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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/058

Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung und Mit­be­stim­mung

Ei­ne über­be­trieb­li­che, frei­wil­li­ge und an­ony­mi­sier­te Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung zur Füh­rungs­kul­tur und zum be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­ma­nage­ment ist mit­be­stim­mungs­frei mög­lich: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 21.11.2017, 1 ABR 47/16
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06.03.2018. Der Be­triebs­rat kann bei be­trieb­li­chen Re­ge­lun­gen des Ge­sund­heits­schut­zes mit­be­stim­men, vor­aus­ge­setzt, es gibt für sol­che be­trieb­li­chen Re­ge­lun­gen ei­nen Re­ge­lungs­spiel­raum, der durch Ge­set­ze oder Un­fall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten er­öff­net wird.

Aus Be­triebs­rä­te­sicht sind hier ge­setz­li­che Ge­ne­ral­klau­seln span­nend, wie z.B. die sehr all­ge­mein ge­hal­te­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers zur Durch­füh­rung ei­ner „Ge­fähr­dungs­be­ur­tei­lung“ ge­mäß § 5 Ar­beits­schutz­ge­setz (Ar­bSchG). Denn da recht vie­le Maß­nah­men des Ar­beit­ge­bers un­ter die­se Vor­schrift fal­len (kön­nen), kann der Be­triebs­rat dem­ent­spre­chend oft ein Mit­be­stim­mungs­recht re­kla­mie­ren.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) al­ler­dings zu Un­guns­ten des Be­triebs­rats klar­ge­stellt, dass über­be­trieb­li­che, frei­wil­li­ge und an­ony­mi­sier­te Mit­ar­bei­ter­be­fra­gun­gen kei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Be­ge­hungs­be­ur­tei­lung dar­stel­len: BAG, Be­schluss vom 21.11.2017, 1 ABR 47/16.

Ist ei­ne an­ony­mi­sier­te Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung zur Ar­beits­um­ge­bung, zu den Ar­beits­be­din­gun­gen und zur Ar­beits­zu­frie­den­heit als Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung mit­be­stim­mungs­pflich­tig?

Gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) hat der Be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht bei „Re­ge­lun­gen über die Verhütung von Ar­beits­unfällen und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie über den Ge­sund­heits­schutz im Rah­men der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten oder der Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten“. Das Mit­be­stim­mungs­recht setzt ei­nen Re­ge­lungs­spiel­raum („Rah­men“) vor­aus, den ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen oder Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten den Be­triebs­par­tei­en über­las­sen. Be­triebsräte können sich da­her nicht sehr oft auf die­ses Mit­be­stim­mungs­recht be­ru­fen.

Im­mer­hin ist in der Recht­spre­chung an­er­kannt, dass das Mit­be­stim­mungs­recht gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG ein­greift, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung gemäß § 5 Ar­bSchG durchführt. Nach die­ser weit ge­fass­ten ge­setz­li­chen Ge­ne­ral­klau­sel ist der Ar­beit­ge­ber da­zu ver­pflich­tet, „durch ei­ne Be­ur­tei­lung der für die Beschäftig­ten mit ih­rer Ar­beit ver­bun­de­nen Gefähr­dung zu er­mit­teln, wel­che Maßnah­men des Ar­beits­schut­zes er­for­der­lich sind“.

Ge­gen­stand der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG ist die Fra­ge, wie der Ar­beit­ge­ber die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung gemäß § 5 Ar­bSchG or­ga­ni­siert und durchführt.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann man ar­gu­men­tie­ren, dass ei­ne Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung, bei der es u.a. um die Ar­beits­um­ge­bung, die Ar­beits­be­din­gun­gen und die Ar­beits­zu­frie­den­heit geht, ei­ne Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung gemäß § 5 Ar­bSchG dar­stellt. Dann könn­te der Ar­beit­ge­ber sol­che Mit­ar­bei­ter­be­fra­gun­gen oh­ne Zu­stim­mung des Be­triebs­rats we­der selbst durchführen noch ein an­de­res Un­ter­neh­men mit der Durchführung der Be­fra­gung be­auf­tra­gen.

Der Streit­fall: In al­len kon­zern­zu­gehöri­gen Un­ter­neh­men des Ham­bur­ger Uni­ver­sitätskli­ni­kums soll ei­ne frei­wil­li­ge und an­ony­mi­sier­te Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung durch­geführt wer­den, u.a. im Herz­zen­trum

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall gab es Streit zwi­schen dem Be­triebs­rat des Ham­bur­ger Herz­zen­trums, ei­ner 100-pro­zen­ti­gen Toch­ter­ge­sell­schaft des Uni­ver­sitätskli­ni­kums, dem Herz­zen­trum (= Ar­beit­ge­ber), dem Uni­ver­sitätskli­ni­kum (= der Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft) und dem Kon­zern­be­triebs­rat. Ge­strit­ten wur­de über die Fra­ge, ob der Be­triebs­rat des Herz­zen­trums bei ei­ner kon­zern­weit, d.h. in al­len Un­ter­neh­men des Uni­kli­ni­kums durch­zuführen­den Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung mit­zu­be­stim­men hätte.

