ist zulässig.

Bei dem Kla­ge­an­trag zu Zif­fer 2 han­delt es sich um ei­ne im öffent­li­chen Dienst all­ge­mein übli­che Ein­grup­pie­rungs­fest­stel­lungs­kla­ge, ge­gen de­ren Zulässig­keit nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch in An­se­hung des § 256 ZPO kei­ne Be­den­ken be­ste­hen (vgl. et­wa BAG, Ur­teil vom 05.09.2002 – 8 AZR 620/01 –, AP Nr. 93 zu §§ 22, 23 BAT Leh­rer).

II. Die Kla­ge ist, so­weit über sie zweit­in­stanz­lich noch zu ent­schei­den war, auch voll­umfäng­lich be­gründet.

1. Dies gilt zunächst für die Ein­grup­pie­rungs­fest­stel­lungs­kla­ge.
 


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a) Die Vor­aus­set­zun­gen für die von der Kläge­rin be­gehr­te Ein­grup­pie­rung sind in § 12 TV-Ärz­te ge­re­gelt. Die­se Be­stim­mung lau­tet aus­zugs­wei­se wie folgt:

„§ 12 Ein­grup­pie­rung.
Ärz­te sind ent­spre­chend ih­rer nicht nur vorüber­ge­hend und zeit­lich min­des­tens zur Hälf­te aus­zuüben­den Tätig­keit wie folgt ein­grup­piert:

...

Ent­gelt­grup­pe Ä 3 Oberärz­tin/Ober­arzt

Ober­arzt ist der­je­ni­ge Arzt, dem die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für Teil- oder Funk­ti­ons­be­rei­che der Kli­nik be­zie­hungs­wei­se Ab­tei­lung vom Ar­beit­ge­ber über­tra­gen wor­den ist.

...“

b) Die Kläge­rin erfüllt sämt­li­che die­ser Tätig­keits­merk­ma­le.

aa) Ih­re Tätig­keit als Lei­te­rin der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz macht ca. 70 % ih­rer Ar­beits­zeit aus, wo­mit zunächst das Merk­mal „zeit­lich min­des­tens zur Hälf­te“ erfüllt ist. Un­strei­tig nimmt sie die­se Auf­ga­ben zu­dem be­reits seit dem 01.01.2000 und so­mit nicht nur vorüber­ge­hend wahr.

bb) Der Kläge­rin ob­liegt auch die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für die Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz.

Al­le Pa­ti­en­ten der Am­bu­lanz, bei de­nen ei­ne größere Ope­ra­ti­on an­steht, un­ter­sucht die Kläge­rin selbst und stellt die Dia­gno­se. Nach Vor­lie­gen al­ler not­wen­di­gen Vor­un­ter­su­chungs­be­fun­de stellt die Kläge­rin die Ope­ra­ti­ons­in­di­ka­ti­on und legt die The­ra­pie fest. Im Not­fall, der so­fort ope­riert wer­den muss, wird die Ope­ra­ti­ons­in­di­ka­ti­on ei­gen­ver­ant­wort­lich und aus­sch­ließlich durch die Kläge­rin ge­stellt. Die Pa­ti­en­tin kommt dann aus der Am­bu­lanz so­fort in den Ope­ra­ti­ons­saal. Ärz­tin­nen in Wei­ter­bil­dung müssen der Kläge­rin, wenn kein Fach­arzt an­we­send ist, al­le Pa­ti­en­ten vor­stel­len, ins­be­son­de­re die, die sich ei­nem ope­ra­ti­ven Ein­griff un­ter­zie­hen müssen. Die Fachärz­te der Am­bu­lanz müssen der Kläge­rin al­le Pa­ti­en­tin­nen vor­stel­len, die sich ei­ner großen Ope­ra­ti­on un­ter­zie­hen müssen so­wie al­le Pa­ti­en­ten, bei de­nen sei­tens des Fach­arz­tes Fra­gen z. B. hin­sicht­lich der Dia­gnos­tik, der Klas­si­fi­zie­rung der
 


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Krank­heit und der The­ra­pie­fest­le­gung be­ste­hen. Wenn ei­ne Fachärz­tin in der Am­bu­lanz z. B. ei­nen Be­fund fest­stellt, den sie nicht ein­ord­nen bzw. kei­ne Dia­gno­se stel­len kann, wird um­ge­hend die Kläge­rin ge­ru­fen.

