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HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BAG, Ur­teil vom 06.05.2009, 10 AZR 443/08

   
Schlagworte: Bonus, Freiwilligkeitsvorbehalt, Änderungsvorbehalt, Rückzahlungsklausel
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 10 AZR 443/08
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 06.05.2009
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Mönchengladbach, Teilurteil vom 25.09.2007, 8 Ca 2565/06
Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 16.04.2008, 12 Sa 2180/07
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


10 AZR 443/08
12 Sa 2180/07
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Düssel­dorf

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

6. Mai 2009

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen


 

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,


 

hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 6. Mai 2009 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Frei­tag, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Mar­quardt,


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den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schwit­zer und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Züfle für Recht er­kannt:


1. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 16. April 2008 - 12 Sa 2180/07 - auf­ge­ho­ben.


2. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Teil­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Mönchen­glad­bach vom 25. Sep­tem­ber 2007 - 8 Ca 2565/06 - ab­geändert.


Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.


3. Der Kläger hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.


Von Rechts we­gen!


Tat­be­stand


Der Kläger ver­langt von der Be­klag­ten im We­ge der Stu­fen­kla­ge Aus­kunft über die Höhe ei­ner Bo­nus­zah­lung für das Jahr 2005.


Die Be­klag­te ist ei­ne Bank. Sie fi­nan­ziert vor al­lem Kraft­fahr­zeu­ge von Pri­vat­kun­den. Der Kläger ist Al­lein­er­be ei­nes am 3. De­zem­ber 2005 ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mers der Be­klag­ten (Erb­las­ser). Die­ser war seit 1999 bei der Be­klag­ten beschäftigt, zu­letzt als Be­reichs­lei­ter Ver­trieb Kfz. Der Erb­las­ser nahm am Bo­nus­sys­tem der Be­klag­ten teil. Er er­hielt im Jahr 2002 ei­ne Bo­nus­zah­lung iHv. 115.000,00 Eu­ro, im Jahr 2003 iHv. 70.000,00 Eu­ro und im Jahr 2004 iHv. 88.000,00 Eu­ro. Im Ju­li 2005 ver­ein­bar­te die Be­klag­te mit dem Erb­las­ser ua. Fol­gen­des:


3. Bo­nus­re­ge­lung
Der Mit­ar­bei­ter nimmt am je­weils ak­tu­el­len Bo­nus­sys­tem für lei­ten­de Mit­ar­bei­ter der Ge­sell­schaft teil. Als Bo­nus­re­ge­lung gilt:


a) Die Höhe des Bo­nus hängt von der Ziel­er­rei­chung des Mit­ar­bei­ters (quan­ti­ta­ti­ve und/oder qua­li­ta­ti­ve Zie­le), der in­di­vi­du­el­len Be­ur­tei­lung so­wie von dem wirt­schaft­li­chen

 

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Er­geb­nis der S Grup­pe ab. Die in­di­vi­du­el­len quan­ti­ta­ti­ven und/oder qua­li­ta­ti­ven Zie­le wer­den zu Be­ginn des je­wei­li­gen Geschäfts­jah­res zwi­schen Ge­sell­schaft und Mit­ar­bei­ter ver­ein­bart. Die Aus­zah­lung des Bo­nus er­folgt nach Durchführung der Be­ur­tei­lung und Fest­stel­lung der je­wei­li­gen Ziel­er­rei­chung im ers­ten Quar­tal des Fol­ge­jah­res.


b) Vor­aus­set­zung für die Aus­zah­lung des Bo­nus ist ein un­gekündig­tes Ar­beits­verhält­nis zum Ab­schluss des Geschäfts­jah­res. Die Gewährung des Bo­nus er­folgt frei­wil­lig un­ter dem Vor­be­halt der ein­sei­ti­gen Ände­rungsmöglich­keit durch die Ge­sell­schaft so­wie mit der Maßga­be, dass auch durch ei­ne wie­der­hol­te Zah­lung ein Rechts­an­spruch für die Zu­kunft nicht be­gründet wird.