Der Be­triebs­rat war der Mei­nung, ihm stünde ein Mit­be­stim­mungs­recht gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG zu, weil die ge­plan­te Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung (je­den­falls teil­wei­se) als ei­ne Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung im Sin­ne von § 5 Ar­bSchG an­zu­se­hen sei. Außer­dem fal­le die Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung auch als Maßnah­me des Ar­beits- bzw. Ge­sund­heits­schut­zes (§ 3 Abs.1 Ar­bSchG) un­ter § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG so­wie un­ter das Mit­be­stim­mungs­recht gemäß § 94 Abs.1 Satz 1 Be­trVG, denn die Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung sei als Per­so­nal­fra­ge­bo­gen zu be­wer­ten.

Herz­zen­trum (= Ar­beit­ge­ber) und Uni­ver­sitätskli­ni­kum (= Kon­zern­mut­ter) wa­ren der An­sicht, die Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung sei mit­be­stim­mungs­frei. Denn auf­grund der Frei­wil­lig­keit der Teil­nah­me und der strik­ten An­ony­mi­sie­rung der Er­geb­nis­se gab es kei­nen Be­zug zu kon­kre­ten Ar­beitsplätzen, so je­den­falls die Ar­beit­ge­ber­sicht.

Der Kon­zern­be­triebs­rat schließlich be­an­spruch­te ein Mit­be­stim­mungs­recht für sich selbst.

Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg (Be­schluss vom 14.07.2015, 9 BV 30/14) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg ent­schie­den im We­sent­li­chen für den Be­triebs­rat (Be­schluss vom 14.06.2016, 2 TaBV 2/16).

BAG: Ei­ne über­be­trieb­li­che, frei­wil­li­ge und an­ony­mi­sier­te Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung ist kei­ne Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, da sie kei­nen Be­zug zu kon­kre­ten Ar­beitsplätzen auf­weist

An­ders als das Ar­beits­ge­richt und das LAG ent­schied das BAG ge­gen den Be­triebs­rat. Zur Be­gründung heißt es:

Die um­strit­te­ne Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung würde

  • we­gen der Frei­wil­lig­keit der Teil­nah­me,
  • we­gen ih­rer An­ony­mität und
  • we­gen ih­res über­be­trieb­li­chen Cha­rak­ters bzw. Kon­zern­be­zugs

kei­ne ar­beits­platz­be­zo­ge­nen und/oder tätig­keits­be­zo­ge­nen und/oder ar­beits­be­reichs­be­zo­ge­nen Rück­schlüsse auf Ar­beits­be­din­gun­gen im Herz­zen­trum zu­las­sen. Da­her lag hier „ob­jek­tiv“ kei­ne gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG und § 5 Ar­bSchG mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung vor, so das BAG.

Die Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung war auch kei­ne Maßnah­me des Ar­beits­schut­zes (§ 3 Abs.1 Ar­bSchG), so dass auch un­ter die­sem Ge­sichts­punkt kein Mit­be­stim­mungs­recht gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG ge­ge­ben war.

Sch­ließlich stell­te die Mit­ar­bei­ter­be­fra­gung bzw. der da­zu ver­wen­de­te Stan­dard­fra­ge­bo­gen kei­nen Per­so­nal­fra­ge­bo­gen dar, der gemäß § 94 Abs.1 Satz 1 Be­trVG mit­be­stim­mungs­pflich­tig wäre. Denn die­ses Mit­be­stim­mungs­recht soll das Persönlich­keits­recht des Ar­beit­neh­mers vor­beu­gend schützen, wenn es durch Fra­gen nach persönli­chen Verhält­nis­sen, Ei­gen­schaf­ten und Fähig­kei­ten be­ein­träch­tigt wer­den kann. Ei­ne sol­che Be­ein­träch­ti­gung war hier aber aus­zu­sch­ließen, so die Er­fur­ter Rich­ter, und zwar schon al­lein we­gen der Frei­wil­lig­keit der Teil­nah­me an der Be­fra­gung.

Fa­zit: Über­be­trieb­lich durch­geführ­te Mit­ar­bei­ter­be­fra­gun­gen, an de­nen die Ar­beit­neh­mer nicht teil­neh­men müssen und de­ren Er­geb­nis­se strikt an­ony­mi­siert sind, un­ter­fal­len auch dann nicht dem Mit­be­stim­mungs­recht gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG, wenn ein Teil der Fra­gen Umstände be­trifft, die für den be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­schutz mit­tel­bar von Be­deu­tung sein können. Bei Frei­wil­lig­keit der Teil­nah­me liegt auch kein Mit­be­stim­mungs­recht gemäß § 94 Abs.1 Satz 1 Be­trVG (Per­so­nal­fra­ge­bo­gen) vor.


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Letzte Überarbeitung: 2. August 2019

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