Aus­ge­hend u. a. von die­sen von der Kläge­rin un­strei­tig wahr­ge­nom­me­nen Auf­ga­ben kann es zur Über­zeu­gung der Kam­mer kei­nen Zwei­feln un­ter­lie­gen, dass der Kläge­rin die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für die Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz ob­liegt. Der Ein­wand des Be­klag­ten, das Kri­te­ri­um der me­di­zi­ni­schen Ver­ant­wor­tung sei im Sin­ne von „lei­ten“ zu ver­ste­hen, recht­fer­tigt kei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung. Denn nie­mand an­de­res als die Kläge­rin lei­tet die Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz. Für Ge­gen­tei­li­ges, dass nämlich die Kläge­rin – in wel­cher Form auch im­mer – Herrn Ober­arzt ... un­ter­stellt sein soll, ist der Be­klag­te da­ge­gen trotz ve­he­men­ten Be­strei­tens der Kläge­rin bis zu­letzt be­weisfällig ge­blie­ben.

Eben­so we­nig über­zeugt das Ar­gu­ment des Be­klag­ten, für die Ein­grup­pie­rung als Ober­arzt genüge nicht ir­gend­ei­ne me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung, viel­mehr müsse es sich um die me­di­zi­ni­sche Letzt­ver­ant­wor­tung han­deln. Für ei­ne der­ar­ti­ge Aus­le­gung bie­tet der Ta­rif­ver­trag kei­ner­lei An­halts­punk­te. Im Übri­gen liegt die me­di­zi­ni­sche Letzt­ver­ant­wor­tung un­strei­tig bei den Kli­nik­di­rek­to­ren, vor­lie­gend al­so dem Chef­arzt ... Wäre die Auf­fas­sung des Be­klag­ten zu­tref­fend, könn­te kaum ein Ober­arzt das Ein­grup­pie­rungs­merk­mal „me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung“ erfüllen, die­se 1. Al­ter­na­ti­ve der Ent­gelt­grup­pe Ä 3 des § 12 TV-Ärz­te blie­be prak­tisch oh­ne An­wen­dungs­be­reich.

cc) Bei der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz han­delt es sich zu­dem um ei­nen Teil­be­reich im Sin­ne des Ta­rif­ver­tra­ges.

In der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz er­folg­ten al­lein im Jah­re 2006 3144 Kon­sul­ta­tio­nen. Dort wer­den 80 % al­ler Ope­ra­tio­nen der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik so­wohl prä-als auch post­sta­ti­onär be­han­delt (nur 2006 über 1100 große und 960 klei­ne Ope­ra­tio­nen), zu­dem 523 am­bu­lan­te Ope­ra­tio­nen durch­geführt. Die Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz verfügt über ei­ne ei­ge­ne Or­ga­ni­sa­ti­on und Ärz­te, die ständig dort beschäftigt sind.
 


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Es kann da­nach un­ent­schie­den blei­ben, ob es für die An­nah­me ei­nes Teil­be­rei­ches aus­rei­chend ist, dass die Kli­nik bzw. Ab­tei­lung in ir­gend­ei­ner Form un­ter­glie­dert ist (so ArbG Leip­zig, Ur­teil vom 13.07.2007 – 16 Ca 1676/07 –) oder ein Teil­be­reich im Sin­ne des § 12 TV-Ärz­te je­den­falls dann an­zu­neh­men ist, wenn er über ei­ne ei­ge­ne räum­li­che und per­so­nel­le Aus­stat­tung verfügt (so ArbG Aa­chen, Ur­teil vom 23.05.2007 – 6 Ca 178/07 –). Sämt­li­che die­ser Kri­te­ri­en sind vor­lie­gend erfüllt. Auch wenn mit dem Be­klag­ten zu­dem da­von aus­ge­gan­gen würde, dass nicht je­de klei­ne Bet­ten­sta­ti­on ei­nen Teil­be­reich dar­stel­len kann, son­dern ein ein­grup­pie­rungs­re­le­van­ter Teil- oder Funk­ti­ons­be­reich ei­ne ge­wis­se Größe er­rei­chen muss, wäre die­se Vor­aus­set­zung be­reits auf­grund der so­eben ge­nann­ten Zah­len eben­falls oh­ne je­den vernünf­ti­gen Zwei­fel zu be­ja­hen. Da­ge­gen er­sch­ließt sich der Kam­mer nicht, wie der Be­klag­te zu der Auf­fas­sung ge­lan­gen kann, bei ei­ner Am­bu­lanz, in der al­lein 2006 un­strei­tig über 500 Ope­ra­tio­nen durch­geführt wur­den, han­de­le es sich um ei­ne „rei­ne Sprech­stun­de“.