4. Ge­halt
Der Mit­ar­bei­ter erhält für sei­ne Tätig­keit ein Jah­res­ge­halt in Höhe von 166.036,00 Eu­ro brut­to.


Das Jah­res­ge­halt setzt sich aus 12 Mo­nats­gehältern und ei­nem 13. Ge­halt, wel­ches im No­vem­ber ge­zahlt wird, zu­sam­men. Bei un­terjähri­gem Ein- oder Aus­tritt er­folgt die Zah­lung des 13. Ge­halts zeit­an­tei­lig.
...“


Der Kläger hat ge­meint, als Al­lein­er­be des Erb­las­sers ha­be er An­spruch auf ei­nen an­tei­li­gen Bo­nus für den Zeit­raum vom 1. Ja­nu­ar bis zum 3. De­zem­ber 2005. Die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in­fol­ge des To­des ei­nes Ar­beit­neh­mers könne der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses auf­grund ei­ner Kündi­gung nicht gleich­ge­stellt wer­den. Die Bo­nus­re­ge­lung knüpfe den An­spruch auf die Bo­nus­zah­lung an ein un­gekündig­tes Ar­beits­verhält­nis zum Ab­schluss des Geschäfts­jah­res und schließe so­mit den An­spruch auf die Bo­nus­zah­lung auch dann aus, wenn das Ar­beits­verhält­nis vor Ab­lauf des Geschäfts­jah­res aus Gründen ge­en­det ha­be, die der Ar­beit­neh­mer nicht ha­be be­ein­flus­sen können. Sie be­nach­tei­li­ge den Ar­beit­neh­mer da­mit un­an­ge­mes­sen und sei des­halb gemäß § 307 Abs. 1 BGB un­wirk­sam. Sch­ließlich han­de­le es



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sich bei dem von der Be­klag­ten dem Erb­las­ser zu­ge­sag­ten Bo­nus um ei­nen Leis­tungs­bo­nus.


Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt,


1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, Aus­kunft über die Höhe des Er­folgs­bo­nus des ver­stor­be­nen Mit­ar­bei­ters H für das Geschäfts­jahr 2005 zu er­tei­len,


2. die Be­klag­te nach Aus­kunfts­er­tei­lung zu ver­ur­tei­len, an ihn den sich aus der Aus­kunft er­ge­ben­den Be­trag zuzüglich fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins ab Rechtshängig­keit zu zah­len.


Die Be­klag­te hat zu ih­rem Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag die Auf­fas­sung ver­tre­ten, auf­grund des To­des des Erb­las­sers am 3. De­zem­ber 2005 ha­be En­de des Jah­res 2005 kein un­gekündig­tes Ar­beits­verhält­nis mehr be­stan­den. Die Bin­dung des Bo­nus­an­spruchs an den Be­stand ei­nes un­gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis­ses im je­wei­li­gen Geschäfts­jahr sei zulässig und be­nach­tei­li­ge den an ih­rem Bo­nus­sys­tem teil­neh­men­den Ar­beit­neh­mer nicht un­an­ge­mes­sen.


Das Ar­beits­ge­richt hat der Aus­kunfts­kla­ge des Klägers im We­ge ei­nes Teil­ur­teils statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Teil­ur­teil des Ar­beits­ge­richts zurück­ge­wie­sen. Mit ih­rer vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Be­klag­te ihr Ziel der Kla­ge­ab­wei­sung wei­ter. Der Kläger be­an­tragt, die Re­vi­si­on der Be­klag­ten zurück­zu­wei­sen.


Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils und zur vollständi­gen Kla­ge­ab­wei­sung. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat der Aus­kunfts­kla­ge des Klägers zu Un­recht statt­ge­ge­ben. Da der An­spruch auf Aus­kunfts­er­tei­lung aus ei­nem Grun­de nicht be­steht, der auch dem vom Kläger im Rah­men sei­ner Stu­fen­kla­ge ver­folg­ten Zah­lungs­an­spruch



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die Grund­la­ge ent­zieht, konn­te der Se­nat den Rechts­streit zum Ab­schluss brin­gen und die Kla­ge ins­ge­samt ab­wei­sen (vgl. BAG 28. Sep­tem­ber 2005 - 5 AZR 408/04 - AP BGB § 611 Ärz­te, Ge­halts­ansprüche Nr. 66 = EzA BGB 2002 § 611 Kran­ken­haus­arzt Nr. 3; BGH 8. Mai 1985 - IVa ZR 138/83 - BGHZ 94, 268, 275).