Das Ar­gu­ment, dass mit der For­mu­lie­rung „Teil- oder Funk­ti­ons­be­rei­che“ der An­wen­dungs­be­reich des BAT/BAT-O, in dem le­dig­lich von ei­nem Funk­ti­ons­be­reich die Re­de war, „kei­nes­wegs ... er­wei­tert wer­den“ soll­te, verfängt eben­falls nicht. Die Tat­sa­che, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en das Wort „oder“ und nicht et­wa den Be­griff „bzw.“ ver­wandt ha­ben, lässt viel­mehr nur den Schluss zu, dass sie den Be­grif­fen nicht syn­ony­me, son­dern un­ter­schied­li­che Be­deu­tung bei­mes­sen woll­ten und es sich bei ei­nem Teil­be­reich folg­lich ge­ra­de nicht gleich­zei­tig um ei­nen Funk­ti­ons­be­reich han­deln muss. An­sons­ten hätten die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf die Un­ter­schei­dung zwi­schen Teil- und Funk­ti­ons­be­rei­chen auch ganz ver­zich­ten und es gleich bei den Funk­ti­ons­be­rei­chen des BAT/BAT-O be­las­sen können.

Nicht zu über­zeu­gen ver­mag schließlich die Auf­fas­sung des Be­klag­ten, et­wa in An­leh­nung an die Fall­grup­pe 8 der Vergütungs­grup­pe 1 a BAT könne die Lei­tung ei­nes Teil- oder Funk­ti­ons­be­rei­ches nur dann ein­grup­pie­rungs­re­le­vant sein, wenn dort min­des­tens fünf Fachärz­te beschäftigt würden.

Zu Recht weist die Kläge­rin in die­sem Zu­sam­men­hang dar­auf hin, dass es kei­ne Ver­an­las­sung gibt, Re­ge­lun­gen aus dem BAT, die die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en be­wusst nicht über­nom­men ha­ben, nun­mehr über die Aus­le­gung von Ein­grup­pie-
 


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rungs­merk­ma­len des § 12 TV-Ärz­te doch wie­der her­an­zu­zie­hen und so­mit auf­recht­zu­er­hal­ten. Wie we­nig stich­hal­tig der dies­bezügli­che Ein­wand des Be­klag­ten ist, wird im Übri­gen dar­an deut­lich, dass un­strei­tig ei­ne Viel­zahl von Oberärz­ten, die er in die Ent­gelt­grup­pe Ä 3 ein­grup­piert hat, gar nicht ge­genüber fünf Fachärz­ten wei­sungs­be­fugt ist.

dd) Der Kläge­rin ist die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für den Teil­be­reich Gynäko­lo­gi­sche Am­bu­lanz auch vom Ar­beit­ge­ber über­tra­gen wor­den.

Mit Schrei­ben vom 06.01.2000 wur­de die Kläge­rin durch den Chef­arzt und Di­rek­tor der Uni­ver­sitäts­frau­en­kli­nik Herrn ... zur Funk­ti­ons­oberärz­tin er­nannt. Gleich­zei­tig wur­de ihr die Lei­tung der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz über­tra­gen. Der Be­klag­te hat­te hier­von Kennt­nis, hat gleich­wohl bis heu­te zu kei­ner Zeit der Über­nah­me der Auf­ga­ben durch die Kläge­rin, die nach In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te als vergütungs­pflich­ti­ge Ober­arzttätig­kei­ten an­zu­se­hen sind, wi­der­spro­chen. Viel­mehr nimmt der Be­klag­te die Auf­ga­ben der Kläge­rin un­verändert ent­ge­gen.

Aus­ge­hend von die­sem un­strei­ti­gen Sach­ver­halt kann der Be­klag­te nicht da­mit gehört wer­den, der Ta­rif­ver­trag se­he ei­ne aus­drück­li­che Über­tra­gung der ein­grup­pie­rungs­re­le­van­ten Tätig­kei­ten durch den Ar­beit­ge­ber vor, ei­ne sol­che ha­be es aber zu kei­ner Zeit ge­ge­ben. Es gilt der Rechts­ge­dan­ke des § 162 BGB bzw. das Ver­bot wi­dersprüchli­chen Ver­hal­tens (vgl. hier­zu be­reits Bruns/Bier­mann/Weis, Anästh In­ten­siv­med 2007, 291, 295): Wenn der Be­klag­te po­si­tiv dar­um weiß, dass der Kläge­rin vom Kli­nik­di­rek­tor die Lei­tung der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz über­tra­gen wur­de, er sie die­se höher­wer­ti­ge Tätig­keit auch jah­re­lang ausüben lässt, oh­ne zu wi­der­spre­chen, sich dann aber wei­gert, ei­ne aus­drück­li­che Über­tra­gung vor­zu­neh­men, um auf die­se Wei­se ih­re Höher­grup­pie­rung in die Ent­gelt­grup­pe Ä 3 zu ver­hin­dern, muss er sich so be­han­deln las­sen, als ha­be er die­se Über­tra­gung selbst vor­ge­nom­men. Der Be­klag­te kann sich da­her nicht auf ei­ne feh­len­de ar­beit­ge­ber-sei­ti­ge Über­tra­gung be­ru­fen, son­dern muss sich das Han­deln des Kli­nik­di­rek­tors je­den­falls im We­ge der Dul­dungs­voll­macht zu­rech­nen las­sen, da die Über­tra­gung mit sei­ner Kennt­nis statt­fand, die Kläge­rin die­se Tätig­kei­ten klar er­kenn­bar über ei­nen länge­ren Zeit­raum oh­ne In­ter­ven­ti­on des Ar­beit­ge­bers aus­geübt hat und sie des-
 


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halb dar­auf ver­trau­en durf­te, dass der Be­klag­te die Über­tra­gung der höher­wer­ti­gen Tätig­kei­ten durch den Kli­nik­di­rek­tor nicht nur dul­det, son­dern auch bil­ligt.

Der Ein­wand des Be­klag­ten, für ihn sei nicht zu­mut­bar, wenn dem Chef­arzt ei­ner Kli­nik die Be­fug­nis zu­ge­stan­den würde, oh­ne Rück­spra­che mit der Ver­wal­tung Ober­arzttätig­kei­ten zu­zu­wei­sen und den Be­klag­ten da­durch fi­nan­zi­ell zu ver­pflich­ten, ändert an die­sem Er­geb­nis nichts. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on über­sieht, dass der Be­klag­te auf­grund sei­ner po­si­ti­ven Kennt­nis vom Auf­ga­ben­be­reich der Kläge­rin jah­re­lang die Möglich­keit hat­te, ent­spre­chend ein­zu­schrei­ten, dies aber un­ter­ließ. Im Übri­gen dürf­ten et­wai­ge Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen durch sei­ne Kli­nik­di­rek­to­ren auch eher das Pro­blem des Be­klag­ten als das der Kläge­rin sein. Sch­ließlich han­delt es sich beim Chef­arzt um de­ren Dienst­vor­ge­setz­ten, des­sen Auf­ga­ben­zu­wei­sung sie nach­zu­kom­men hat.

c) Er­weist sich die Ein­grup­pie­rungs­kla­ge des­halb be­reits auf­grund der Tätig­keit der Kläge­rin als Lei­te­rin der Gynäko­lo­gi­schen Am­bu­lanz (ca. 70 % ih­rer Ar­beits­zeit) als be­gründet, so kam es nicht mehr dar­auf an, ob da­ne­ben auch die Lei­tung des „OP-Ma­nage­ments“ durch die Kläge­rin die Ein­grup­pie­rungs­merk­ma­le der Ent­gelt­grup­pe Ä 3 erfüllt.

2. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten war zu­dem auch bezüglich des Zah­lungs­an­tra­ges zurück­zu­wei­sen.

Die­ser ist eben­falls be­gründet. Wie sich aus den obi­gen Ausführun­gen er­gibt, steht der Kläge­rin die be­gehr­te Vergütung nach der Ent­gelt­grup­pe Ä 3 des TV-Ärz­te zu. Die ein­zel­nen von der Kläge­rin er­rech­ne­ten Beträge sind so­wohl bezüglich des Zeit­raums, für den sie gel­tend ge­macht wer­den, als auch der Höhe nach un­strei­tig.

Gem. den §§ 291, 288 Abs. 1 Satz 2 BGB war der gel­tend ge­mach­te Be­trag ab dem 18.06.2007 an­trags­gemäß mit fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz zu ver­zin­sen.
 

3. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.


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4. Gem. § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG war die Re­vi­si­on zu­zu­las­sen.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung:

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von dem Be­klag­ten Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­on wird

in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat

nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils durch Ein­rei­chung der Re­vi­si­ons­schrift beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt. Die An­schrift des Bun­des­ar­beits­ge­richts lau­tet:

Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt
Te­le­fon: (03 61) 26 36 – 0
Te­le­fax: (03 61) 26 36 – 20 00.

Die Re­vi­si­on ist

in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten nach der Zu­stel­lung die­ses Ur­teils

schrift­lich zu be­gründen.

Die Re­vi­si­on kann nur dar­auf gestützt wer­den, dass das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf der Ver­let­zung ei­ner Rechts­norm be­ruht.

Die Re­vi­si­ons­schrift und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

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