I. Der Kläger hat man­gels ei­nes An­spruchs auf ei­ne an­tei­li­ge Bo­nus­zah­lung für den Zeit­raum vom 1. Ja­nu­ar bis zum 3. De­zem­ber 2005 kei­nen An­spruch auf die Er­tei­lung der ver­lang­ten Aus­kunft. Zum Zeit­punkt sei­nes To­des am 3. De­zem­ber 2005 war ein An­spruch des Erb­las­sers aus der Bo­nus­ver­ein­ba­rung noch nicht ent­stan­den und ist des­halb nicht Be­stand­teil des nach § 1922 Abs. 1 BGB auf den Kläger über­ge­gan­ge­nen Vermögens. Nach Nr. 3 Satz 2 Buchst. b Satz 1 der im Ju­li 2005 zwi­schen der Be­klag­ten und dem Erb­las­ser ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­rung (Be­stands­klau­sel) ist Vor­aus­set­zung für die Aus­zah­lung des Bo­nus, dass das Ar­beits­verhält­nis zum Ab­schluss des Geschäfts­jah­res noch be­stan­den hat. Dar­an fehlt es. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te mit dem Tod des Erb­las­sers am 3. De­zem­ber 2005 und da­mit vor Ab­lauf des Geschäfts­jah­res am 31. De­zem­ber 2005.


II. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Un­recht an­ge­nom­men, dass die Be­stands­klau­sel den Erb­las­ser un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt hat und des­halb gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB ins­ge­samt un­wirk­sam ist.


1. Al­ler­dings knüpft die Be­stands­klau­sel den An­spruch auf die Bo­nus­zah­lung nicht nur an ein Ar­beits­verhält­nis, son­dern an ein un­gekündig­tes Ar­beits­verhält­nis zum Ab­schluss des Geschäfts­jah­res. Die Klau­sel dif­fe­ren­ziert da­mit nicht zwi­schen ei­ner von der Be­klag­ten und ei­ner vom Ar­beit­neh­mer aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung. Sie stellt auch nicht dar­auf ab, ob der Grund für die Kündi­gung vor Ab­lauf des Geschäfts­jah­res im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Ar­beit­neh­mers oder der Be­klag­ten liegt, wie dies bei ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung der Fall ist. Der Se­nat hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 24. Ok­to­ber 2007 (- 10 AZR 825/06 - AP BGB § 307 Nr. 32 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 26) dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es bei ty­pi­sie­ren­der Be­trach­tung kaum in­ter­es­sen­ge­recht er­scheint, dem Ar­beit­neh­mer im Fal­le ei­ner nicht in sei­nen Ver-


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ant­wor­tungs­be­reich fal­len­den, zB be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ei­nen ganz we­sent­li­chen Teil sei­ner Vergütung vor­zu­ent­hal­ten. In die­ser Ent­schei­dung hat der Se­nat auch fest­ge­hal­ten, dass viel dafür spricht, in Fällen, in de­nen die Son­der­zah­lung min­des­tens 25 % der Ge­samt­vergütung aus­macht, der mit der Son­der­zah­lung ver­folg­te Zweck ei­ner zusätz­li­chen Vergütung bei der Abwägung der In­ter­es­sen der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en und da­mit bei der Be­ur­tei­lung der Wirk­sam­keit ei­ner Bin­dungs­klau­sel maßge­bend ist. Ob das Er­for­der­nis ei­nes un­gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis­ses zum Ab­schluss des Geschäfts­jah­res auf­grund der da­mit ver­bun­de­nen Bin­dung über das Geschäfts­jahr hin­aus und we­gen der Höhe der Bo­nus­zah­lung ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung iSv. § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB dar­stellt, be­darf je­doch kei­ner Ent­schei­dung. Zu­guns­ten des Klägers kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Be­stands­klau­sel in­so­weit un­wirk­sam ist, als sie den An­spruch auf die Bo­nus­zah­lung an ein un­gekündig­tes Ar­beits­verhält­nis bin­det.


2. Nach den von der Be­klag­ten nicht mit Ge­genrügen an­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts han­delt es sich bei der Be­stands­klau­sel um ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung iSv. §§ 305 ff. BGB. Die teil­wei­se Auf­recht­er­hal­tung der Be­stands­klau­sel setzt da­mit nach § 306 Abs. 1 BGB ih­re Teil­bar­keit vor­aus. Die Teil­bar­keit ei­ner Klau­sel ist mit­tels ei­ner Strei­chung des un­wirk­sa­men Teils mit ei­nem „blau­en Stift“ zu er­mit­teln (blue-pen­cil-test; vgl. BAG 12. März 2008 - 10 AZR 152/07 - mwN, AP BGB § 305 Nr. 10 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 33). Wird das Wort „un­gekündig­tes“ in der Be­stands­klau­sel ge­stri­chen, setzt die Aus­zah­lung des Bo­nus nur noch das Be­ste­hen ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses zum Ab­schluss des Geschäfts­jah­res vor­aus. Die Klau­sel ist da­mit sprach­lich teil­bar, wo­bei die rest­li­che Re­ge­lung verständ­lich bleibt (vgl. BAG 21. April 2005 - 8 AZR 425/04 - AP BGB § 307 Nr. 3 = EzA BGB 2002 § 309 Nr. 3; BGH 18. April 1989 - X ZR 31/88 - BGHZ 107, 185, 190; 7. Ju­ni 1989 - VIII ZR 91/88 - BGHZ 108, 1, 12).


3. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers ist die Be­stands­klau­sel wirk­sam, so­weit sie den An­spruch auf die Bo­nus­zah­lung an das Be­ste­hen ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses im Geschäfts­jahr knüpft. Der am Bo­nus­sys­tem der Be­klag­ten



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teil­neh­men­de Ar­beit­neh­mer wird da­durch nicht un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt iSv. § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB.

a) Nach die­ser Vor­schrift ist ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung im Zwei­fel an­zu­neh­men, wenn ei­ne Be­stim­mung mit we­sent­li­chen Grund­ge­dan­ken der ge­setz­li­chen Re­ge­lung, von der ab­ge­wi­chen wird, nicht zu ver­ein­ba­ren ist. Die Fra­ge, ob ei­ne ge­gen Treu und Glau­ben ver­s­toßen­de un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners des Klau­sel­ver­wen­ders vor­liegt, ist auf der Grund­la­ge ei­ner Abwägung der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen der Be­tei­lig­ten zu be­ant­wor­ten. Hier­bei ist das In­ter­es­se des Ver­wen­ders an der Auf­recht­er­hal­tung der Klau­sel mit dem In­ter­es­se des Ver­trags­part­ners an der Er­set­zung der Klau­sel durch das Ge­setz ab­zuwägen. Bei die­ser wech­sel­sei­ti­gen Berück­sich­ti­gung und Be­wer­tung recht­lich an­zu­er­ken­nen­der In­ter­es­sen der Ver­trags­part­ner, bei dem auch grund­recht­lich geschütz­te Rechts­po­si­tio­nen zu be­ach­ten sind, ist ein ge­ne­rel­ler, ty­pi­sie­ren­der Maßstab an­zu­le­gen (BAG 24. Ok­to­ber 2007 - 10 AZR 825/06 - mwN, AP BGB § 307 Nr. 32 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 26). Rechts­vor­schrif­ten iSv. § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB sind nicht nur die Ge­set­zes­be­stim­mun­gen selbst, son­dern die dem Ge­rech­tig­keits­ge­bot ent­spre­chen­den all­ge­mein an­er­kann­ten Rechts­grundsätze, dh. auch al­le un­ge­schrie­be­nen Rechts­grundsätze, die Re­geln des Richter­rechts oder die auf­grund ergänzen­der Aus­le­gung nach den §§ 157, 242 BGB und aus der Na­tur des je­wei­li­gen Schuld­verhält­nis­ses zu ent­neh­men­den Rech­te und Pflich­ten (BAG 11. Ok­to­ber 2006 - 5 AZR 721/05 - AP BGB § 308 Nr. 6 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 6). In der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist an­er­kannt, dass mit Son­der­zah­lun­gen ver­bun­de­ne ein­zel­ver­trag­li­che Stich­tags- und Rück­zah­lungs­klau­seln ei­nen Ar­beit­neh­mer nicht in un­zulässi­ger Wei­se in sei­ner durch Art. 12 GG ga­ran­tier­ten Be­rufs­frei­heit be­hin­dern dürfen und in­so­weit ei­ner In­halts­kon­trol­le durch die Ar­beits­ge­rich­te gemäß § 307 BGB un­ter­lie­gen (24. Ok­to­ber 2007 - 10 AZR 825/06 - mwN, aaO). Es müssen Grenz­wer­te ein­ge­hal­ten wer­den. Wer­den die­se über­schrit­ten, ist an­zu­neh­men, dass der Ar­beit­neh­mer in un­zulässi­ger Wei­se in sei­ner durch Art. 12 GG ga­ran­tier­ten Be­rufs­frei­heit be­hin­dert wird und ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers iSv. § 307 Abs. 1 BGB vor­liegt.



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b) Bei wech­sel­sei­ti­ger Berück­sich­ti­gung und Be­wer­tung der recht­lich an­zu­er­ken­nen­den In­ter­es­sen der Be­klag­ten und der an ih­rem Bo­nus­sys­tem teil­neh­men­den Ar­beit­neh­mer wer­den die­se durch die Bin­dung des An­spruchs auf die Bo­nus­zah­lung an das Be­ste­hen ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses im ge­sam­ten Geschäfts­jahr nicht in un­zulässi­ger Wei­se in ih­rer durch Art. 12 GG ga­ran­tier­ten Be­rufs­frei­heit be­hin­dert und nicht iSv. § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt.


aa) Nach Nr. 3 Satz 2 Buchst. a Satz 1 der von der Be­klag­ten mit dem Erb­las­ser im Ju­li 2005 ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­rung hängt die Höhe des Bo­nus von der Ziel­er­rei­chung des Mit­ar­bei­ters, der in­di­vi­du­el­len Be­ur­tei­lung so­wie vom wirt­schaft­li­chen Er­geb­nis der S Grup­pe ab, wo­bei gemäß Nr. 3 Satz 2 Buchst. a Satz 2 der Ver­ein­ba­rung die in­di­vi­du­el­len quan­ti­ta­ti­ven und/oder qua­li­ta­ti­ven Zie­le zu Be­ginn des je­wei­li­gen Geschäfts­jah­res zwi­schen der Be­klag­ten und dem Mit­ar­bei­ter ver­ein­bart wer­den. Tref­fen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ei­ne ent­gelt­re­le­van­te Ziel­ver­ein­ba­rung und be­stim­men sie wie die Be­klag­te und der Erb­las­ser als Ziel­pe­ri­ode das Geschäfts­jahr, ist dies in­ter­es­sen­ge­recht. Der Wil­le der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en, für den An­spruch auf den Bo­nus Jah­res­zie­le und nicht Ta­ges-, Wo­chen- oder Mo­nats­zie­le ge­mein­sam fest­zu­le­gen, ist zu ach­ten.


bb) Ha­ben die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en wie die Be­klag­te und der Erb­las­ser ei­ne ent­gelt­re­le­van­te Ziel­ver­ein­ba­rung ge­trof­fen und ge­mein­sam Jah­res­zie­le fest­ge­legt, kann in al­ler Re­gel auch erst nach Ab­lauf der Ziel­pe­ri­ode fest­ge­stellt wer­den, ob und in wel­cher Höhe dem Ar­beit­neh­mer der ihm für den Fall der Ziel­er­rei­chung zu­ge­sag­te Bo­nus zu­steht. Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en zu Be­ginn des Geschäfts­jah­res nicht aus­sch­ließlich quan­ti­ta­ti­ve, son­dern auch qua­li­ta­ti­ve Zie­le ge­mein­sam fest­ge­legt ha­ben.


cc) Es kommt hin­zu, dass die Höhe des dem Erb­las­ser zu­ge­sag­ten Bo­nus auch vom Geschäfts­er­geb­nis abhängt. En­det das Ar­beits­verhält­nis vor Ab­lauf des Geschäfts­jah­res, ist die Er­mitt­lung ei­nes bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­ziel­ten Geschäfts­er­geb­nis­ses, zu dem der Ar­beit­neh­mer bei­ge­tra­gen hat, in der Re­gel nicht möglich oder zu­min­dest für den Ar­beit­ge­ber mit

 

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ei­nem un­zu­mut­bar ho­hen Auf­wand ver­bun­den.


Dr. Frei­tag

Mar­quardt

Brühler

Züfle

H. Schwit­zer

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